Brisanter Roman
Eine chinesische Schriftstellerin ohne Scheuklappen: Sie enthüllt das Innenleben einer Diktatur

Die in Zürich lebende Wei Zhang zeigt in ihrem neuen Roman, wie grausam der Weg Chinas zur Supermacht verlief. Die Autorin glaubt aber nicht, dass Taiwan so schnell zu einer zweiten Ukraine wird.

Julian Schütt
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«Meine Generation hat noch ein idealistisches Verhältnis zu Europa. Junge Chinesen denken materialistischer»: Autorin Wei Zhang.

«Meine Generation hat noch ein idealistisches Verhältnis zu Europa. Junge Chinesen denken materialistischer»: Autorin Wei Zhang.

Bild: Dominic Büttner

«Nein, in China könnte mein neuer Roman nicht veröffentlicht werden», sagt Wei Zhang. Die Antwort kommt so prompt, dass die Autorin selbst schmunzeln muss. Als wolle sie falsche Hoffnungen gar nicht erst aufkommen lassen. Seit 1990 lebt Wei Zhang in der Schweiz und sofort fällt auf, wie rasant, klug und gewählt sie sich auf Deutsch ausdrückt.

Sie schreibt inzwischen auch ihre Bücher in deutscher Sprache und ist locker im Stande, dem Journalisten die ganze 2500-jährige chine­sische Kulturgeschichte seit Konfuzius in einer Stunde nahezubringen. Und zum Dessert nehmen wir noch die europäische Kulturgeschichte der letzten 300 Jahre mit, denn die Liebe zu ihr ist einer der Gründe, warum Wei Zhang in die Schweiz kam.

Ob Rousseau oder Gottfried Keller, überall kann sie mitreden, und das ist, wie sie sagt, ein gewaltiger Unterschied zwischen Europäern und Chinesinnen: In beiden Kulturen gibt es zwar Klischeebilder über die jeweils andere Kultursphäre, aber die Chinesinnen eignen sich tatsächlich ein Wissen über Europa und seine Kulturen an, während Europäer in der Regel kaum einen chinesischen Klassiker nennen können.

Chinesen wollen die europäische Kultur jetzt besitzen

Wei Zhang ist Mitte fünfzig, unterrichtet neben der Schriftstellerei als Hochschuldozentin und sagt, zumindest ihre Generation habe noch fast verklärend «zu Europa hochgeschaut» und gedacht, alle europäischen Männer müssten so reich an Gedanken und Gefühlen sein, wie man sie in der Philosophie oder Literatur antrifft. Wei Zhang ist zu freundlich, um zu gestehen, dass sie inzwischen ein nüchterneres Bild der europäischen Männerwelt vertritt.

Auf das alte Bewunderungsverhältnis führt sie auch zurück, dass Chinesen reihenweise Schweizer Altstadthäuser kaufen. Man will die angesehene europäische Kultur jetzt nicht mehr bloss kennen, sondern auch besitzen, weil man es sich wieder leisten kann.

Die Chinesen wissen inzwischen, dass die Europäer nicht unschlagbar sind

In Europa würden wir notorisch unterschätzen, dass man in China immer in grossen historischen Dimensionen denkt. Man war einmal eine vernetzte Weltkultur und ist es nach einer schmerzlichen Durststrecke erneut. Wei Zhang sagt, in den jüngeren Generationen sei nun schon ein Überlegenheitsdünkel zu beobachten.

«Chinesen, die hier studieren oder arbeiten, merken schnell, dass die Europäer nicht unschlagbar sind, wie ihnen das die Eltern oder Grosseltern noch einredeten.»

Es seien bloss normale Menschen und nicht einmal besonders fleissige.

«Wir hatten ein idealistisches Verhältnis zu Europa, unsere Kinder denken materialistischer.» Darum stehe die Schweiz insgesamt noch positiv da. «Man respektiert, wie ein so kleines Land so viel Reichtum hervorgebracht hat.»

Maos Supermacht-Wahn löste die grösste Hungersnot aller Zeiten aus

Von Chinas menschenverachtendem Streben, selber wieder eine Supermacht zu werden, handelt Wei Zhangs zweiter Roman «Satellit über Tiananmen». Er beleuchtet Mao Tse-tungs Kampagne des «Grossen Sprungs nach vorn» vor rund sechzig Jahren. Damit wollte der «Grosse Vorsitzende» das rückständige China in kürzester Zeit zur industriellen Grossmacht hochschiessen, so wie einen Satelliten.

Maos Plan sah vor, auf Kosten der Landwirtschaft die Stahlproduktion anzukurbeln. Doch stattdessen kam es zur grössten Hungersnot aller Zeiten. Schätzungsweise 38 Millionen Menschen starben an Unterernährung und Überarbeitung.

Hinter diesen unvorstellbaren Opferzahlen stecken lauter Einzelschicksale. Nur die Literatur ist in der Lage, diesen Einzelnen eine Stimme zu geben. Das tut Wei Zhang in ihrem Roman. Sie zeigt, was der «Grosse Sprung nach vorn» für den Ort Dongshan bedeutet, der von seiner Stahlfabrik lebt. Selbst Hausfrauen sollen mit primitivsten Mitteln Hochöfen bauen, wo sich früher Gemüsebeete, Reisfelder und Obstbäume befanden. Plastisch schildert die Autorin, wie sich die Gemeinde zu immer absurderen Rekorden antreibt, damit man Mao Eindruck macht.

Wei Zhang: «Satellit über Tiananmen», Roman, Verlag Elster & Salis, 383 Seiten.

Wei Zhang:
«Satellit über Tiananmen»,
Roman, Verlag Elster & Salis,
383 Seiten.

Bild: zvg

Viele Menschen bleiben auf der Strecke. Sie erkranken oder verschwinden aus politischen Gründen. Um Holzkohle für die Öfen zu gewinnen, werden die umliegenden Wälder abgeholzt. Die Gewässer sind verschmutzt. Die Kantinen der Kommune müssen wegen mangelnder Esswaren schliessen, ebenso die Schulen. Die Kinder sollten lieber früh mit der Arbeitsrealität konfrontiert werden.

Die schrecklichen Ereignisse lassen sich nur als Satire ertragen

Diese Genese einer Katastrophe liesse sich kaum ertragen, würde man sie als Tragödie erzählen. Wei Zhangs Roman liest sich darum wie eine böse Gesellschaftssatire, in der sich Kaderleute der Partei darin überbieten, die Phrasen des Grossen Vorsitzenden in die Tat umzusetzen. Was heraussticht im Roman, ist das Verhältnis zwischen Individualismus und Gemeinschaft. Es gibt eine Frau im Buch, die sich Liebhaber nimmt und nach eigenem Gesetz lebt, ohne dass ihr das zum Verhängnis wird. Aber sie ist die Ausnahme.

In der Regel hält die Sippschaft zusammen und überwacht sich zugleich. «Anders als in der Schweiz bleibt man in China immer mit der eigenen Familie verbunden, schiebt alte Leute nicht einfach in Heime ab», sagt Wei Zhang. Die chinesische Kultur sei da noch immer stark von der konfuzianischen Lehre geprägt. «Untereinander gibt es Hilfe, aber bei Menschen ausserhalb der eigenen Kommune oder gar in anderen Ländern fällt es den Chinesen schwerer, solidarisch zu sein.»

Wei Zhangs Roman ist brisant. Bei allen Differenzen zwischen Mao und Putin gibt es doch ein paar erschreckende Parallelen: Beide Diktatoren streben mit allen Mitteln eine Supermacht an. Beide verfolgen ihre grössenwahnsinnigen Ziele ohne jede Rücksicht auf Menschenleben. Wie Mao im Alter noch seine brutale Kulturrevolution anzettelte (davon handelt Wei Zhangs erster Roman «Eine Mango für Mao» von 2018), sei Putin nun ähnlich gefährlich, sagt die Autorin. «Wenn mächtige Männer sich nicht mehr vor dem Tod fürchten, fürchten sie sich vor gar nichts mehr.» Das mache den gescheiteren Leuten auch in China Sorgen.

Zwar sei die heutige chinesische Führung wohl zu clever, als dass sie sich offen in Putins Angriffskrieg in der Ukraine hineinziehen lasse. «Man politisiert in China bei aller Nähe zu Russland noch interessengeleitet», sagt Wei Zhang. Darum habe sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass aus Taiwan keine zweite Ukraine werde. Trotz aller Bedrohungsgesten wolle man schliesslich kein kaputtgebombtes Taiwan, sondern eines, von dem man wirtschaftlich profitieren kann.