Tanz
Allein zu dritt und zu dritt allein

Das Kollektiv Bufo Makmal zeigt mit «Viel.Es» den Schlusspunkt der Trilogie im Theater Roxy

Anja Wernicke
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Im Waben-Triptychon abgeschottet: Rosie Terry Toogood, Margarita Kennedy und Clea Onori (von links) von Bufo Makmal separieren sich in «Viel.Es» und sind doch eng verbunden.

Im Waben-Triptychon abgeschottet: Rosie Terry Toogood, Margarita Kennedy und Clea Onori (von links) von Bufo Makmal separieren sich in «Viel.Es» und sind doch eng verbunden.

Roland Schmid

Fast schon grössenwahnsinnig klingt das Vorhaben dieser jungen Frauen. Vor drei Jahren haben sie das Tanzkollektiv Bufo Makmal in Basel gegründet und gleich mal eine Trilogie aufgelegt, die thematisch in die Vollen geht. «Viel.Es» heisst der letzte Teil, der nun im Roxy Premiere hatte. Davor tanzten sie «All.Es» (2014) und noch früher «Into Pieces» (2014).

Nicht weniger als das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen thematisieren sie in dieser Trilogie. Eine zentrale Frage im Tanz und im Leben. Doch das Tanzerlebnis wird vom konzeptuellen Überbau nicht erdrückt. Im Gegenteil, die Energie des Abends ist erstaunlich positiv und frisch. Einleuchtende Bilder und Bewegungen finden Bufo Makmal und formieren sie zu einer stimmigen Szenenfolge.

Rückwärts rollen

Es beginnt in Zeitlupe, sie scheinen sich rückwärtsgespult zu bewegen, rollen sich über den Boden: Drei vereinzelte Purzlerinnen, die einander kaum wahrnehmen, aber doch das Gleiche tun. Dann verknoten sie sich zu einem grossen Organismus. Sie halten sich an den Händen, umarmen sich, rollen aus der Umarmung heraus und stossen immer intensiver an die Ränder dieses gemeinsamen Körpers. Diese Sequenz ist wohl eine Art Reminiszenz an das frühere Stück «All.Es», in dem sie so gut wie möglich versucht haben, «eins zu sein und sich klüngelnd fortzubewegen», wie Clea Onori erklärt. In «Viel.Es» geht es aber nicht um das Gemeinsame, sondern um das Einzelne – und so versuchen die Einzelnen bald aus dem Kollektiv auszubrechen. Immer aggressiver und tollkühner werden diese Versuche, die jeweils von den anderen beiden verhindert werden.

Dann taucht jede von ihnen in ihr eigenes Universum, ihre eigene Zelle (siehe Bild). Die drei wabenartigen Kammern hängen am hinteren Bühnenrand von der Decke herab. Ihre geschwungenen Wände, die in einem hellen Hautfarbton gehalten sind, formen eine Linie. Darin haben sie keinen Sichtkontakt und sind durch die organisch wirkenden Zellen doch nicht gänzlich isoliert, sondern als Teile eines Organismus zu begreifen. Hier werden die unterschiedlichen Charaktere der Tänzerinnen besonders bewusst: Clea Onori mit ihren reduzierten, feinfeinfühlig präsenten Bewegungen, Margarita Kennedy blumig geschwungen und anmutig und Rosie Terry Toogood kraftvoll, sich selbst aufopfernd.

Kaum merklich kommen die Wände ihrer Waben in Fahrt und rücken näher, bis die Zuschauerinnen der ersten Reihe sich quasi selbst schon in den Kammern der Einzelkämpferinnen wiederfinden. Dieser wirkungsstarke Effekt ist Bühnen- und Kostümbildnerin Michela Flück zu verdanken.

Endlich allein

Eigentlich hätten sie im Prozess der Stückentwicklung diese Vereinzelung nach dem Leitsatz «Hurra, ich bin allein» geprobt, erklärt Onori. Und eigentlich hatten sie gehofft, im anschliessenden Zusammentanz besser zu harmonisieren. Doch im Gegenteil: Letztlich habe das gemeinsame Tanzen schlechter funktioniert, gerade so, als hätte die Vereinzelung sie zu weit voneinander weggetrieben. Das Stück sei auch als Studie der Kollektiv-Zusammenarbeit zu verstehen, beschreibt Onori. Normalerweise entwickeln sie alles gemeinsam. Dieses Mal hatten die verschiedenen Akteure aber freie Hand. Auch das Licht und die elektronische Musik, die Nives Onori, Strotter Inst. und Lola de la Mata geschaffen haben, sind so entstanden.

Am Ende der Premiere lagen sich dann trotzdem alle sichtlich erleichtert in den Armen. Und man spürte: In diesem Kollektiv hat der Teamgeist über den Einzelkämpfer gesiegt.

Weitere Aufführungen am 3., 4. und 5. Juni im Theater Roxy, Birsfelden.

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