Weil am Rhein

Am Anfang war ein Feuer – das Vitra Design Museum wird 30

Mit Frank Gehrys Bau nahm die Erfolgsgeschichte des Vitra Design Museums 1989 ihren Anfang.

Mit Frank Gehrys Bau nahm die Erfolgsgeschichte des Vitra Design Museums 1989 ihren Anfang.

Als 1981 ein Grossteil der Produktionsanlagen in Weil am Rhein abbrannte, liess der damalige Vitra-Chef einen Architektur-Campus errichten. Und legte damit den Grundstein für das Erfolgsmuseum.

Wer an einem Nachmittag über das Vitra-Gelände im Niemandsland am östlichen Stadtrand von Weil am Rhein schlendert, wird die Gruppen von jungen Menschen bemerken: Menschen aus Korea und Japan, aus Spanien oder Italien. Diese Menschen sehen aus, wie man sich aufstrebende Jungdesigner oder Architekturstudentinnen vorstellt. Und sie sind gekommen, um herausragende Bauten von international führenden Architekten zu bestaunen, die hier ihre Spuren hinterlassen haben: Nicolas Grimshaw, Tadao Ando, Sanaa, Herzog & de Meuron, Zaha Hadid und Frank Gehry.

Und um die Museen zu besuchen: Gehry hat 1989 mit dem Bau des Vitra Design Museums so etwas wie das Markenzeichen für das Areal geschaffen. Es war der erste Bau des berühmten Amerikaners in Europa – lange vor seinem ikonenhaften Guggenheim-Museumsbau in Bilbao. Dieses hinreissend verschachtelte und verwinkelte Haus sorgt seitdem dafür, dass für viele Menschen der Name Vitra weniger für Möbelherstellung steht als für Kunst und Kultur.

Alles begann mit dem Gehry-Bau. Rolf Fehlbaum, damals Chef (und heute Chairman Emeritus) des Familienunternehmens Vitra AG, hatte im wahrsten Sinn des Wortes einen Phönix aus der Asche auferstehen lassen. Ein Brand hatte einen Grossteil der Produktionsanlagen in Weil zerstört. Fehlbaum beschloss, das Ganze wieder aufzubauen – als collagenhaften Architektur-Campus, «der öffentliche und private, industrielle und kulturelle Elemente auf selbstverständliche Weise vereint.» So schrieb Fehlbaum 2008 in seinem Vorwort zum Buch «Projekt Vitra».

Diese Beschreibung trifft den Charakter des Campus gut: Das Persönliche ist, dass Fehlbaum in den 1980er-Jahren begann, ikonische Sitzmöbel der klassischen Moderne zu sammeln – Stücke, die längst als Kulturgut gelten. Das Öffentliche ist das Museum, dem eine Galerie und 2016 das Vitra Schaudepot folgten – Institutionen, die mit über 140 000 Besucherinnen und Besuchern 2018 zu den erfolgreichsten Museen der Region Basel zählten. Das Industrielle ist, dass Vitras eigentliche Bestimmung im Design und in der Produktion von Möbelstücken liegt.

Und man könnte das Rad der Zeit noch weiter zurückdrehen: bis ins Jahr 1957, als Vitra mit der Produktion der Möbelstücke von Charles und Ray Eames und George Nelson begonnen hatte. Und damit einen dicken Design-Fisch an Land zog.

Aber bleiben wir bei den 30 Jahren des Jubiläums. Das Vitra Design Museum begann tatsächlich als Stuhlmuseum beziehungsweise als Museum

für die Sammlung von Fehlbaum. Wenig später kam auch diejenige von Alexander von Vegesack dazu, erster Direktor des Museums.

Ein Universalmuseum für das 21. Jahrhundert

Von Vegesack wollte aber – mit Fehlbaums Einverständnis – viel mehr als Stühle präsentieren. Noch immer gibt es Stühle zu sehen, zuletzt bei der Retrospektive zum Schaffen von Charles und Ray Eames. Die Sammlung aber verschwand schon bald in Lagerräumen, bis sie 2016 im neuen Vitra Schaudepot wieder öffentlich zugänglich wurde. Oder zumindest teilweise: Die Sammlung, die mittlerweile 20 000 Objekte umfasst, darunter rund 7000 Möbel und über 1000 Leuchten, kann unmöglich als Ganzes präsentiert werden.

Schon bald aber erweiterten von Vegesack und seit 2011 Mateo Kries den Horizont des Ausstellungsprogramms. Es kamen Ausstellungen zu Epochen der Designgeschichte hinzu, aktuell etwa zum Thema Surrealismus und Design (ab 28. September 2019). Das Museum überschritt wiederholt die Grenzen zur bildenden Kunst wie bei Einzelausstellungen zu Le Corbusier oder Erwin Wurm. Es vermittelte Einblicke in andere Wohnkulturen, wie etwa mit den Ausstellungen «Leben unter dem Halbmond» oder zur «Afrikanischen Moderne». Und es bot sogar prononcierten Designkritikern eine Plattform, etwa mit «Victor Papanek: The Politics of Design».

Mateo Kries, künstlerischer Direktor des Museums, bezeichnete das Vitra in einem Manifest als «Universalmuseum des 21. Jahrhunderts», das Design als «Querschnittdisziplin zwischen Kunst, Naturwissenschaft und Technik» versteht. Das mit dem «Universalmuseum» mag vielleicht etwas übertrieben sein. Doch sicher ist, dass das Museum als Kompetenzzentrum für Design klar impliziert, dass dieser Begriff weit über das Prinzip «Schöner Wohnen» hinausreicht. So gesehen war das Haus von Beginn weg natürlich weit mehr als ein Firmenmuseum. Es ist – auch wenn die Firma einen Grundbeitrag zum Budget beisteuert – als gemeinnützige GmbH ein von der Vitra-Gruppe unabhängiger Betrieb.

Begehrte internationale Wanderausstellungen

Wie in anderen Privatmuseen auch spricht man im Vitra Design Museum aber nicht über Geld. «Hervorzuheben im Vergleich zu vielen anderen Museen ist, dass es sich zum grossen Teil selber finanziert», sagt Marc Zehntner, kaufmännischer Direktor des Hauses. Die Eigenmittel stammen aus dem Ticketverkauf, dem Shop (unter anderem mit dem erfolgreichen Verkauf von Stuhlminiaturen), Sponsorengeldern und Einnahmen von Wanderausstellungen: Die Vitra-Ausstellungen sind international sehr begehrt.

Dass das Budget nicht unbeträchtlich sein kann, beweist ein Blick ins Personalblatt. Insgesamt arbeiten rund 130 Mitarbeitende fürs Museum, die sich etwa 80 Vollzeitstellen teilen.

In seiner 30-jährigen Geschichte hat sich das Museum als interdisziplinäre Plattform für Design zum Leuchtturm in der Museumslandschaft der Region Basel entwickelt, dessen Name in der Fachwelt rund um den Globus bekannt sein dürfte. Nur die Stadt Weil am Rhein scheint dies noch nicht so richtig begriffen zu haben: Sie verkauft sich mit Hinweis auf das Museum noch immer als «Stadt der Stühle». Die Besuchergruppe aus aller Welt dürfte dies wenig kümmern.

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