Best of June
Die beste Musik des Monats Juni

Das Album des Monats kommt in diesem Monat aus der Schweiz. Grosse Schweizer Majorlabels wollte die Band Ellis Mano Band nicht unter Vertrag nehmen. Doch jetzt wird das Album «Ambedo» von der internationalen Fachpresse gefeiert - und von uns.

Stefan Künzli und Michael Graber
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Ellis Mano Band: Chris Ellis, Nico Looser, Severin Graf und Edis Mano.

Ellis Mano Band: Chris Ellis, Nico Looser, Severin Graf und Edis Mano.

Pascal Berger

1. Ellis Mano Band: Ambedo

«Das Album ist einfach brillant», schreibt das britische Rock-Magazin «Velvet Thunder» über «Ambedo», den Zweitling der Ellis Mano Band. «Nach mehrmaligem Anhören muss ich sagen, dass dies eines der anspruchsvollsten, ausgefeiltesten Alben des Jahres 2021 ist», lesen wir im spanischen Magazin «This Is Rock». Vor allem in deutschen und englischen Fachmagazinen wird die Band und ihr zweites Album gelobt und empfohlen.

Es ist eine Musik, die von grossem Respekt gegenüber den amerikanischen Musiktraditionen geprägt ist. Rock mit einer bluesigen Grundierung. «Ein köstliches Rock-Blues-Jazz-Soul-Soufflé», wie es «Great Music Stories» formuliert. Da ist nichts fundamental Neues, kein Auto-Tuning, kein technischer Schnickschnack – nur Qualität: das Beste aus der Schatzkiste der Musikgeschichte.

Zum Vergleich werden legendäre Bands wie Dire Straits oder Toto herangezogen. Doch er greift zu kurz. Es gibt Referenzen, der Sound wirkt vertraut, aber die Band hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Identität. Die Band hat internationales Format, Edis Mano ist ein beseelter Gitarrist mit Sinn für Melodien und ein formidabler Komponist. Sänger Chris Ellis wird von der Fachpresse mal mit Deep-Purple-Sänger Ian Gillan, mal mit dem Schmirgelorgan von Joe Cocker oder dem lässig brummenden Bariton von Chris Rea verglichen.

Aber da ist noch mehr: In «Ambedo Mind» wechselt er in den schönsten Falsett, in «The Fight For Peace» beweist er Crooner-Fähigkeiten und schmachtet in «Breakfast». Ellis verfügt über ein unglaubliches stimmliches Repertoire, spielt virtuos mit einer Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten und bleibt doch immer gefühlvoll und leidenschaftlich. Weltklasse!

2. /A\ : /A\: Emilie Zoé, Nicolas Pittet und Franz Treichler

Es braucht gar nicht viel, um viel zu sein. Emilie Zoé, Nicolas Pittet und Franz Treichler lassen ihren Sound oft etwas schweben. Zwar stampft der dunkle Industrial ganz Treichler-Young-Gods-like kräftig und brummig, aber er hämmert das Filigrane nicht aus den Songs. Es sind sieben dunkle Lieder. Nebelverhangen, schwer, dicht und doch fliessend und treibend.

In «Grain, Sand and Mud» schiebt sich die Maschine durch ein grossartiges Gitarrenriff voran. Emilie Zoé singt dazu bedrohlich Mysteriöses. «Everything seemed dead/ and then it was all alive» schliesslich steigert sich sowohl die Melodie als auch der Gesang, längst mehrfach gesampelt, zu einem Sog. «I just want you to be loved /and know nothing about death», singt Zoé, und es klingt nach Erlösung. Allerdings nicht nach Erlösung im biblischen Sinne, sondern nach Erlösung aus dem Elend.

3. Salvador Sobral: BPM

Der Sieg von Salvador Sobral vor vier Jahren war nicht nur ein Wendepunkt für den portugiesischen Sänger, sondern auch für den Eurovision Song Contest. Nach Jahren des Trashs und der politischen Entscheiden setzte sich wieder Qualität durch. Sobral ist in seinem Heimatland längst ein gefeierter Star.

Nach einer Herz-Transplantation ist er wieder gestärkt und hat sich vor allem als hinreissender Interpret von Fremdkompositionen einen Namen gemacht. Auf «BPM» beweist er nun mit einer jazzerprobten Band, dass er auch ein formidabler Komponist ist. Seine vierzehn Songs zwischen Jazz und Pop sind Balsam für die Seele und Sobral singt leidenschaftlich, weiche und sehnsüchtig. Einfach wunderbar.

4. Brad Mehldau Orpheus Chamber Orchestra: Variations On A Melancholy Theme

Gerade einmal 50 Jahre alt ist Brad Mehldau und er hat schon Dutzende Alben als Solist, Bandleader oder Begleiter verschiedenster Genres im Katalog. Nun nähert sich der Amerikaner nicht zum ersten Mal der Schnittstelle von Jazz und Klassik – mit einem 34-minütigen Werk, auf dem ihn das renommierte Orpheus Chamber Orchestra unterstützt.

«Variations On A Melancholy Theme» zollt der coronabedingten Wehmut dieses Musikers Tribut, die sich schon auf dem Lockdown-Solo «Suite: ­April 2020» zeigte. «Ich stellte es mir so vor: Brahms wachte eines Morgens auf und hatte den Blues», sagt Mehldau über sein neues Projekt, das man auch als sinfonischen Jazz im Stil von George Gershwins «Rhapsody In Blue» einordnen könnte.

Mehldau hatte das vor 50 Jahren gegründete New Yorker Kammerensemble, das stets ohne ­Dirigenten musiziert, mit einer Orchester-Version seiner Komposition beauftragt, die aus elf Variationen eines Themas, einer kurzen «Cadenza» und einer langen «Postlude»-Beigabe besteht. Diese Zusammenarbeit ist ein Glücksfall, da sie unentschlossenen Crossover-Mischmasch vermeidet: Mehldau, der auch mal Mozart-Konzerte aufführt steht mit seiner Jazz-Herkunft im Fokus, die Orpheus-Musiker begleiten ihn hingebungsvoll.

5. Billy F Gibbons: Hardware

Das letzte Album von ZZ Top ist 2012 entstanden. Doch Billy F Gibbons, der 71-jährige Sänger und Gitarrist ist nicht untätig geblieben. «Hardware» ist bereits sein drittes Soloalbum. Nachdem er sich auf «Perfectamundo» 2015 seiner unterdrückten Leidenschaft für kubanische Rhythmen widmete, ist er inzwischen wieder zum bluesgetränkten Rock zurückgekehrt. Die Songs entstanden in der kalifornischen Wüste selbst.

Auf seinen ersten beide Soloalben «The Big Bad Blues» (2018) und «Perfectamundo» (2015) dominierten noch die Coversongs, «Hardware» jedoch besteht bis auf eine Ausnahme – «Hey Baby, Que Paso» ist im Original von den Texas Tornados – aus eigenem Material. Auf «Hardware» werden die Riffs locker-aus den Hüften geschossen. Songs wie «She’s On Fire» oder «Stackin’ Bones», auf dem das Schwesternduo Larkin Poe mitmacht, grooven rasant vor sich hin, auch Hardrock, Country und New Wave haben sie nahtlos in die neue Platte eingebaut, auf «West Coast Junkie» wiederum hat Billy F Gibbons den Surf-Rock-Dude in sich selbst an die Oberfläche geholt. Das ist nicht eindeutig ZZ Top, aber zum Glück auch nicht sehr weit davon entfernt.

6. Dobet Gnahoré: Couleur (Cumbancha).

Die ivorische Sängerin Dobet Gnahoré hat in den letzten 20 Jahren aus dem europäischen Exil ihre panafrikanische Vision entwickelt. Ihr neustes Werk «Couleur» hat sie nun erstmals in ihrer Heimat Elfenbeinküste aufgenommen. Der Mix aus Tradition und Moderne ist geblieben, Gnahoré singt in sieben Sprachen (inkl. englisch und französisch). Eher überraschend ist, dass der Sound im afrikanischen Umfeld hörbar elektronischer und urbaner geworden ist.

7. Faye Webster: I Know I’m Funny Haha

Der Titel kann auf ganz schön falsche Fährten locken. Faye Webster macht keinen Schenkelklopfer-Pop und auch keinen Witzchen-Folk, sie macht Musik, die nicht aufs Zwerchfell, sondern aufs Herz zielt. Und – Achtung: wieder falsche-Fährten-Gefahr – es ist irgendwie Country. Frei von Präriestaub und Wüstenromantik. Aber es hat ein paar dieser wunderschönen Steelguitar-Streichler, die einem sofort nach Nevada beamen und die Sonne brennen lassen. Webster holt diesen Sound ins Jetzt, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Es ist clever arrangierter Country-Folk. Dazu kommt noch ihre Stimme, die selbst in ihren weichen Momenten eine grosse Dringlichkeit hat.

8. Lucy Dacus: Home Video

Lucy Dacus schreibt irgendwie nur grossartige Songs. Und das alles mit scheinbarer Leichtigkeit. Sie berichtet aus dem Tagebuch der Enttäuschungen aus ihrem Leben. Vieles im Stile eines Heimvideos: Vielleicht etwas verwackelt, aber immer unglaublich ehrlich. Rock trifft auf Pop trifft auf sanfte Synthies. Das sind packende Refrains, knackige Zeilen und Songs von einem solchen Sog, dass man sich darin verlieren kann. Toll.

9. Temple of Speed: Vol. 7

Die Hip-Hop-Supergroup aus Zürich, Bern, Basel, Luzern ist um ein Mitglied reicher. Um eine Frau. Big Zis rappt nun mit. Die Songs sind wiederum in kürzester Zeit entstanden und man hört ihnen dieses frisch-von-der-biergeplagten-Leber-Dings an. Nicht immer ganz unobszön, mitunter etwas rumpelig und doch immer im besten Flow. Hier sind Rapper und Rapperinnen am Werk, die ihr Mundwerk verstehen und lustvoll damit spielen können. Vielleicht klingt es nicht immer wahnsinnig modern, über diese Beats kann auch nicht mit Autotune gerappt werden, genau darum ist es aber ein erfreuliches Gegengift zu all den von Marktstrategen erdachten und ersinnten Produkten. Hier wird Rap gemacht, weil man Rap liebt.

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