Kindercomics

Basel verpasst die Fieberkurve

Alles wird gut: Hilda vermittelt zwischen Menschen und Berggeistern.

Alles wird gut: Hilda vermittelt zwischen Menschen und Berggeistern.

Comics für ein jüngeres Publikum erleben während der Pandemie einen Aufschwung. In Basel ist davon noch wenig zu spüren.

Eine Stadt im Lockdown. So weit die Landschaft mit ihren spitzen Hügeln und Tannen, so beengt ist Trolberg: Eine hohe Mauer umgibt die moderne Siedlung mit dem ominösen Namen. Drinnen leben verängstigte Menschen, vor den Stadttoren wilde Berggeister. Und zwischen den beiden Welten bewegt sich ein Menschenmädchen mit blauem Haar und unbändigem Freiheitsdrang, das mittlerweile eine eigene Netflix-Serie hat.

«Hilda» heisst die Erfolgsreihe des britischen Zeichners Luke Pearson, mit deren deutschsprachigen Übersetzung der Berliner Comicverlag Reprodukt Erfolge feiert, trotz oder gerade wegen der Coronakrise: Ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt, stossen Bildergeschichten für ein junges Publikum auf grösseren Anklang. Dazu gehören zum Beispiel auch die Alltagsabenteuer eines kleinen Mädchens an der Elfenbeinküste («Akissi»). Oder die liebenswerten Eseleien des Drittklässlers «Ariol», zu denen eben ein neuer Band bei Reprodukt erschienen ist.

«Gewaltiger Anstieg für die Kindercomics»

«Die Sichtbarkeit des Kinder­comics hat aus unserer Sicht ­definitiv zugenommen», erklärt Reprodukt-Vertriebsleiterin Mona Schütze. Seit sieben Jahren engagiert sich der Verlag auch in diesem Bereich, der ­bislang deutlich weniger Umsatz erzielte als die Graphic ­Novels für Erwachsene. Im März allerdings lagen die beiden Erlösgruppen gleichauf. «Das ist ein gewaltiger Anstieg für die Kindercomics, der besonders im Bereich der Erstlesebücher stark spürbar ist.»

Und welchen Eindruck hinterlassen «Hilda» & Co in Basel, das seine Stadtmauern vor 150 Jahren schleifen liess? «Ganz allgemein kann man sagen, dass die Nachfrage an Kinder- und Jugendliteratur besonders zu Beginn der Coronakrise merklich gestiegen ist, und zwar über sämtliche Titel hinweg», bestätigt Gina Stevic, die bei der Buchhandlung Bider & Tanner Jugendbücher und Comics ­betreut. Schaue man sich die Comics im einzelnen an, steche allerdings kein Titel heraus, der auffallend häufiger bestellt ­würde.

Auch in der Fachbuchhandlung Comix Shop Basel ist Reprodukt mit seinem Programm vertreten. «Von diesem Verlag haben wir sowieso alles auf ­Lager», erklärt Inhaberin ­Angela Heimberg. «Ariol», «Akissi» und «Hilda» seien ­besonders gut verankert. «Das sind Serien, die man auch in den Bibliotheken findet – schöne Alternativtitel zu den ‹Schlümpfen› und ‹Asterix›.» Die derzeit verkauften Comics richteten sich aber nicht speziell «nur» an eine jüngere Leserschaft. «Verkaufsschlager habe ich keine, da wir viele ­Bereiche abdecken.»

Kostenlose Auslieferung in der Stadt

Kindercomics haben für Heimberg trotzdem einen hohen Stellenwert, geht es dabei doch auch um Leseförderung. «Für Bibliotheken stellen wir zwei Mal im Jahr eine Liste mit Comic-Empfehlungen zusammen», erklärt sie. «Ausserdem haben wir eine Broschüre in Arbeit, die sich ­gezielt an Primarlehrpersonen wendet.» Die Publikation soll die ganze Bandbreite an Kindercomics aufzeigen und konkrete Aufgabenstellungen für den Unterricht anbieten. Doch das Projekt liegt derzeit auf Eis. Wie andere «nicht-essentiellen» Läden hat auch der Comix Shop Kurzarbeit angemeldet, der Grossteil des Geschäftes ist zum Erliegen gekommen.

«In der Krise müssen wir über den Tellerrand schauen», sagt Angela Heimberg, die Inhaberin Comix Shop Basel.

«In der Krise müssen wir über den Tellerrand schauen», sagt Angela Heimberg, die Inhaberin Comix Shop Basel.

«Wir nehmen noch Bestellungen entgegen und liefern in der Stadt kostenlos mit dem Velo aus», erklärt Heimberg. Vom Umfang her macht das zwar nur einen Bruchteil des üblichen Umsatzes aus, doch Heimberg und ihr Team wollen in Bewegung bleiben. «Der Laden fühlt sich im Moment an wie eine Lagerhalle, trotzdem richten wir jeden Tag den Neuheiten-Tisch her – wenn auch nur für uns selbst.» Anfragen werden nicht nur ­online beantwortet, es gibt auch telefonische Beratungen: «Das ist spannend, weil wir Bücher und Zeichenstile beschreiben, ohne dass die Kundinnen und Kunden in den Comics blättern können.»

Die Stammkundschaft legt Wert darauf, das Sortiment des Comix Shops eigenhändig zu durchforsten. Fällt der haptische Eindruck weg, wartet ein Grossteil lieber die Wiedereröffnung des Ladens ab als Blindkäufe im Internet zu tätigen. «Diese Treue tut gut», sagt Heimberg, die für den Solidaritätsgedanken eintritt. Das ist mit ein der Grund, weshalb der Comix Shop Basel über die Schweizer Vertragsauslieferung Kaktus weiter Bände nachbestellt und so den langjährigen Lieferanten Unterstützung ­signalisiert. «Wir sind diese ­Kooperation eingegangen, damit die Handelskette nicht unterbrochen wird», so Heimberg. Das komme den Verlagen und letztlich auch den Künstlerinnen und Künstlern zugute. «In dieser Krise müssen wir über den Tellerrand schauen.»

Nachhaltiges Handeln dient allen

Gewinnmaximierung interessiert Angela Heimberg als Geschäftsfrau wenig. Selbstverständlich wollen Löhne gezahlt, der Laden entwickelt und sinnvolle Reserve angelegt werden. «Doch ich handle nach der ­Maxime, dass faires und nachhaltiges Handeln allen dient», sagt sie. Und nennt selbstkritisch das Beispiel des Pöstlers, der jeden Tag zu Fuss mit seinem Handkarren zum Laden kommt. «Der portofreie Paketversand entwertet seine Arbeit, weil sie nichts mehr kosten darf. So werten wir uns selbst ab durch ein Verhalten, das wir uns in den letzten Jahren angeeignet haben.»

Der letzt Band von «Hilda» steht übrigens ebenfalls im Zeichen der Solidarität, Trolle und Menschen raufen sich zusammen. Ein Happy End also, an dem sich die Wirklichkeit ein Beispiel nehmen könnte – wenn sie denn Comics läse.

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