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Pech und Schwefel: Der Basler Bussprediger, der prächtige Bücher liebte

Johannes Heynlin wollte mit seinen unzähligen Büchern den Teufel bekämpfen. Beat von Scarpatetti hat sie umfassend katalogisiert und dabei die Hintergründe von Heynlins Weltverachtung untersucht.

Martin Stohler
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Stein und Haselhühner – Johannes Heynlins von Stein selbst entworfenes Wappen. Die Haselhühner standen für die Jungfräulichkeit Marias, zu deren Verfechtern Heynlin gehörte.

Stein und Haselhühner – Johannes Heynlins von Stein selbst entworfenes Wappen. Die Haselhühner standen für die Jungfräulichkeit Marias, zu deren Verfechtern Heynlin gehörte.

zvg / UB Basel

Johannes Heynlin war im Laufe seines Lebens einiges in der Welt herumgekommen, als er im Jahr 1487 dem weltlichen Treiben den Rücken kehrte und sich ins Basler Kartäuserkloster zurückzog. Heynlein stammte wahrscheinlich aus Stein bei Pforzheim. Sein Geburtsjahr ist nicht überliefert, er dürfte um 1430 geboren sein. Heynlin studierte in mehreren europäischen Städten, mit Sicherheit in Leipzig und Löwen, möglicherweise auch in Erfurt. 1454 traf er in Paris ein, wo er, sieht man von einem kurzen Unterbruch in den 1460er Jahren ab, bis 1474 studierte und unterrichtete.

Neben seiner Lehrtätigkeit an der Sorbonne richtete Heynlin in Paris auch die erste Druckerpresse Frankreichs ein. Zu diesem Zweck liess er drei süddeutsche Typografen an die Seine kommen. In den Jahren 1470–1472 erschienen unter Heylins Herausgeberschaft elf ausschliesslich humanistisch-rhetorische Titel.

Nachdem er an der Sorbonne alle ihm erreichbaren akademischen Würden erlangt hatte, unter anderem wurde er 1469 zum Rektor gewählt, zog er 1774 an den Oberrhein. Hier wirkte er bis zu seinem Eintritt ins Basler Kartäuser Kloster im Jahr 1487 als vielbeschäftigter Bussprediger. Ein vom Heynlin-Forscher Max Hossfeld erarbeitetes Verzeichnis weist 1410 Predigten aus, die Heynlin am Oberrhein, von Baden bis Basel, und weiter noch bis Bern gehalten hat. Daneben war Heynlin, der in den 1460er-Jahren kurze Zeit auch an der Universität Basel wirkte, 1478 bis 1479 am Aufbau der eben gegründeten Universität Tübingen beteiligt.

Der Welt entsagen

Die genaueren Umstände von Heynlins diversen Umzügen sind nicht bekannt. So weiss man auch nicht, wo genau Heynlin nach seinem Wegzug aus Paris bis zu seinem Klostereintritt zu Hause war. Der Entscheid, seine Tätigkeit als Bussprediger aufzugeben und sich ins Kloster zurückzuziehen, kam für einige Zeitgenossen überraschend. Er spiegelt indessen Heynlins christlich geprägte Weltverachtung wider.

Von der Kanzel im Basler Münster predigte Heynlin Pech und Schwefel.

Von der Kanzel im Basler Münster predigte Heynlin Pech und Schwefel.

Nicole Nars-Zimmer

So schrieb Heynlin in einem Epigram: «Welt, du unreine, leb wohl. In dir ist nichts als Falschheit.» Oder in einer Randnotiz: «Meretrix est presens vita: Das gegenwärtige (irdische) Leben ist eine Hure.» Im Kloster wird Heynlin allerdings, wie Beat von Scarpatetti in seiner Einleitung zum Katalog der Heynlin‘schen Handschriften und Drucke* wahrscheinlich macht, einen besonderen Status besessen haben. So wird er etwa mit dem Drucker Johannes Amerbach einen freien Umgang gepflegt haben.

Im Übrigen hinderte seine Weltverachtung Heynlin nicht daran, über die Jahrzehnte eine kostbare Sammlung von schönen Handschriften und Drucken anzulegen. Nach seinem Tod im Jahre 1496 wurden sie Teil der Klosterbibliothek, und nach dem Ende des Basler Kartäuserklosters ging sie in den Bestand der hiesigen Universitätsbibliothek über. Dort wurden Heynlins Drucke und Handschriften auf die verschiedenen Fachbereiche verteilt. Der nun von Beat von Scarpatetti umfangreiche publizierte Katalog ermöglicht es, eine umfassende Vorstellung von Heynlins Bibliothek und ihren Beständen zu erhalten. Zudem erschliesst er uns die Sammlung als reiche Quelle für Heynlins Weltbild.

Bibliophile Kostbarkeiten

Die Sammlung, die Heynlin zusammengetragen hat, dürfte ein Vermögen gekostet haben. Sie darf, so Beat von Scarpatetti, «dank der märchenhaften, kostbaren Illuminierungen vieler Handschriften und Drucke und aufmerksamster, minutiöser graphischer Ausgestaltung» als bibliophil gelten. Heynlin war ein intensiver Leser. Unzählige Hinweis-«Händchen» und Randnotizen zeugen davon.

Mit Büchern gegen den Teufel kämpfen: Randnotiz von Johannes Heynlin.

Mit Büchern gegen den Teufel kämpfen: Randnotiz von Johannes Heynlin.

zvg / UB Basel

Insbesondere letztere verraten uns einiges über Heylins Weltsicht und -verachtung. Dazu bemerkte Beat von Scarpatetti anlässlich der Buchvernissage, die am vergangenen Mittwoch im Wildt‘schen Haus stattfand: «Der Teufel ist in den Marginalien leider etwas übervertreten.» Diesen galt es zu bekämpfen – auch mit Büchern, wie Heylin in einer Randnotiz festhielt. Seine Bibliothek scheint er als Bussprediger vor allem in diesem Sinne genutzt zu haben. Und in der kostbaren Ausstattung mag er eine Vorschau aufs Himmelreich gesehen haben.

Reizvolle Spekulation

Über Johannes Heynlins familiären Hintergrund ist nichts Näheres bekannt. Beat von Scarpatetti hegt die Vermutung, dass Heynlin «von fürstlicher oder hochklerikaler, aber ‹illegitimer› Abkunft» war. Dafür spricht der Umstand, dass Heylin offensichtlich von Haus aus vermögend war, anders hätte er sich seine kostbare Bibliothek nie leisten können. Darüber hinaus hat Beat von Scarpatetti Indizien dafür gesammelt, dass Heynlins Weltverachtung nicht nur theologische Gründe hatte, sondern auch in seiner «psychischen Verfassung» zu suchen sei, die durch seine «illegitime» Abkunft geprägt sein könnte. Beweisen lässt sich das nicht. Als Spekulation ist es auf jeden Fall reizvoll.

Beat von Scarpatetti: «Bücherliebe und Weltverachtung. Die Bibliothek des Volkspredigers Heynlin von Stein und ihr Geheimnis». Schwabe Verlag, Basel 2022. 582 Seiten, 86 Franken.