Pharmaziemuseum Basel
Tierisch gesund: Bibergeil und Viperngift versprachen einst wahre Wunder

Dass man schon früher besser nicht krank wurde, zeigt eine kuriose Ausstellung zu vermeintlichen Heilmitteln aus Tieren.

Hannes Nüsseler
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Ab 1850 wurden Schlachttiere zur Herstellung von Medikamenten verwendet.

Ab 1850 wurden Schlachttiere zur Herstellung von Medikamenten verwendet.

Pharmaziemuseum Basel

Wenn die Dosis die Wirkung macht, dann geht Barbara Orland in die Vollen: «Hier gibt es Antworten auf Fragen, die Sie nie gestellt haben», kitzelt sie die Neugier der Medien. Hier, das ist das Pharmaziemuseum Basel, an dem Orland als Expertin für Naturwissenschaftsgeschichte arbeitet. Und die Antworten drehen sich um die Frage, wie beispielsweise aus possierlichen Bibern und giftigen Vipern vermeintliche Medikamente wurden. «Schreiben Sie ruhig, dass es hier auch Hunde- und Mäusekot zu sehen gibt – das kann nicht schaden.»

«Tierisch! Vom Tier zum Wirkstoff» heisst der vierte und letzte Teil der themenbezogenen Kooperation zwischen Pharmaziemuseum, Musikmuseum, Museum der Kulturen und Antikenmuseum. Bis weit in das nächste Jahr hinein beleuchten die vier Ausstellungen das Verhältnis zwischen Mensch und Tier.

«Tierische Produkte wie Honig oder Tierteile wurden seit der Antike genutzt», erklärt Orland, «allerdings mit ganz unterschiedlichen Verfahren.» Bei der Veranschaulichung dieser verschiedenen Nutzungsformen habe man sich von Exponaten aus der eigenen Sammlung leiten lassen. «Wir haben alle Vitrinen und Depots geöffnet», so Orland. «Sogar auf dem Estrich waren wir!»

Vier Häuser, ein Thema

Dieser Fokus auf das eigene Haus ist ganz im Sinne des Initiators der «Tierisch!»-Reihe, Andrea Bignasca. «Wir holen gerne Werke aus London, Paris oder New York zu uns nach Basel», erklärt der Direktor Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig sein Konzept. «Das wollen wir auch beibehalten. Dabei gehen aber sehr oft unsere eigenen, hochkarätigen Sammlungen vergessen.»

Im Rahmen einer Konferenz habe er deshalb die Suche nach einem gemeinsamen Ausstellungsthema angeregt.

«Einige der Ideen waren zu spezifisch, bis wir uns zuletzt auf das allgemein gehaltene Thema ‹Tier› einigten.»

Natürlich sei es einfacher und rascher, eine Ausstellung alleine zu konzipieren, so Bignasca. «Aber die Zusammenarbeit bringt eine wahnsinnig tolle und sinnvolle Ergänzung.» Dabei arbeiten die beteiligten Sammlungen unterschiedliche Aspekte heraus: Das Antikenmuseum übernimmt die Vorgeschichte mit der Archäologie, das Musikmuseum untersucht das Verhältnis von Tierklängen zu Instrumenten, das Museum der Kulturen blickt über die Grenzen Europas hinaus, und das Pharmaziemuseum kümmert sich um tierisch gewonnene Wirkstoffe – eben auch aus dem Biber.

Vipernfleisch wurde in der Antike zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt.

Vipernfleisch wurde in der Antike zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt.

Pharmaziemuseum Basel

«In der Vormoderne lebten viele Menschen auf dem Land», erklärt Orland, «deshalb dienten Tiere nicht nur als Nahrung, sondern auch als Heilmittel.» Das penetrant riechende Drüsensekret «Bibergeil» etwa wurde nicht nur als Parfüm, sondern auch zum Ausräuchern von Quarantänestationen verwendet – so viel Aktualitätsbezug muss sein. Die sorgfältig inszenierten (und teils lebenden: Blutegel!) Exponate sind auf zwei Räume verteilt, wobei der zweite die industrialisierte Gewinnung von Medikamenten behandelt.

Kein Wirkstoff ohne Nebenwirkung

«Ab 1850 stand ein neuer tierischer Rohstoff in grossen Mengen zur Verfügung», erklärt Elias Bloch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Pharmaziemuseum Basel: «Schlachtabfälle.» Die Organe der maschinell getöteten Tiere ermöglichten die Entdeckung der Hormone – körpereigene Stoffe also, die wie das 1901 erstmals gefundene Adrenalin biologische Prozesse steuern. Die Forschergemeinschaft war begeistert. «Es herrschte Euphorie», so Bloch. «Man glaubte, einen ‹natürlichen› Wirkstoff gefunden zu haben ohne Nebenwirkungen. Was sich als Irrtum erwies.»

Vor allem stellte sich aber bald heraus, dass die Gewinnung von Hormonen sehr «materialintensiv» ist, wie es Bloch ausdrückt: So wurden in den 1950er-Jahren für die Herstellung von einem Kilogramm Testosteron zwölf Millionen Stiere benötigt, und für ein Kilogramm des weiblichen Hormons Estradiol – theoretisch – 15 bis 20 Milliarden Schweine!

«Tiere sind keine verlässlichen Rohstofflieferanten», zieht Bloch Fazit und leitet über zu den Absetzbewegungen der Pharmazie – weg von den Schlachthöfen, hin zur afrikanischen Pflanzenwelt: Hier boten aus Agave und der Yams-Knolle gewonnene Ersatzstoffe ein ebenso wirksames Mittel gegen Wechseljahresbeschwerden.

Die letzte Station ist dem Basler Chemiker Tadeusz Reichstein (1897–1996) gewidmet, der in den Räumlichkeiten des Pharmaziemuseums wirkte und 1950 für seine Forschungen zum Hormon Cortisol den Nobelpreis erhielt. Man sieht es der goldenen Medaille im Schaukasten nicht an, aber sie wurde aus den Nebennieren von 60’000 Rindern gewonnen.

«Vom Tier zum Wirkstoff», Pharmaziemuseum Basel, bis 5. Juni 2022. Alle Ausstellungen unter www.tierischbasel.ch.