Picasso ist der Inbegriff des erfolgreichen Künstlers. Schon mit 14 galt er in Spanien als grosses Talent, schaffte die Aufnahme in die Akademie in Barcelona. Doch als der 20-Jährige 1901 nach Paris zog, seiner beliebten, farbigen Bilderwelt adieu sagte und alles in Blau tauchte, musste er untendurch. Diese Bilder verkauften sich schlecht. Pablo Ruiz Picasso litt unter Hunger und Armut. Erstmals – und auch letztmals in seiner langen Karriere.

Ausgerechnet in der Zeit also, als die heute weltberühmten Werke entstanden, diese sanften Bilder voller Melancholie mit Trinkerinnen, Blinden, Bettlern und Prostituierten als Hauptdarsteller. «Er kannte die Misere und die Traurigkeit seiner Figuren aus seinem eigenen Leben», sagt Raphaël Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler. Die melancholische Stimmung, die existenziellen Themen der Blauen Periode seien wohl gerade deshalb so berührend. Aufgewühlt hat ihn auch der Selbstmord seines Freund Carles Casagemas 1901 in Paris. «In dieser Zeit malte er seine sensibelsten, zartesten – und ja, auch schönsten Bilder», so Bouvier.

So sah es später auch das Publikum – allerdings erst Jahrzehnte später. Bilder von Picassos Frühzeit wurden tausendfach reproduziert und schmückten als Kunstdrucke die Bürgerstuben nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Blaue und Rosa Periode, also die Zeit von 1901 bis 1907, zeigt die Fondation Beyeler ab dem 3. Februar. Als «kulturelles Highlight 2019» preist sie selber die Ausstellung auf ihren Plakaten an. Zusammen mit dem Bild «Acrobate et jeune arlequin» von 1905, das Blau und Rosa optisch bestens vereint. Zwei schmächtige Artisten, der eine im Rautenkostüm, der andere mit rosarotem Trikot, sitzen in sich gekehrt vor blauem Hintergrund.

Erfolg programmiert

Kann man einen Blockbuster, eine Erfolgsausstellung überhaupt voraussagen? Reicht der Name Picasso, um Massen anzulocken? 1984 gelang dem Kunstmuseum Bern ein Coup: Es zeigte als eines der ersten Museen überhaupt eine Übersicht über die Blaue Periode. Man stand Schlange. Den Erfolg konnte es 1992 mit der Rosa Periode allerdings nicht mehr wiederholen.

Zu den Begriffen: «Blaue Periode» gründet logisch auf den blautonigen, oft fast monochromen Gemälden. Von «peinture bleue» schrieb der Dichter und Kritiker Guillaume Apollinaire 1905 als Erster. Der Begriff «Rosa Periode» setzte sich erst später durch für die Werke von 1904/05 bis 1906, in denen Picasso viele rötliche Töne verwendete und wieder zu heitereren Sujets fand: Familien und Zirkusleuten als Symbol des freien Künstlers.

Wie begründet man bei Beyeler die hohen Erwartungen? «Es ist das erste Mal, dass die Blaue und Rosa Periode gemeinsam in Europa gezeigt werden – mit so vielen Werken aus aller Welt», sagt Bouvier. «In dieser Zeit entwickelte der junge Pablo Ruiz Picasso erstmals einen eigenen Stil.» Passend dazu signierte er ab 1901 nur noch als «Picasso» und machte sich quasi zur Marke. «Einige Werke wurden seit 50 Jahren nicht mehr ausgestellt, von manchen hatte man die Spur verloren», so Bouvier. Auch sie zeigen zu können, sei eine Sensation.

Im Musée d’Orsay war die Schau schon letzten Herbst in veränderter Form zu sehen. Mit 670 000 Besuchern war es die erfolgreichste Ausstellung seiner Geschichte für das generell erfolgreiche Pariser Museum. «Basel ist nicht Paris», sagt Bouvier vorsichtig. «Wir erwarten, dass die Ausstellung ebenso erfolgreich wird wie Gauguin oder Monet, unsere grossen Ausstellungen der letzten Jahre, mit jeweils über einer Viertelmillion Eintritten», sagt die Kommunikationsverantwortliche Silke Kellner Mergenthaler. Den Rekord bei Beyeler hält Gauguin mit 370 000 Eintritten.

Mit Zahlen geizen Bouvier und Kellner generell. Immerhin den Versicherungswert der rund 75 Bilder nennen sie: 4 Milliarden Franken. Unglaublich, aber nachvollziehbar. Heute sind diese Werke Ikonen der Museumssammlungen und werden – wenn überhaupt – für zwei- bis dreistellige Millionenbeträge gehandelt. «Entsprechend schwierig ist es, sie auszuleihen», sagt Bouvier. Zahlt man für Leihgaben? «In unserem Fall zum Glück nicht. Wir haben gute Kontakte zu Sammlern und Museen und regeln dies meist mit Versprechen auf Gegenleihgaben.»

Einige Werke habe man aber nicht bekommen. «Sie sind zu fragil und können nicht reisen. Und manche dürfen nach dem Willen ihrer Stifter ihr Museum nicht verlassen.» Konservatorisch schwierig sind vor allem jene Bilder, die Picasso aus Geldmangel – oder aus Unzufriedenheit über das Resultat – übermalt oder deren Leinwände er aus Materialmangel hinten und vorn bemalt hat. Generell seien Picassos Ölbilder auf Leinwand aber robust, bescheinigt Bouvier.

Sicherheit kostet

Früher, vor Jahrzehnten, waren Blockbuster-Ausstellungen für Museen dank der hohen Eintritts-Einnahmen oft ein Gewinn-Geschäft. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute sind selbst gut besuchte Ausstellungen nicht kostendeckend. Was kostet die Picasso-Ausstellung? Kein Kommentar. Nur: «Picasso kostet um einiges mehr als eine normale Ausstellung.» Es dürfte gar ein Mehrfaches sein. Nur schon die Transportkosten seien viel höher als gewohnt, sagt Bouvier. «Fast jedes Bild wurde von einem Kurier begleitet, wir mussten viel mehr Lastwagen als normal buchen, weil die Versicherungen den Wert einer Lastwagenladung begrenzen.» Auf wie viel? Das dürfe er nicht sagen. Auch nicht, ob die Schätzung von 150 Millionen Franken stimmt.

Verstärkte Sicherheitsvorkehrungen, der Ausbau der Besucher-Infrastruktur: Das kostet. Vor allem die Versicherungskosten seien enorm hoch, sagt Bouvier. Im Gegensatz zu Frankreich gibt die Schweiz keine Staatsgarantie. «Das schlägt bei den Versicherungsgebühren deutlich zu Buche», konstatiert Bouvier. «Wir mussten einen grossen Aufwand betreiben, um zusätzliche Sponsoren und Drittmittel zu finden.»

Beyeler kaufte kein Frühwerk

Die Fondation kann für die begleitende Ausstellung «Picasso Panorama» auf die eigene Sammlung zurückgreifen. Ernst und Hildy Beyeler haben mit Picasso-Bildern nicht nur jahrzehntelang in ihrer Galerie gehandelt, sie waren mit dem Künstler auch befreundet und haben selber gekauft. Ihr frühestes Werk stammt allerdings erst von 1907 – eine Studie zu den «Demoiselles d’Avignon», dem ersten kubistischen Hauptbild Picassos. Mochten die Beyelers die Blaue und Rosa Periode also nicht? «Das glaube ich nicht», sagt Bouvier. «Aber diese Werke waren bereits in den 50er-Jahren sehr beliebt und rar.» Die Sammlung zeige vor allem, wie innovativ Picasso sein langes Leben lang geblieben sei. «Stagniert ist er nie.» Zusammen mit der Sonderausstellung werde die Fondation zu einem grossen Picasso-Museum, schwärmt Kurator Bouvier.

Picasso. Blaue und Rosa Periode. Fondation Beyeler; Riehen. 3. Februar bis 26. Mai
Katalog: Verlag Hatje Cantz, 300 Seiten, Fr. 68.–

Picasso Panorama. Fondation Beyeler, bis 5. Mai.

Kosmos Kubismus – Von Picasso bis Léger. Kunstmuseum Basel, Neubau, 30. März bis 4. August.