Theater Basel
Dürrenmatts «Physiker»: Ein Stück, das nie vergeht

Rund 60 Jahre nach der Uraufführung zeigt das Theater Basel Dürrenmatts «Die Physiker» im Original – und begeistert damit auch heute.

Mélanie Honegger
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Die drei Physiker Möbius, Einstein und Newton mit Irrenärztin Mathilde von Zahnd (Carina Braunschmidt).

Die drei Physiker Möbius, Einstein und Newton mit Irrenärztin Mathilde von Zahnd (Carina Braunschmidt).

zvg/Ingo Hoehn

In der Schulzeit mochten sie die wenigsten wirklich, die grossen Klassiker, durch deren Seiten sich Generationen von Teenagern geblättert haben. Man musste sie eben lesen, diese Bücher, und die Werke von Friedrich Dürrenmatt gehörten da selbstverständlich dazu. Seine «Physiker» aber sind ein Schmuckstück der Schulliteratur.

Seit bald 60 Jahren wird das Stück immer wieder aufgeführt, an Kleintheatern, in Mehrzweckhallen, in grossen Theaterhäusern. Nun auch wieder einmal am Theater Basel. Was ist es, das die Leute immer wieder zu dieser Komödie zurückbringt, deren Autor dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre?

Die neue, alte Version, die am Freitag im Schauspielhaus Premiere feierte, lässt uns verstehen, wie das Stück zum Klassiker wurde, der es heute ist. In einer schlichten Umsetzung rekonstruiert das Schauspielensemble die Zürcher Uraufführung von 1962. Als Vorbereitung studierte das Ensemble Film- und Tonaufnahmen, um nicht nur die Figuren, sondern auch die Darstellenden von damals in die Produktion von heute aufzunehmen. Es ist der Versuch, zum Dürrenmatt-Jubiläum ein Stück Zeitgeschichte zu schaffen.

Stetes Rätseln um Alt und Neu

Gelungen ist jedenfalls der Beginn des Stücks: Dürrenmatts Intro vor dem roten Vorhang, von Andrea Bettini in breitem, schweizerischem Hochdeutsch vorgetragen, ist zwar nur das Amuse-Bouche dieses Abends, bleibt aber als einer der besonderen Momente hängen. Danach weicht das kräftige Rot des Vorhangs der grauen Ausstattung eines Sanatoriums. Dort treffen drei Physiker aufeinander, die aus unterschiedlichen Gründen vorgeben, verrückt zu sein. Sich selbst ist in diesem Stück kaum jemand - und wenn doch, dann endet das meist tödlich.

Das klingt plump, aber Gott sei Dank hat Dürrenmatt keine überdrehte Verwechslungskomödie geschaffen. Die Geschichte um Physiker Möbius, dessen Forschung schreckliche Möglichkeiten schafft, hatte im Jahr ihrer Erstaufführung während des Kalten Krieges wohl eine andere, erschütternde Wirkung auf das Publikum als heute. Das moralische Dilemma, zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und politischer Verantwortung entscheiden zu müssen, erhält zur Mitte des Abends denn auch viel Raum. So viel, dass die Dialoge auf der Bühne bisweilen etwas langfädig werden.

Mathilde von Zahnd und Inspektor Richard Voss (Andrea Bettini).

Mathilde von Zahnd und Inspektor Richard Voss (Andrea Bettini).

zvg/Ingo Hoehn

Dass der Theaterabend dennoch vergnüglich bleibt, ist auch der klugen Textvorlage geschuldet, die die Schwere immer wieder mit geistreichem Schalk aufbricht. Wie dünn die Grenze zwischen feinem Humor und Slapstick ist, zeigt sich bei den zwei Wärtern, die den Raum unter dem Kommando ihres Oberwärters stets joggend in einer Art Fitness-Choreo verlassen. Ein modernes Stilelement, das in der rekonstruierten Inszenierung etwas verloren wirkt. Die Vermutung liegt nah, dass es sich hier um einen nachträglich hinzugefügten Schnipsel handelt.

Problematisch ist das allerdings nicht, im Gegenteil: Das Spiel mit Ursprünglichem und Neuem lässt das Publikum unmittelbar rätseln, wo das Ensemble in Eigenregie Lücken füllen musste. Entscheidend ist das facettenreiche Spiel der Darstellerinnen und Darsteller, allen voran von Andrea Bettini, dem es auch in der Rolle des Inspektors gelingt, mit entspannter Authentizität aufzutreten.

Jörg Pohl als Newton und Fabian Dämmich als kindlich naiver Einstein fallen durch ihre feine Körpersprache auf: Absurde Gesten, nervöses Blinzeln – nichts wirkt übertrieben und dennoch ganz überraschend. Irrenärztin Mathilde von Zahnd erscheint in ihrer vorgetäuschten Fürsorge derweil lange als steife, eindimensionale Figur, bis Darstellerin Carina Braunschmidt im zweiten Akt mit Wucht ihre wahren Absichten offenbart.

Ein Experiment, das von den Zufällen lebt

Mit einer Inszenierung ohne Regie, die eine Uraufführung kopieren soll, hat sich das neue Schauspielensemble einiges vorgenommen. Spannend sind vor allem die kleinen, ungewollten Zufälle, die einen Sprung in die Gegenwart ermöglichen. Wenn es für die Betreuung der Physiker zu wenig Pflegerinnen gibt, beispielsweise. Sie sei neugierig, woher man die Pfleger nehme, so die Oberschwester, «bei der heutigen Überbeschäftigung». Ein Satz, der in der heutigen Zeit besonders einfährt.

Dass das Experiment geglückt ist, zeigt der lange Applaus nach der Vorstellung. Er ist wohl auch Ausdruck der Freude über den Start der neuen Saison, die mit Zertifikatspflicht und ohne weitere Restriktionen eröffnet werden konnte.

Theater Basel, «Die Physiker».
Bis 23. Oktober. Nächste Vorstellungen: 23.9., 24.9.
www.theater-basel.ch

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