Alexander Kluge war für zwei Tage in Basel, genauer: in der Fondation Beyeler. Dort läuft zurzeit sein Kurzfilm, eine Hommage an Georg Baselitz. Beim Treffen mit dem 86-jährigen Doyen des deutschen Kulturbetriebs offenbarte sich sein weit gefasster Kulturbegriff. Er plädiert dafür, dass Künstler und Medien zusammenarbeiten, und sagt auch, warum er immer Partei für die Ausgegrenzten ergreift.

Herr Kluge, hier im Beyeler Museum läuft derzeit ihr Film «Hommage für Georg Baselitz (Parsifal)». Was hat Herr Baselitz mit Parsifal zu schaffen?

Alexander Kluge: Herr Baselitz macht diesen Sommer ein Bühnenbild zu «Parsifal» an der Bayerischen Staatsoper in München. Da sieht es dann aus wie hier in der Ausstellung: Die Bäume schauen mit den Wurzeln nach oben. Das bekommt dem Richard Wagner ausserordentlich gut. Ihm fehlt es ja an Humor. Davon hab ich mich inspirieren lassen. Der Film läuft in München jeweils in den Pausen der Oper.

Das ist nicht Ihre erste Zusammenarbeit mit Baselitz. Wie kam es dazu?

Eine Kuratorin im Frankfurter Städel hatte vor eineinhalb Jahren die Idee, dass ich zu Baselitz’ «Helden» etwas schreiben soll. Nun schreib ich ja nicht so diskursive Texte, ich dichte mehr und schreibe Geschichten zu seinen Bildern. Das hat Baselitz gefallen und mir auch. Dann stellten wir fest, dass wir uns beide für Japan interessieren.

Wieso Japan?

Die Japaner sind ja unsere «Gegenfüssler» auf der anderen Seite der Kugel. Sie sind ein Gegenbild von uns. Sie haben die Samurais, wir haben Ritter als Helden. Da können wir in eine Art Zerrspiegel schauen und sehen unsere Schwächen und unsere Stärken. Wir sind wie die Japaner gute Ingenieure. Wir haben guten Grund auf unsere Firmen stolz zu sein. In einer globalisierten Welt sind die Gründe, warum man Selbstbewusstsein haben kann, nicht beliebig vorhanden.

Ist das nicht eine euro- und japanzentristische Sicht? Jedes andere Land würde doch widersprechen.

Ich habe eine zentristische Sicht auf meine Heimat. Das ist ja auch nicht verboten. Wir zeigen hier in Basel beispielsweise einen Film aus einem deutschen Stahlwerk. Auf diese Handwerkskunst bin ich stolz.

Weil sie so handfest ist im Gegensatz zur digitalisierten Welt?

Ja, Digitalisiertes geht schnell. Leben und Arbeiten jedoch gehen langsam. Da bin ich mit Baselitz einer Meinung. Und auch mit meinem Vater, der Arzt war, also auch Geburtshelfer. Da braucht es Fingerspitzengefühl.

Sie haben Dutzende Filme gedreht und ebensoviele Bücher veröffentlicht. Was kann der Film, was das Buch nicht kann, und umgekehrt?

Ich liebe Bücher sehr. Ich bin heute noch traurig, dass die Bibliothek von Alexandria abgebrannt ist. Bücher gibt es seit 4000, Kunst seit 40 000 Jahren, der Film ist erst 120 Jahre alt. Da ist eine gewisse Frische drin. Deswegen bin ich auch ein Patriot des Films.

Wie sehen Sie neue Filmformate wie die sehr beliebten neuen Serien?

Ich stehe nie an der Klagemauer. Im Gegenteil: Mit diesen neuen Mitteln können wir Vieles aus der Filmgeschichte neu aufgreifen. Eisenstein wollte ja 1929 das «Kapital» verfilmen, durfte aber nicht. Er hat etwa 300 Seiten Notizen und Bilder hinterlassen, aus denen wir einen zehnstündigen Film gemacht haben. Er besteht aus unzähligen kurzen Abschnitten, was ja meine Spezialität ist. Ich glaube, dass man alles in der Welt in einer Minute erzählen kann. Wir können diese Schnipsel aber auch addieren und zu einem grossen Ganzen zusammenfügen.

War diese Vorliebe für die kurze Form auch ein Grund dafür, dass Sie in den Journalismus gingen?

Bei diesen Programmen für RTL und Sat. 1 ging es um Öffentlichkeit. Denn Öffentlichkeit ist das, worauf es ankommt. Wir haben in diesen Formaten poetische und informative Mittel also künstlerische Genres und Journalismus zusammengebracht. Die Reibung zwischen den verschiedenen Metiers, die ist was Gutes.

Sie haben sich auch theoretisch mit dem Geschichtenerzählen, mit Narration auseinandergesetzt. Gibt es überhaupt neue Geschichten?

Wahrscheinlich nicht. Liebesgeschichten ändern sich nicht über die Jahrhunderte. Andererseits gibt es freie Erzählformen, mit denen Mehrstimmigkeit erzeugt wird. Also nicht linear und eindimensional. Wie in der Collage für Baselitz, wo sich der Betrachter die Geschichte selbst zusammenreimt. Das ist besser.

Aber auch schwer zu verstehen ...

Na, ja. Schauen Sie mal Kindern zu. Die spielen mit grossem Ernst komplexe Geschichten. Das ist für uns ein guter Spiegel. Es geht um Mehrstimmigkeit, nicht darum, dass wir sagen, es ist entweder so, oder so.

Wir leben aber in einer Zeit, in der genau das Gegenteil passiert. Jeder glaubt an die Geschichte, die in seiner Blase rumgereicht wird.

Da haben Sie vollkommen recht. Das ist die Welt der Algorithmen. Die Geschichten werden beschnitten und leicht verständlich gemacht. Meiner Meinung nach sind Poeten und Künstler dazu da, auf jeden solchen Algorithmus mit einem anderen zu antworten. Wenn wie im Märchen von Dornröschen anstatt für 13 nur noch für zwölf Feen Platz ist, so bin ich der Anwalt der 13. Fee. Das was ausgegrenzt wird, rächt sich immer.

Das alles ist mit ein Grund, wieso wir einen Trump haben?

Richtig. Und weil wir einen Trump haben, brauchen wir einen Gegen-Trump. Damit das Ganze wieder ins Gleichgewicht kommt.

Was wäre der beste Gegen-Trump?

Jemand, der Witz hat. Aber wir sollten vielleicht tiefer anfangen. Die Menschen, die Trump gewählt haben, sind Arbeiter aus den runtergekommenen Industriegebieten. Diese Menschen beherrschen sich eigentlich in ihrer Enttäuschung, wählen aber jemanden, der das tut, was sie sich nicht getrauen zu tun. .

Die klassischen Medien haben in diesem Spiel die Deutungshoheit verloren. Welche Rollen müssten sie heute übernehmen.

Der Kern der Medien ist die klassische Öffentlichkeit, das Erzählen von Nachrichten. Das machen viele Zeitungen gründlich. Wenn da nun die Literatur oder die Musik noch dazu kämen, würden wir derjenigen Öffentlichkeit nahe kommen, die ich meine. Wir dürfen die Herzlichkeit nicht auslassen, wenn wir Vernunft wollen. Die Herzlichkeit der Vernunft, das ist eine gute Formel. Wenn Sie das beherzigen, können Sie Medien sehr genau unterscheiden. Fox-TV ist so gesehen nur eine Maschinerie, die alles in der Welt vereinfacht und spaltet. Die Spaltung der Öffentlichkeit ist jedoch unser aller Feind. Mein Ideal wäre eine Öffentlichkeit, in der alles zusammenkommt: die Künste und die Informationsorgane.

Sie haben das in ihren TV-Formaten praktiziert. Wie müsste dieses Zusammengehen befördert werden?

Durch Zusammenarbeit. So lange wir leben, können wir diesen Tendenzen entgegenwirken. Schauen Sie mal die Samstagabendprogramme an. Das ist doch das Gegenteil von Journalismus und auch das Gegenteil von Unterhaltung. Wenn sie dem Mozart damit gekommen wären, hätte er nicht ein gutes Stück komponiert.

Sie fordern mehr Mut zur Grenzüberschreitung bei den Medienmachern?

Ja, genau. Baselitz, um auf ihn zurückzukommen, ist da ein gutes Beispiel. Er ist ein Berserker des Muts. Die Welt kriegt erst Farbe, wenn jemand Mut hat.

Sie haben den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg erlebt. Im Moment spricht man von einer Rückkehr des Letzteren. Wie empfinden Sie das?

Ich finde, dass hier mit dem Feuer gespielt wird. Es ist kein Kalter Krieg im Moment, aber ich sehe Vorbereitungen darauf. Ich hab eben die Münchner Sicherheitskonferenz gefilmt. Da seh ich Lobbys, die sich über diese Wiederaufrüstung freuen. Ich finde da viele Dinge sehr unheimlich. Aber zum Glück gibt es auch Gegenkräfte.