Krieg und Kunst

Aus der Kampfzone in den Kunstraum

Ibrahim Dandal hat den syrischen Bürgerkrieg hautnah erlebt. Erinnern möchte sich der Künstler an die Farben seiner Heimatstadt Palmyra.

Ein ungleiches Paar, auf den ersten Blick. Hier der pensionierte Anwalt im grauen Anzug mit Brille, dort der syrische Künstler mit rotem Schal und braunen Augen, die noch eine Schattierung dunkler sind als seine Haut. Was die beiden verbindet, sind ihre Bescheidenheit, die gegenseitige Wertschätzung – und ihre Leidenschaft für die Kunst.


«Herr Fischer hat die Initiative ergriffen und den Grundstein für die Ausstellung gelegt», sagt Ibrahim Dandal sanft in vorsichtig tastendem Deutsch. «Botschaften aus Palmyra» heisst diese Ausstellung im Kunstraum am Heuberg 24, der voller sommerlicher Farben leuchtet: Rot, gelb und orange strahlen die Gemälde an den Wänden, aus denen rätselhafte Schriftzeichen, Ornamente und mythologische Figuren auftauchen.


«Es ist deine Ausstellung», widerspricht Alex Fischer ebenso ruhig, aber bestimmt, und legt Dandal seine Hand auf die Schulter. Zur Eröffnung erschienen 150 Personen, viele der Bilder
sind bereits vergeben. «Dank Herrn Fischers Freunden», sagt der Künstler. «Aber nicht nur», protestiert der Anwalt.


Auch nach jahrelangem Exil fehlt die Sprache

Der syrische Maler, 1973 in Palmyra geboren, lebt seit vier Jahren in Basel. «Vier Jahre und vier Monate», präzisiert Dandal und bringt die Hände vor seiner Brust zusammen. In seiner Heimat hatte er Grafik und Kalligrafie im Eigenstudium erlernt und an den jährlichen Ausstellungen des syrischen Kultusministeriums teilgenommen.


Von 1999 bis 2015 arbeitete er für den Roten Halbmond und betreute die Kriegsopfer im Grossraum Palmyra, zuletzt als leitender Direktor. Die Gräuel, die Dandal während dieser Zeit erlebt hat, erwähnt Fischer in der Gegenwart seines Freundes nur diskret; dem Maler fehlt dafür auch nach jahrelangem Exil noch immer die Sprache. «Seit neun Monaten besuche ich eine Deutschschule, aber ich vergesse viel», sagt er. «Manchmal sogar das Arabisch. Mein Kopf ist voll Stress.»


Seit 2015 ist Dandal, der sich für das Überleben anderer einsetzte, selbst auf der Flucht. «Mein Haus, in dem ich mit meiner Mutter gelebt habe, wurde von Assads Regime zerstört, zusammen mit etwa 400 Bildern», erzählt er und presst seine Lippen zusammen. «Ich habe nur noch ein Foto davon.» Dandals Mutter und sein Bruder konnten ebenfalls fliehen und leben jetzt in der Türkei, nur über Whatsapp können sie den Kontakt aufrechterhalten. Dandals Blick verschwimmt. «Du hast einmal gesagt, wenn Du malst, bist du glücklich», holt Fischer ihn aus seinen drückenden Erinnerungen zurück. «Sicher, ich habe keine Wahl, lieber Alex», erwidert Dandal und lacht auf. «Nur das Malen.»


In seiner Kunst kehrt Dandal nach Palmyra zurück und erfindet neu, was ihm seine verlorene Heimat mit ihrer reichen Kultur und Geschichte bedeutet: das erste Alphabet, die erste Notenschrift, die altertümlichen Gottheiten. «Die starken Farben stehen für Freiheit und Wahrheit. In meinen Bildern zeige ich die Zivilisation und den Geist meiner Heimatstadt mit ihren Märkten, Häusern und Tempeln», erklärt Dandal. Wieder trübt sich sein Blick. «Das ist jetzt alles zerstört.» – «Es ist aber auch viel Erzählfreude dabei», wirft der Anwalt ein und zeigt aufmunternd auf ein grossformatiges Bild mit einem blauen Feld in der Mitte. «Sag doch mal, was das ist.» Dandal nimmt ein Papier zur Hand und liest stockend seine ins Deutsche gebrachten Anmerkungen vor: «Die heilige Quelle von Afqa ist der Ursprung für die Stadt Palmyra. Sie wurde zu einem Ort der Anbetung des Gottes Yarhabol.»


Für ihn und die meisten seiner Landsleute sei das Miteinander verschiedener Religionen in Syrien nie ein Problem gewesen, sagt Dandal. «Nie. Nur mit dem Regime haben wir ein Problem. Seit vierzig Jahren gibt es diese Diktatur. Der Mann meiner Tante war 17 Jahre eingesperrt, insgesamt sitzen eine Million Menschen im Gefängnis.» Er möchte daran glauben, dass Assad nicht an der Macht bleiben, dass er selbst eines Tages nach Syrien zurückkehren wird. «Basel ist eine schöne Stadt und die Leute sind sehr nett», erklärt er. «Aber ich bin fremd hier, das ist nicht einfach.» «Fremder» heisst auch das einzige Selbstbildnis, das Dandal in eine Serie kleinformatiger Porträts gereiht hat. Sie tragen den Titel «Traurige Gesichter» und zeigen Menschen in Flüchtlingslagern.


Zufallsbegegnung beim Strassenapéro

Dandal malt seine Bilder aus dem Kopf, wie er sagt, «ohne Vorzeichnung». «Wegen der positiven Farbigkeit erinnern die Bilder von weitem an die Bilderzählungen Marc Chagalls, aber auch an die Farben von Friedensreich Hundertwasser», zitiert der Anwalt aus dem Saaltext, den seine Tochter Annina Fischer verfasst hat. In Basel besucht der Syrer jetzt die Kunsthäuser, die Fondation Beyeler und das Kunstmuseum. «Ich war schon oft dort», bestätigt er. «Ich mag Künstler wie Picasso oder Salvador Dali.» Dandals eigene Bilder wirken oft surreal, «aber das sind Mythologien ja immer».


Auch der neue Wohnort hat Spuren in seinen Werken hinterlassen. Der Rhein ist wiederholt ein Thema («Wasser ist Leben»), und zum unbeständigen Klima vermerkt der Maler: «Ich empfange die goldenen Strahlen bei Tagesanbruch am Morgen, hier in Basel. Wenn die Strahlen nicht kommen, weiss ich, dass die Wolken vor dem Gesicht der Sonne stehen. Also gehe ich zum Spiegel und sehe meine braune Haut, die mich daran erinnert, dass ich aus der Stadt der Sonne komme.»


Dass Dandals Weg überhaupt an den Rhein führte, verdankt er einem syrischen Freund in Zürich, der ihm eine Unterkunft in Basel vermittelt hatte. «Die Besitzerin sagte, dass ihr Haus für mich offensteht. Ich bin ihr unendlich dankbar.» Nur zwei Häuser weiter wohnt auch Alex Fischer. «Wir haben uns bei einem Strassenapéro kennen gelernt», erinnert sich der Anwalt. Als kunstaffiner Mensch sei er von Dandals Bildern begeistert gewesen. «Da habe ich zu ihm gesagt: Ibrahim, wir machen eine Ausstellung.» Bei dem Vorhaben standen dem Anwalt verschiedene Persönlichkeiten zur Seite, so etwa Barbara Maggio, Andrée Koechlin, Anna Schmid, Regina Fischer, Alexander Sarasin oder Felix Ackermann.


«Viel Arbeit war das, gell?», meint Fischer. «Ja», sagt Dandal, das a in die Länge gezogen, und die beiden Männer lachen.


«Botschaften aus Palmyra»,
Kunstraum am Heuberg 24,
bis Samstag, 1. Februar.

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