Max Lässer
Badener Musiker Max Lässer gewinnt Aargauer Kulturpreis

Mit seinem Überlandorchester bringt der Badener Musiker Max Lässer die Volksmusik ins Heute. Der Gitarrist und Bandleader ist seit 40 Jahren für musikalische Pioniertaten bekannt. Dafür erhält er den Kulturpreis 2010 der AZ Medien Gruppe.

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«Man muss seinem Herzen folgen»

«Man muss seinem Herzen folgen»

Sabine Altorfer
Wir treffen Max Lässer in seinem Studio an der Kronengasse in Baden. Locker sitzt er da zwischen Schaltpult und Gitarren. Ein paar wilde Bilder und Plakate gehören mit zum dichten Nebeneinander. Sie erzählen die Karriere des Gitarristen bis zum «Überlandorchester».

Max Lässer, Schweizer Volksmusik ist bei Ihnen ein altes Thema. Im Moment ist die Beschäftigung mit der Schweiz aber in, querbeet. Überrascht Sie das?

Lässer: Es ist Zeit dafür, weil es hier seit einer Weile unangenehm ist. Meine Motivation, mich mit der Schweiz zu beschäftigen, war ursprünglich eine musikalische. In den Ländern rundum ist die Volksmusik viel näher bei den Leuten, ist Teil der populären Musik. Bei uns hat sie die SVP in den Buurezmorge einverleibt. Unsere Musik. Aber eine Musik gehört nie – never ever – jemandem. Seit dem 2. Weltkrieg wurde die Volksmusik in der Schweiz vereinnahmt, missbraucht.

Das ist aber kein Schweizer Phänomen.

Lässer: Ja. Vor 4 Jahren machte ich mit Hubert von Goisern eine Tournee mit Volksliedern. Die sind wahnsinnig schön und wir haben sie mit Inbrunst gespielt. Nach «Obig spot», einem feinen Schlaflied, hat Hubert jeweils gesagt: «Das war Hitlers Lieblingslied.» Dann war es totenstill im Publikum. Was ich damit sagen will: Die Musik wurde für etwas missbraucht, aber die Musik kann nichts dafür – dafür wehre ich mich.

Als Sie vor 40 Jahren Volksmusik spielten, galt das bei den Rockern als verpönt.

Lässer: Ja, schon, es war doch sehr ungewöhnlich. Und heute schreiben die Medien, wenn Bligg mit einem Hackbrett auf der Bühne erscheint, er habe die Volksmusik der Populärmusik nähergebracht – was für ein Schmarren! Guter PR-Gag für ihn, es hat aber mit musikalischer Entwicklung oder Annäherung gar nichts zu tun.

Verstehen Sie Ihre Musik als politisch?

Lässer: Ui, das ist ein weites Feld. Für gewisse Leute ist meine Art Musik sicher bedrohlich. Etwa für jene, die alles so bewahren wollen, wie es ist.

Aber verknüpfen Sie mit Ihrer Musik eine politische Botschaft?

Lässer: Ja schon. Denn mit meiner Musik sage ich: So sehe ich unsere Schweiz. Der Urgrund, warum ich vor 40 Jahren angefangen habe, Musik zu machen, war natürlich die Haltung der 60er-Jahre. Der Wille zu zeigen: Wir sehen es anders und wir machen es anders als die Alten. Das führte zu Unruhen, nicht weil wir Unruhen wollten, sondern weil wir es so nicht aushielten. Das ist natürlich ein politischer Vorgang.

War es ein Risiko, als Sie sich 22-jährig zum freischaffenden Musiker erklärten?

Lässer: Schon, aber das ist einem in diesem Alter gar nicht bewusst. Und vieles war damals einfacher. Als ich eine Lehrstelle suchte, konnte ich unter 30 Angeboten aussuchen.

Was für eine Lehre haben Sie gemacht?

Lässer: Eine Banklehre (lacht schallend). Und ich habe mich für eine möglichst nahe Lehrstelle entschieden, damit ich über Mittag nach Hause konnte, um Gitarre zu spielen.

Haben Sie die Lehre abgeschlossen?

Lässer: Ja, klar, aber danach nie auf einer Bank gearbeitet.

Sie haben am Anfang viel mit Hardy Hepp und auch mit seiner Band Krokodil gespielt. Hardy Hepp hat mir gesagt, er habe Ihre Mutter beruhigen müssen. . .

Lässer: Ja, ja (lacht). Diese Szenen sehe ich noch vor mir. Es gab wie immer Kaffee und Wähe in der kleinen Küche. Meine Mutter kannte die Welt der Jungen nicht, aber Hardy konnte sie beruhigen, das komme schon gut mit dieser Musik.

Die Musikszene ist seither viel grösser und zum Business geworden. Wie empfinden Sie die Veränderung?

Lässer: Früher hast du nicht Musik gemacht, wenn du nicht ein ganz starkes Bedürfnis hattest, etwas zu erzählen. Jetzt kann man in eine Jazz- oder Popschule gehen und ist nachher ausgebildeter Musiker. Aber dass man etwas zu erzählen hat, können sie dir nicht beibringen. Wir sind am gleichen Punkt wie in der klassischen Musik angelangt: Man bildet mehr und mehr Musiker aus, die immer besser spielen.. . Aber Virtuosität reicht nicht. Ich habe meinen Musikerweg immer als Künstlerweg gesehen. Ich gehe dorthin, wohin mein Herz mich zieht, in der Hoffnung, die anderen können es goutieren.

Sie haben mit vielen wichtigen Leuten zusammengespielt, live oder im Studio: Hardy Hepp, Andreas Vollenweider, Patent Ochsner, Stephan Eicher...

Lässer: Das stimmt, ich bin aber selten dort, wo sich die wichtigen Leute treffen. Deshalb erstaunt es mich auch so, dass ich den Kulturpreis bekomme.

Was bedeutet der Preis für Sie?

Lässer: Mich erstaunt es, weil es Leute gibt, die sich viel offensichtlicher für einen Preis anbieten. Für mich ist es eine schöne Bestätigung: Aha, man hört, was ich mache. Und es zeigt auch, dass nicht nur honoriert wird, was laut ist, was heute gross und morgen vergessen ist.

Und was machen Sie mit dem Geld?

Lässer: Mal schauen, ob ich es in die nächstjährige Tournee stecken muss, falls wir das Geld nicht zusammenbringen. Aber eigentlich würde ich gern wieder mal abhauen. In die USA oder nach Afrika. Da wartet noch was, das spüre ich.

Aber wurmt es Sie nicht, dass die anderen im Rampenlicht stehen und Sie nicht?

Lässer: Nein. Man kommt mit einem gewissen Potenzial zur Welt und schöpft es möglichst aus. Erst mit 35 habe ich entschieden: Fertig singen, fertig Liedermacherei, ich mache jetzt Instrumentalmusik – etwas, was es eigentlich gar nicht gab. Wenn ich zurückschaue, muss ich sagen, es war goldrichtig. Meine Karriere war ja nicht erfolglos. Ich war in den USA in den Charts – welcher Schweizer ist das schon? Leider wurde dann die Firma CBS verkauft und wir alle standen trotz Erfolg auf der Strasse.

Sie haben gesagt, Sie folgen Ihrem Herzen. Dieser Weg ist bei Ihnen nicht geradlinig. Sondern heisst: Schweiz–USA– Südafrika oder Volksmusik–Folk–New Age–Crossover–Volksmusik.

Lässer: Das mag nach Zickzack aussehen, ist es aber nicht. Die Zusammenarbeit mit den Afrikanern beispielsweise habe ich nicht gesucht. Ich bekam einen Telefonanruf: Kommst du mit nach Johannesburg? Und nimm deine Gitarre mit! Mich hats dort umgewindet! Denn da traf ich eine andere, befreitere Art des Musizierens. Und wenns mich packt, dann grabe ich und nutze mein Netzwerk, organisiere eine Zusammenarbeit.

Zur Fussball-WM in Südafrika könnten Sie das Projekt wieder aktivieren, eine schöne CD hätte sicher Erfolg.

Lässer: Nein, keine Lust. Ich bin nicht der Richtige, um ein Baschi-Liedli nach Südafrika zbringe (lacht).

Eine Konstante in Ihrer Musik ist die Art, wie Sie Gitarre spielen. Die Slides sind Ihr Markenzeichen, das man sofort hört.

Lässer: Das hat mit meiner Auffassung von Musik zu tun. Hardy Hepp hat mir gesagt: Lässer, du musst so spielen, dass man nach 10 Sekunden weiss, dass du das bist. Das ist deine einzige Chance. Das ist bei all diesen Gitarreiros so, man hört sofort, ob Eric Clapton spielt. Das kommt nicht von nichts: Wenn man einen eigenen Stil entwickeln will, muss man auf vieles verzichten. Heute kann ich die Belohnung für den langen Weg ernten, ich kann ohne Stress spielen, es stimmt und die Leute mögen es so.

Wenn Sie spielen, wirken Sie immer ruhig, Sie geben Raum, lassen sich Zeit.

Lässer: Für mich kommt Musik aus der Ruhe. Hier. In New York wäre ich falsch, dort kommt die Musik aus der Hektik. Für mich kommt die Musik aus dem Nichts. Die Töne müssen sich selber gebären, man muss Ihnen nur Platz geben.

Band und Solos, Manager und Musiker bringen Sie unter einen Hut. Geht das auch mit Musik und Privatleben?

Lässer: Ich war mal verheiratet, bins aber nicht mehr... (lacht). Ich weiss nicht, ob die Situation anders ist, als wenn man sonst in einem Beruf erfolgreich ist.

Aber gibts bei Ihnen neben Musik noch etwas anderes?

Lässer: Ja klar. Ich habe Zeit für Hobbys, spiele Tennis, bewege mich gerne und mache auch gerne am Abend eine Runde, trinke ein Gläschen, treffe Leute...

Sie werden in diesem Jahr 60. Kommts Ihnen selber so vor?

Lässer: Ich fühle mich höchstens so, wenn ich müde bin. Aber ich bin meistens mit jüngeren Leuten zusammen. Musik oder generell etwas, das man mit Leidenschaft macht, hält fit.

Sie planen also nicht Ihre Pensionierung?

Lässer: Die gibts nicht für mich. Das Feld zwischen Volksmusik und dem, was ich mache, ist noch lange nicht erschöpft. Ich möchte der Musik noch mehr den Touch von dem geben, wo ich herkomme. Mehr Schweiz, mehr Alpenmusik. Das hat Potenzial. Und meine Musik ist nicht Hochleistungsmusik, ist kein Stress, sondern macht einfach Freude. Also kann ich das noch lange machen.

Max Lässer in concert 28.5. in Gontenschwil, 5.6. in Brugg. www.maxlaesser.com.

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