Immer wieder freut man sich, ihr zu begegnen: der Eisenfigur "Fernsicht" (1987/1994) von Markus Raetz, die, auf einem Kartonsockel stehend, durch einen Feldstecher blickt. Die Figur, obwohl nur wenige Zentimeter gross, passt wunderbar in die Ausstellung "Big Picture. Das grosse Format", weil der Titel nicht nur wortwörtlich, sondern auch im übertragenen Sinn zu verstehen ist.

Alle Werke, ob grossformatig, sogar raumfüllend oder aber winzig, ob ein- oder mehrteilig laden dazu ein, neue Welten zu entdecken, Blicke in die Ferne zu werfen, Bekanntes in neues Licht zu tauchen, die Wahrnehmung zu schärfen oder die Perspektive zu wechseln.

Markus Raetz' neugieriger Fernglasgucker hat somit nichts anderes im Sinn als etwa Christian Philipp Müllers multimediale und interaktive Rauminstallation "Tour de Suisse" (1994), die Informationen über 24 Schweizer Kunstinstitutionen zugänglich macht. So unterschiedlich sie sind: Beide Werke animieren dazu, die Welt unter die Lupe zu nehmen, um darüber etwas Neuartiges erzählen zu können.

Gegenüberstellungen und Durchblicke

Für "Big Picture" hat die Kuratorin Simona Ciuccio aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses Werke von rund 30 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Balthasar Burkhards monumentale Fotografien "Les Jambes/Teil 1" (1986) machen den Anfang. In den folgenden Räumen trifft man auf Fiona Tans Wandinstallation "Vox Populi Switzerland" (2010), Augustin Rebetez' "Tiroir" (2018), Adrian Schiess' "42 flache Arbeiten" (1987-1990) oder Mario Salas kleinformatige Zeichnungen "Projekte" (1991-1999).

Die Ausstellung lebt aber nicht nur von den grossartigen Einzelwerken, sondern auch von Gegenüberstellungen und von Durchblicken, die sich von einem Raum in den nächsten ergeben. Viele der bekannten Werke erhalten so einen neuen, das heisst, einen Horizont erweiternden Charakter.

Ungeschliffene Kunst

In diese Richtung geht auch die Ausstellung "Kunst im Verborgenen", die die Kuratorin Julia Schallberger in Zusammenarbeit mit der Collection de l'Art Brut in Lausanne zusammengestellt hat. Die meisten Exponate - 200 Malereien, Zeichnungen und Assemblagen von 22 22 Schweizer Künstlerinnen und Künstlern - stammen aus dieser Institution. Beigefügt hat Schallberger einzelne Werke aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses.

Den Begriff "Art Brut" (rohe, ungeschliffene Kunst) geprägt hat der französische Maler, Bildhauer, Collage- und Aktionskünstler und Sammler Jean Dubuffet (1901-1985). Er bereiste die Schweiz auf der Suche nach künstlerischen Ausdrucksformen abseits etablierter Strömungen und fand sie vor allem im Verborgenen - in Spitälern, Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken. 1971 schenkte Dubuffet grosse Teile seiner Sammlung der Stadt Lausanne, die 1976 auf deren Basis die Collection de l'Art Brut eröffnete.

Die Ausstellung eröffnet fantastische Bildwelten, die geprägt sind von den schwierigen Lebensumständen der Künstlerinnen und Künstler. Vertreten sind bekannte Namen wie Aloïse Corbaz, Adolf Wölfli und Hans Krüsi. Viele gibt es zu entdecken, etwa Martial Richoz, von dem eine witzige Assemblage aus Wegwerfmaterial zu sehen ist, oder Diego, der mit Bleistift und Lineal Fassaden von Palästen, Chalets und Hochhäuser zeichnet und mit Filzstift ausmalt.

Die Ausstellung im Rahmen der CARAVAN-Reihe für junge Kunst schliesslich zeigt installative Arbeiten der 1994 geborenen Künstlerin Marie Matusz. Sie stammt aus Frankreich und absolvierte ihre Kunstausbildung in Genf und Basel.

Verfasser: Karl Wüst, ch-intercultur