Musikförderung
Euphorischer Zuspruch, deutliche Kritik: Das löst der Initiativ-Entwurf der IG Musik Basel in der Szene aus

Vergangene Woche hat die IG Musik Basel ihren Initiativtext für eine gerechtere Musikförderung vorgestellt. Die bz hat erste Reaktionen aus der Szene eingeholt.

Stefan Strittmatter
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Pop und Klassik auf Augenhöhe: Vor zehn Jahren musizierten die Lovebugs mit dem Sinfonieorchester Basel. Geht es nach der IG Musik Basel haben die beiden Genres bald eine gemeinsame Anlaufstelle.

Pop und Klassik auf Augenhöhe: Vor zehn Jahren musizierten die Lovebugs mit dem Sinfonieorchester Basel. Geht es nach der IG Musik Basel haben die beiden Genres bald eine gemeinsame Anlaufstelle.


zvg/Benno Hunziker

Die vor rund zwei Jahren ins Leben ­gerufene IG Musik Basel strebt eine zeitgemässe Musikförderung an, von der alle Genres profitieren. Seit vergangener Woche liegt ein Entwurf des Initiativ­textes vor, mit dem die IG im Herbst die Bevölkerung mobilisieren möchte (die bz berichtete). Die Kernforderungen, die an die Abteilung Kultur des Kantons ­Basel-Stadt gerichtet sind, lauten:

  • Institutionen und freies professionelles Musikschaffen erhalten je mindestens einen Drittel des Förderbudgets. So wird die ganze Bandbreite an Musik unterstützt
  • Ein Drittel der Förderbeiträge verteilt die Kulturabteilung frei. So geht das Geld dorthin, wo es am dringendsten gebraucht wird
  • Das Förderbudget kann sukzes­sive erhöht werden, damit die Institutionen keine Kürzungen der bestehenden Subventionen erfahren

Der Initiativtext kann im vollen Wortlaut auf www.igmusikbasel.ch eingesehen werden. Die bz hat ein gutes Dutzend Vertreterinnen und Vertreter der Basler Musik­szene um eine Reaktion gebeten. Hier die fünf Beiträge, die uns daraufhin erreicht haben.

Johannes Sieber: «Alle Leistungsverträge sind gut begründet»

Johannes Sieber, Kultur­unternehmer und Grossrat.

Johannes Sieber,
Kultur­unternehmer und Grossrat.

«Ein gewisses Unbehagen hinsichtlich oft fehlender Dynamik im staatlich geförderten Kulturbetrieb teile ich mit der IG Musik. Die Professionalisierung von Kulturorganisationen begünstigt deren Institutionalisierung. Doch die Dekonstruktion der Institutionen führt nicht zu einer gerechteren Verteilung der heute gesprochenen Mittel. Diese sind nicht einfach gegeben oder werden beliebig verteilt. Alle Leistungsverträge sind gut begründet, hart erkämpft und demokratisch legitimiert.

Mit dem Narrativ ‹Institutionen vs. freie Szene›, das die IG Musik bedient, bin ich nicht einverstanden. Beides hat sich seit jeher befruchtet und gestützt, denn viele Kulturschaffende sind in beiden Feldern tätig. Zudem sind Institutionen wie noch selten zuvor mit Wandel beschäftigt: neue Fördermodelle, Innovation, Transformation der Sparten und Prozesse und vieles mehr.

Der Versuch, eine Art Gerechtigkeit herzustellen, ist ein nobles Ziel. Doch kann Musikförderung überhaupt gerecht sein? Und angenommen, das ist das Ziel: Wird diese Initiative es erreichen? Konstruktive Kulturpolitik setzt nicht auf Verteilkampf, sondern argumentiert inhaltlich. Warum sollen Jazz, Pop und Rock stärker gefördert werden? Warum braucht die freie Szene mehr Mittel? Es sind die Antworten auf diese Fragen, die eine politische Grundlage für die angestrebte Finanzierung schaffen können. Daran sollten wir arbeiten!»

Yumi Ito: «Wir brauchen eine starke öffentliche Förderstelle»

Yumi Ito,Musikerin.

Yumi Ito,
Musikerin.

«Die Basler Musikszene erlebe ich als sehr vielfältig. Daher stehe ich für eine Musikförderung des Kantons Basel ein, welche das diverse Musikschaffen ­zeitgemäss unterstützt und so für Musikerinnen und Musiker verschiedener Genres Chancengleichheit erreicht.

Als freischaffende Musikerin habe ich selbst erfahren, wie viel Zeit und Geld die Produktion von Musik, ­Videos, Promotion und Tourneen kostet. In ­anderen Städten und Kantonen ist die öffentliche Förderung für freies Musikschaffen stärker, und dies führt dazu, dass man als Musikerin oder Musiker auch über­regional besser wahrgenommen wird. Wir Musikerinnen und Musiker in Basel brauchen dringend eine starke öffentliche Förderstelle, an die wir uns wenden können, um auch grössere Projekte mit realistischen Budgets realisieren zu können. Es ist wichtig, dass Aspekte wie Probezeiten und Musikentwicklung bei den Eingaben berücksichtigt werden können.

Ich selbst bewege mich stilistisch zwischen verschiedenen Welten. Obwohl ich Jazz studiert habe, lasse ich viele stilistische Einflüsse aus dem Pop und der zeitgenössischen Musik in mein Schaffen einfliessen. Die Initia­tive für zeitgemässe Musikförderung will die freien Musikschaffenden genreübergreifend stärken, das finde ich gut und wichtig.»

Hans-Georg Hofmann: «Es braucht eine Debatte über Kunst und Kommerz»

Hans-Georg Hofmann, Künstlerischer Direktor Sinfonie­orchester Basel.

Hans-Georg Hofmann, Künstlerischer Direktor Sinfonie­orchester Basel.

«Die Forderung der IG Musik, freie Musikschaffende stärker zu unterstützen, ist wichtig. Die Vorschläge dieser Initiative greifen allerdings elementar in das Gefüge der öffentlichen Förderung ein. Bevor man über deren Verteilung auf der Basis einer Gleichsetzung aller Genres spricht, braucht es eine inhaltliche Debatte über das Verhältnis von Kunst und Kommerz und von Bildungs- und Kulturauftrag.

Dabei spielt das musikalische Erbe unserer Stadt, aus der Institutionen wie das Theater oder das Sinfonie­orchester hervorgegangen sind, eine zentrale Rolle. Diese Institutionen erfüllen den Auftrag eines demo­kratisch gewählten Parlaments. Sie prägen nicht nur seit fast 150 Jahren das städtische Musikleben. Sie haben sich auch stetig professionalisiert und wirken mit einem wachsenden Vermittlungsangebot nachhaltig in die Stadtgesellschaft hinein.

Im Gegensatz zu freien Ensembles ist ein 100-köpfiges Orchester deutlich personalintensiver. Es kann unterhalb einer gewissen Personaldecke keinen regulären Spielbetrieb aufrechterhalten. Ein neuer Verteilschlüssel, der uns nur noch die Hälfte der bisherigen Subventionen zuspricht, hätte fatale Folgen. Es würde bedeuten, dass das SOB etwa 50 Prozent seiner hochprofessionellen Musikerinnen und Musiker verliert. Verdis Opern und Tschaikowskis Sinfonien würden aus dem Musik­angebot der Stadt verschwinden.»

Salome Hofer: «Wir sind interessiert an diesem Dialog»

Salome Hofer, Vorstandsmitglied RFV Basel und Grossrätin.

Salome Hofer, Vorstandsmitglied RFV Basel und Grossrätin.

«Der RFV Basel setzt sich seit über 25 Jahren für die Musikszene ein. Als ihr Sprachrohr kennen wir die Realitäten der Szene sehr gut. Mehr Anerkennung und mehr Fördermittel sind zwei der grossen Themen. So sind wir erfreut, dass mit der erfolgreichen Trinkgeld-Initiative der Förderung der Populärmusik mehr Bedeutung zukommt.

Wir begrüssen jegliches Engagement, das die kulturelle Vielfalt stärkt und alle Musikstile fördern will. Die Pandemie hat die Defizite unseres Erachtens klar aufgezeigt: Musikerinnen und Musiker unterschiedlicher Stilrichtung sind auf langfristige Förderung angewiesen. Nur so kann die Vielfalt nachhaltig gesichert werden.

Die Initiative der IG Musik fordert viel und wirft berechtigte Fragen auf. Aus Sicht des RFV Basel gibt die Trinkgeld-Initiative bereits grundlegend Ant­worten darauf. Entscheidend ist, dass künftig die Förderung des (Musik-)Schaffens als solches in den Fokus rückt. Dazu sind bei der Mittelvergabe Know-how und Szenennähe entscheidend. Diese Ansprüche seitens Kanton zu erfüllen, ist herausfordernd. Auch vor dem Hintergrund, dass Fördergefässe bestehen, auf denen aufgebaut werden soll. Zuerst sollte die Definition «freier professioneller Musikschaffender» geschärft und dann verhindert werden, dass neue Ungleichheiten entstehen. Der RFV Basel ist interessiert an diesem Dialog. Jetzt ist die Zeit, gemeinsam die zeitgemässe Musikförderung voranzubringen.»

Marcel Colomb: «Der Teufel steckt auch hier im Detail»

Marcel Colomb, Musiker und Kulturpolitiker.

Marcel Colomb,
Musiker und Kulturpolitiker.

«Das Anliegen, die Kulturförderung zu modernisieren und insbesondere auch die Kultur abseits der grossen Institutionen und Geldtöpfe nicht zu vergessen, geniesst in der Basler Bevölkerung grossen Rückhalt: Sie hat am 29.11.2020 die Trinkgeld-Initiative (5 Prozent des Kulturbudgets des Kantons Basel-Stadt für die aktive Basler Alternativkultur) mit grosser Mehrheit angenommen.

Gerade Covid zeigte überdeutlich, unter welch prekären Umständen viele Kulturschaffende ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Es ist also ein guter Zeitpunkt, um über eine Veränderung in der Musikförderung zu sprechen. Der Teufel steckt allerdings oft im Detail. Deshalb begrüsse ich den Schritt der IG Musik, ihren Initiativtext in eine Vernehm­lassung zu schicken.

Die Beschränkung auf «die Profes­sionalität» halte ich für problematisch. Wann musiziert jemand professionell? Muss man bereits von seiner Kultur leben können, bevor man dieses Kriterium erfüllt? Ich würde das Wort streichen, denn es schränkt unnötig ein. Zudem kann ich nicht nachvollziehen, wieso man den RFV Basel mit seinen 27 Jahren Förder­erfahrung einerseits als Partner bezeichnet und andererseits seinen Aufgabenbereich enorm beschränken möchte. Trotzdem: Persönlich wünsche ich der IG viel Erfolg und danke für ihren Einsatz.»

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