200-Jahr-Jubiläum
Altbackene Ausstellung über sinnlichen Künstlerclub feiert 200-jähriges Jubiläum

Das Kunsthistorische Seminar organisiert eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek zu 200 Jahren Basler Künstlergesellschaft.

Simon Baur
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1897, im Garten des Wettsteinhäuschens, trifft sich die Basler Künstlergesellschaft: Hans Sandreuter (1.v.l.), Cuno Amiet (3.v.l.) und Ferdinand Hodler (5.v.l.).

1897, im Garten des Wettsteinhäuschens, trifft sich die Basler Künstlergesellschaft: Hans Sandreuter (1.v.l.), Cuno Amiet (3.v.l.) und Ferdinand Hodler (5.v.l.).

zvg

1812 wurde in Basel die erste Künstlergesellschaft gegründet, vor 200 Jahren gab sie sich ihre ersten Statuten. Grund genug, diesen Anlass mit verschiedenen Ausstellungen und einer Publikation zu feiern. Der Einfluss der heutigen Basler Künstler ist unbedeutend, rund 50 Künstler sind Mitglieder, einige wenige ausgenommen, sind sie im regionalen Ausstellungskontext völlig unbekannt. Das war nicht immer so. Die Ausstellung in der Basler Universitätsbibliothek vermittelt ein Bild aktiver Kulturpolitik, und dies, obwohl die Künstlergesellschaft in ihrer langen Geschichte auch zweimal aufgelöst und wieder neu gegründet wurde.

Unstete Geschichte

Bereits vor 175 Jahren, 1839, löste sich die junge Vereinigung wieder auf. Die meisten Gründungs-Mitglieder waren verstorben und neue andere waren nicht nachgerückt. Doch schon drei Jahre später machte sich der Verlust bemerkbar und es kam zu einer Neugründung. Die zweite Basler Künstlergesellschaft fusionierte 1863 mit dem Basler Kunstverein, doch 1888 keimte wiederum der Wunsch nach Unabhängigkeit auf, was zur Gründung der dritten Künstlergesellschaft führte, die bis heute besteht.

Die erste Gesellschaft definierte ihren Zweck folgendermassen: «Aufmunterung des Kunst-Sinnes, Verbreitung des guten Geschmacks im Allgemeinen, Bekanntmachung der hiesigen Künstler und ihrer Arbeiten, gegenseitige Belehrung über Gegenstände der Kunst». Die Gründungen von Künstlergesellschaften, in Zürich erfolgte sie bereits 1787 und ist heute mit rund 20 000 Mitgliedern die grösste ihrer Art in Europa, sind, wie die Gründung der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel auf dem Münsterplatz im selben Jahr oder die Salons der gebildeten Damen Frankreichs, Kinder der Aufklärung. Strukturell funktionieren sie ähnlich wie eine Zunft oder Ehrengesellschaft, gemeinsame kulturpolitische Interessen standen im Vordergrund, doch auch der Geselligkeit wurde gehuldigt.

Dem Neujahrsblatt von 1864 ist die nachfolgende Formulierung zu entnehmen, die diesen Umstand illustriert: «... die Künstlergesellschaft (ist) von jeher zusammengekommen, in ungezwungener und gemüthlicher Geselligkeit, ein Kreis von Männern verschiedenen Alters und Standes, Künstler, Kunstverwandte und Kunstfreunde, jeder mit dem Verständnis oder doch mit dem Sinn für das Ideale, wie er eben in ihm gelegt ward. Durch Gespräch und Vorträge, durch Vorzeigen von Kunstgegenständen suchten wir uns zu bilden und anzuregen; unsre meist heiteren Abende boten für manchen hiesigen, wie für fremde Künstler einen willkommenen Vereinigungspunkt.»

Aktive Kulturpolitik

Man gab sich aufgeschlossen, und vor allem wollte man in dieser Stadt etwas bewegen. Bürgerliche und Künstler engagierten sich mit genialen Ideen für die Finanzierung ihrer Ideale – die Inbetriebnahme der Basler Rheinfähren gehört dazu – die bis heute das Stadtbild prägen. Das erste Denkmal der Schlacht bei St. Jakob, ausgeführt von Marquard Wocher, gehört genauso dazu wie das zweite Denkmal von Ferdinand Schlöth und das Johann-Peter-Hebel-Denkmal von Max Leu vor der Peterskirche. Ähnlich wie heute, wo die aktive Einmischung in die städtische Kulturpolitik immer mehr von Einzelnen und der Visarte ausgeht, haben in früheren Jahren die Künstlergesellschaften Massstäbe in Bezug auf Kunst im öffentlichen Raum gesetzt. Doch es wurden auch rauschende Feste gefeiert, von denen man heute nur noch träumen kann. Die Künstler selbst sorgten für Dekorationen und trugen eigene Darbietungen für die Bühne bei.

Das Thema der Wandmalereien im «Schluuch» (brauner Teil) der Kunsthalle – Wein, Weib, Gesang – und die skurrilen Masken von Arnold Böcklin an der Aussenwand geben Zeugnis ab, wie es damals zu- und herging. Auch im neuen Künstlerdomizil, im Wettsteinhäuschen am Claragraben, hat die Geselligkeit Hof gehalten. Heute ist der Ort ein verschlafenes Nest, wünschenswert wäre eine Künstler-Buvette, der Garten ist idyllisch.

Früher wars besser

Hervorragend, dass die diversen Künstlergesellschaften so sehr Sorge zu ihren Archivalien getragen haben. Sie haben das Potenzial für eine profunde Ausstellung und einen grossen Katalog, wie er einst zur «Gruppe 33» erarbeitet wurde. Doch verwundert reibt man sich die Augen. Die Studierenden des Kunsthistorischen Seminars und ihr Mentor, Privatdozent Axel Christoph Gampp, präsentieren mit Katalog und Ausstellung zwei Schnellschüsse der traurigen Art, die an Schwimmübungen im leeren Bassin erinnern.

Fein säuberlich werden die Exponate in den zahlreichen Vitrinen wie Schmetterlinge präsentiert, begleitet von trockenen, teilweise fehlerhaften Bildlegenden. Hier ein Modell, da eine Zeichnung, verschiedene Fotografien, Korrespondenzen und Gästebücher. Dazwischen viel Text vor dezenten Farben, die an das Kinderzimmer eines Säuglings erinnern. Von einer Sensibilität für Museologie und szenischem Gestalten keine Spur.

Altbackener Katalog

Wieder einmal zeigt es sich: Kunstwissenschaftler sind noch lange keine guten Ausstellungsmacher und Katalogproduzenten. Wer den Katalog durchblättert, denkt an Zwieback natur, so altbacken kommt er daher. Etwas mehr Farbe, bunte Bildchen und ein pfiffiges Layout hätten genügt, um die Lektüre zu einem Erlebnis zu machen.

Rauschende Feste wurden früher gefeiert, doch das muss nicht kalter Kaffee sein, heute darf man die Sinnlichkeit genauso zeigen. Wacht auf, junge Kunsthistoriker! Schaut euch um und lernt durch den Vergleich! Violetter Samt und rote Schrift wie auf dem Katalog von Ulla Dreyfus-Best schafft ihr doch locker! Dagegen trägt euer Katalog eine Schlafmütze, eurem Auftritt fehlen die Lebensgeister!

Von Schiller stammt der Spruch: «Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.» Zeigt dies auch in eurem Tun und euren Produkten. Beglückt uns mit Esprit, Verve und Visionen! Wir lechzen danach.

200 Jahre Basler Künstlergesellschaft, Morgen ist heute gestern. Universitätsbibliothek Basel, bis 29. November. Am 9. Oktober eröffnet die Ausstellung im Projektraum M54 und am 11. Oktober im Raum für Kunst am Heuberg 24.
www.basler-kuenstlergesellschaft.ch

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