Konzert
Der Pianist aus den Trümmern: Aeham Ahmad schaffte es vom Flüchtlingslager auf die Bühne

Vor sechs Jahren gelang Aeham Ahmad die Flucht aus Syrien, heute macht er international Karriere als Musiker. Am Sonntag spielt er in Basel.

Reinmar Wagner
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Spendet mit seinen Konzerten Hoffnung: Aeham Ahmad.

Spendet mit seinen Konzerten Hoffnung: Aeham Ahmad.

zvg/Lamis Al-Khatib

Am Anfang stand ein Bild: Inmitten halb zerstörter Häuser und Ruinen sitzt ein junger Mann an einem schäbigen Klavier, versunken in seine Musik. Der Fotograf Niraz Saied fing diese Szene im palästinensischen Flüchtlingslager «Yarmouk» in der Nähe von Damaskus ein. Aeham Ahmad heisst der junge Klavierspieler. Der Fotograf starb 2018 in einem syrischen Gefängnis, Ahmad gelang die Flucht über die Balkan-Route nach Deutschland, und er wurde weltberühmt als «Der Pianist aus den Trümmern».

In seiner Biografie «Und die Vögel werden singen» (2017) erzählt Ahmad seine Geschichte: Sein Vater betreibt eine Werkstatt für Musikinstrumente. Schon als Fünfjähriger erwacht im Sohn die Faszination für das Klavierspiel. Er schafft es ans Konservatorium in Damaskus und von 2006 bis 2011 studiert er Klavier in Homs an der Baath-Universität. Immer wieder transportiert er sein Klavier mit einem Handkarren in die Strassen des Flüchtlingslagers, in dem er aufgewachsen ist, spielt für die Menschen – oft sind es Scharen von Kindern, die ihm zuhören und mitsingen.

Nach der Flucht die Pianisten-Ausbildung

In den sozialen Medien wird Ahmad zur kleinen Berühmtheit. Doch im Lager, das vor dem Krieg 150'000 Bewohner hatte, übernimmt eine Fraktion des IS das Kommando. Ahmads Klavier wird von den Islamisten zerstört. Er entschliesst sich zur Flucht und schafft es nach Deutschland.

Aeham Ahmad hat eine klassische Pianisten-Ausbildung und er spielt Mozart und Beethoven auch sehr gerne. Einen seiner ersten Auftritte in Deutschland hatte er mit den Philharmonikern in Bochum. Aber das Spektrum dieses Musikers ist sehr viel breiter: Zusammen mit dem irakischen Trommler Ahmed Kittan hat er gerade eine CD eingespielt, mit seinem Vater, der Geige und arabische Instrumente spielt, hat er im ­Corona-Jahr eine Aufnahme ver­öffentlicht. Acht ganz unterschiedliche CDs sind von Ahmad bereits erhältlich.

Das Bild des «Pianisten aus den Trümmern» ging um die Welt: Aeham Ahmad im Flüchtlingslager «Yarmouk».

Das Bild des «Pianisten aus den Trümmern» ging um die Welt: Aeham Ahmad im Flüchtlingslager «Yarmouk».

zvg/Niraz Saied

Seine Musikerfreunde kommen aus verschiedenen musikalischen Lagern, und so spielt er auch: Ein musikalisches Chamäleon, das Einflüsse und Anregungen von überall erhält und mit ihnen spielt. Das mag bisweilen ein wenig oberflächlich klingen, aber für Ahmad ist klar: Es geht ihm nicht um musika­lische Tiefenbohrungen – die Botschaft ist es, die für ihn zählt, und diese Botschaft bringt er in seinen Liedern und Klavier­stücken mit viel Charme und Charisma, mit orientalischer ­Lebensfreude und – nicht verwunderlich – auch immer mit einer grossen Portion Melancholie den Menschen näher.

Seine Konzerte sind oft ­wilde Reisen durch unterschiedliche musikalische Geografien. Klassik-Schnipsel stehen bruchlos und unvermittelt neben wilden Jazz-Improvisationen, mit flinken Fingern paraphrasiert er Pop-Hits und stellt sie neben die orientalischen Gesänge, von denen nur er weiss, was traditionell ist und was er gerade selber erfindet.

Konzerte zwischen Lebensfreude und Auflehnung

Er spielt, er singt, und er bringt sein Publikum gerne zum Mitsingen und zum Mitklatschen. Manchmal ist da auch Wut und Auflehnung, und er schont das Instrument nicht, auf dem er jeweils spielt. Aber sein Herz und sein Engagement sind bei den Menschen in Syrien und jenen, die von dort nach Europa geflohen sind, für die er sich mit all seiner Kraft einsetzt. Und am Ende ist in seinen Konzerten stets Hoffnung und Trost.

Am Sonntag spielt Ahmad in der Basler Titus­kirche. Christian Sutter, der ehemalige Kontrabassist des Sin­fonie­orchesters Basel, steckt nicht nur hinter den Programmen der Konzertreihe «Titus beflügelt». Seit vielen Jahren beweist er auch immer wieder sein Flair für literarische Kostbar­keiten, die er mit oft überraschenden und genauso oft hintergründig humorvollen Querbezügen der Musik zur Seite zu stellen weiss.

«Titus beflügelt». Tituskirche. So, 19. Sept., 17 Uhr.
Aeham Ahmad (Klavier und Gesang) und Christian Sutter (Lesung).
Tickets: christian.sutter@erk-bs.ch

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