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Betroffene über die Hintergründe zur Konzernverantwortungsinitiative «Wir essen Zement, wir trinken Zement»

Der Konzern-Report.

Der Konzern-Report.

Welch ein Schauplatz! Kolumbien, Oktober 2019: Die Ausmasse von El Cerrejón sind schlicht gigantisch. Die grösste Kohlenmine Lateinamerikas, die vom Schweizer Rohstoffkonzern Glencore kontrolliert wird, umfasst 40000 Hektaren, das entspricht mehr als 56000 Fussballfeldern. Täglich werden hier 80000 Tonnen Kohle im Tagbau gewonnen. Die zerstörten Landstriche sehen aus wie auf einem fremden Planeten. Nicht für Menschen gemacht.

Früher lebten die Leute hier von Vieh- und Landwirtschaft. Das ist heute nicht mehr möglich, erklärt Mariluz Uriana, Mutter von vier Kindern, mit sanfter Stimme. Der Feinstaub kontaminiert ihr Land und verunmöglicht den früheren Ertrag. «Die Mine hat unsere Kultur zerstört», zieht sie eine bittere Bilanz. Und wie ein Monster breitet sich der Kohlekomplex weiter aus, verdrängt immer mehr Dörfer; Flüsse, die für das Leben der Bevölkerung existenziell sind, werden umgeleitet und trocknen aus. Glencore profitiert in Kolumbien von schwachen staatlichen Strukturen und kann seine Interessen leicht durchsetzen. Korruption und Gewalt sind an der Tagesordnung.

«Die Probleme stammen aus der Vergangenheit»

Wechsel des Schauplatzes nach Nigeria, Dezember 2019: Hier betreibt der Konzern LafargeHolcim mehrere grosse Zementfabriken. Eine liegt direkt beim Dorf Ewekoro. Klima und Lebensgrundlagen waren hier früher gut, erklären die Einwohner. Heute ist die Luft massiv verschmutzt, man sieht keinen blauen Himmel, keine Zukunft mehr. Wie Drachen ragen die Industrietürme über das Dorf hinaus. «Wir essen Zement, wir trinken Zement», sagt Shakirat Olonugebi Babaloa. Verschiedene Krankheiten grassieren und verkürzen die Lebensdauer der Bevölkerung. Medizinische Hilfe fehlt.

«Der Konzern-Report» zeigt die Direktbetroffenen dieser grossindustriellen Eingriffe mit Schweizer Hintergrund. Sie kommen selber zu Wort und werden unterstützt von Fachleuten – Ärzten, Soziologinnen, Chemikern, Anwältinnen –, welche die Fakten erläutern und einordnen. Von Konzernseite stellt sich nur der örtliche Mediensprecher von Glencore der Kamera. «Wir hätten uns gefreut, wenn sich auch LafargeHolcim der Debatte gestellt hätte», betont Filmproduzent Tom Cassee. «Sie waren aber weder in Nigeria noch in der Schweiz zu einer Stellungnahme vor der Kamera bereit.»

Am 3. Februar 2020 erreicht die Filmcrew stattdessen per E-Mail die so pauschale wie dürre Botschaft von LafargeHolcim: «Die von Ihnen genannten Probleme stammen aus der Vergangenheit oder sind unzutreffend. Bestehende Probleme wurden gelöst. Oder sie werden gerade gelöst.» Es erstaunt, dass ein weltweit tätiger Konzern sich heute noch eine solch offensichtlich verharmlosende Kommunikation leisten kann. Die aktuellen Bilder und Aussagen sprechen eine ganz andere Sprache.

Die Konzernverantwortungsinitiative verlange etwas sehr Selbstverständliches und Einfaches, sagt Dick Marty, alt Ständerat (FDP) und Co-Präsident des Initiativkomitees: «Den Grundsatz, dass alle für ihre Handlungen geradestehen müssen.» Unseren Wohlstand verdanken wir gemäss ihm einer liberalen Wirtschaftsordnung. «Häufig vergisst man aber, dass diese liberale Ordnung einen Rahmen braucht, namentlich einen Rechtsstaat und Justiz.» 90 Prozent der Bevölkerung hielten sich bei uns ja an
die Rechtsordnung. «Gesetze braucht es für die wenigen, die sich nicht an die Regeln halten.»

«Verantwortung hört nicht an den Landesgrenzen auf»

In knappen Statements kommen im Film auch ein paar Repräsentanten der Zivilgesellschaft zu Wort. Lucrezia Meier-Schatz, alt Nationalrätin (CVP), unterstützt die Initiative aus ethischen Überlegungen heraus und weil sie die internationale Reputation unseres Landes schützen will. «Es geht darum, dass die Wirtschaft den Menschen dient», sagt Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds. Und der Stahlunternehmer Dietrich Pestalozzi betont: «Die Verantwortung hört nicht an den Landesgrenzen auf.»

«Der Konzern-Report» ist innerhalb der knappen Zeit von fünf Monaten auf drei Kontinenten entstanden. Er hat insgesamt 100000 Franken gekostet und wurde vollständig aus Spendengeldern für diesen Film finanziert. Stilistisch fehlt dem Film alles Plakative und Effekthascherische. Er bleibt ruhig in Ton und Rhythmus, überschüttet uns nicht mit zu vielen Zahlen, vertraut auf die Bilder und lässt uns atmen. Auch die Musik (Balz Bachmann) ist zurückhaltend eingesetzt. Der Film braucht keine Überwältigungsdramaturgie, der Skandal der nüchternen Fakten ist laut genug.

Wenn man Tom Cassee, den verantwortlichen Produzenten und Rechercheur, fragt, was ihn am meisten beschäftigt hat bei der Herstellung dieses Films, dann betont er: «Die Menschen vor Ort berichten eindrücklich, wie sie und ihre Gesundheit geschädigt werden und warum sie keine Chance sehen, mit Hilfe der Justiz zu ihrem Recht zu kommen. Mich empört immer wieder aufs Neue, wie wenig die Menschen dort Zugang zur Justiz haben und damit der Willkür der Konzerne ausgeliefert sind.»

Und was sagt Mariluz Uriana in Kolumbien gegen Ende des Films? «Es ist nicht einfach, weiter gegen ein Monster anzukämpfen, das grösser ist als wir.» Und Idowu Azeez in Nigeria ergänzt: «Wenn sich die Dinge hier nicht ändern, sind unsere zukünftigen Generationen verloren.» Mit der Konzernverantwortungs-initiative und diesem Film liegen Forderungen auf dem Tisch, die genau da Veränderungen ermöglichen möchten.

Weitere Informationen
Die DVD kann ab sofort für den Richtpreis von 10 Franken bestellt werden auf:
www.konzern-initiative.ch/dvd

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