Literatur
Amerikanischer Autor setzt Eltern ein Denkmal

Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford hat ein brillantes Erinnerungsbuch geschrieben. Darin geht es um seine Rolle zwischen seinen Eltern.

Andreas Wirthensohn
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«Es kann ganz wohltuend sein, das eigene Auf-die-Welt-Kommen als ein durchaus gemischtes Glück zu betrachten»: Richard Ford.

«Es kann ganz wohltuend sein, das eigene Auf-die-Welt-Kommen als ein durchaus gemischtes Glück zu betrachten»: Richard Ford.

RAUL ARBOLEDA/AFP/Getty Images

Dieses Buch ist vor allem eines: eine Überraschung. Richard Ford, 1944 in Jackson, Mississippi, geboren, zählt schon lange zu den renommiertesten Schriftstellern Amerikas. Vor allem seine Romane um den Sportreporter und späteren Immobilienmakler Frank Bascombe gehören zum Besten, was die US-Literatur in den vergangenen drei Jahrzehnten hervorgebracht hat. Wer wirklich etwas über die «Lage des Landes» (so der Titel des dritten Bascombe-Romans, 2006 erschienen) auf der anderen Seite des Atlantiks erfahren wollte, der war bei Ford seit je besser aufgehoben als etwa bei Philip Roth oder Jonathan Franzen. Aber auch im Genre der Story weiss Ford zu begeistern, etwa in «Rock Springs» (1987) oder «Eine Vielzahl von Sünden» (2002), was vielleicht auch damit zu tun hat, dass diese Gattung der für sein Schreiben so charakteristischen Lakonie und andeutenden Beiläufigkeit besonders entgegenkommt.

«Memoirs» auf Höhenflug

Doch nun wagt sich Ford zum ersten Mal an einen dezidiert nichtfiktionalen Text. Wobei «Zwischen ihnen» genau genommen aus zwei Texten besteht: einem über den schon 1960 verstorbenen Vater, den der Sohn erst mehr als fünf Jahrzehnte nach dessen Tod verfasste, und einem über die Mutter, den Ford schon recht bald nach ihrem Tod 1981 schrieb. Als «Memoir» bezeichnet Ford selbst sein neues Buch und scheint damit einem Trend zu folgen, der auf dem Buchmarkt gerade einen Höhenflug erlebt. Doch anders als etwa «Rückkehr nach Reims» von Didier Eribon, «Das Ende von Eddy» von Édouard Louis oder der «Hillbilly-Elegie» von J. D. Vance geht es Ford weniger um eine «Autosoziobiografie», also um eine Geschichte des eigenen Herkunftsmilieus, sondern wirklich um seine Eltern als Personen.

«Mein Leben stand, wie das der meisten Schriftsteller, im Zeichen des Wahrnehmens und Bekundens.» Diesem literarischen Prinzip bleibt Ford auch beim Blick auf seine Eltern treu. Feinsinnig, einfühlsam, vorsichtig fragend spürt er dem Leben von Parker Ford und Edna Akin nach, und besonders interessiert ihn dabei die Zeit vor seiner Geburt. Richard war für damalige Verhältnisse ein spätes Kind, seine Mutter war bereits Mitte dreissig, als sie ihn zur Welt brachte. Der Titel des Buches deutet zumindest an, dass der Sohn (der das einzige Kind bleiben sollte) fortan auch zwischen den Eltern stand, und dass die Eltern als Paar vor seiner Geburt glücklicher waren, wird ebenfalls des Öfteren deutlich. Was Ford mit der ihm eigenen Lakonie so konstatiert: «Es kann ganz wohltuend sein, das eigene Auf-die-Welt-Kommen als ein durchaus gemischtes Glück zu betrachten.»

«Ein Erinnerungsbuch zu schreiben und die Bedeutung eines anderen Menschen zu ermessen, ist auch ein Versuch, dem gerecht zu werden, was sonst unbemerkt bliebe.» Fords Buch ist durchaus eine Liebeserklärung an die Eltern, wobei der Vater aufgrund seiner Berufs – er war Handlungsreisender und oft nicht zu Hause – und seines frühen Todes mit Mitte fünfzig etwas ferner erscheint als die Mutter.

Das Leben gemeinsam meistern

Doch das eigene Verhältnis zu den Eltern spielt eine eher untergeordnete Rolle, «Zwischen ihnen» ist viel eher eine Hommage an die elterliche Kunst, das Leben trotz aller Widrigkeiten gemeinsam zu meistern. Dieses «gemeinsam» ist trotz der «geteilten» Erinnerung ganz zentral, und etwas überspitzt gesagt, könnte man Fords Text als Versuch betrachten, die Eltern noch einmal schreibend zusammenzubringen. Denn im Tod sind die beiden getrennt.

Der Onkel liess den Vater in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Bestattungshaus abholen und im Familiengrab der Fords bestatten; für die Mutter, die von der Familie ihres Mannes nie wirklich akzeptiert wurde, war in diesem Grab später dann kein Platz mehr. «Am Ende war er endgültig weg von meiner Mutter. In ihrem Denken ... würden sie nicht gemeinsam in die Ewigkeit eingehen. Das ist nicht das Traurigste, was ich kenne. Aber es gehört dazu. Aus Respekt vor ihnen beiden und aus Liebe besuche ich keines der beiden Gräber, denn sie hatten das Leben am leuchtendsten erlebt, wenn sie zusammen waren, und so will ich an sie denken, an beide, zusammen.»

«Der Mensch ist so viel mehr, als irgendwer je erzählen könnte.» Was Richard Ford uns in diesem grossartigen Buch präsentiert, sind Bruchstücke, Mutmassungen, Spekulationen. Insofern könnte man es als ein Buch der «Unvollkommenheit» bezeichnen. Doch gerade deshalb ist es ein zutiefst aufrichtiges und berührendes Buch geworden.

Richard Ford: Zwischen ihnen. Hanser, Berlin. 144 S.

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