Jazz
Das Jazz-Quartett Phraim musiziert wider die alten Rollenbilder

Das österreichisch-schweizerische Jazz-Quartett Phraim stellt seine dritte CD am Jazzfestival Basel Open Air vor.

Stefan Strittmatter
Drucken
Gruppe ohne Machtkämpfe: Phraim mit Marc Mezgolits, Peter Primus Frosch, Nina Reiter und Viola Hammer (von links).

Gruppe ohne Machtkämpfe: Phraim mit Marc Mezgolits, Peter Primus Frosch, Nina Reiter und Viola Hammer (von links).

Zvg

Das bequeme Gruppenbild deutet in eine andere Richtung, doch Phraim sind eine «getriebene» Band. So zumindest beschreibt Bassist Marc Mezgolits die Jazz-Formation, die er 2016 zusammen mit Sängerin Nina Reiter und Schlagzeuger Peter Primus Frosch aus der Taufe hob. Pianistin Viola Hammer vervollständigt seit einem Wechsel die heutige Besetzung.

Getrieben seien Phraim im Hinblick auf den Alben-Output im Zweijahresrhythmus – durchaus selbst verschuldet: Die vier jungen Musikerinnen und Musiker (mit Jahrgängen 1985–91), die hälftig in Österreich und der Schweiz leben, legen jeweils ­zuerst den Zeitraum für die Aufnahmen fest. Danach erst beginnt die Kompositionsarbeit. Mez­golits: «So haben wir eine Art Deadline, bis wann wir fertig sein müssen. Das hilft.»

Ggetrieben und bequem zugleich

Dass dieser Druck durchaus schöne Blüten treibt, beweisen Phraim auf ihrem aktuellen dritten Longplayer «Hysteria». Was schon beim ersten Hördurchgang auffällt: Das Quartett hat einen eigenen Sound – frisch und inspiriert und dabei doch stets mit einer angenehmen Gelassenheit. Oder anders formuliert: getrieben und bequem zugleich, und damit doch passend zum erwähnten Gruppenbild.

«Für Machtkämpfe haben wir alle nichts übrig», sagt Mezgolits, der 2016 sein Masterstudium am Basler Jazzcampus abschloss und seither in der Rheinstadt lebt und wirkt. Dass alle Bandmitglieder Kompositionen beisteuern, funktioniere sehr gut. Die oder der jeweilige Schreibende behalte zwar das Recht auf das letzte Wort, doch seien alle Stücke im Grunde kollektive Arbeiten: «Wichtig ist uns in erster Linie das grosse Ganze.»

Den Begriff «hysterisch» positiv besetzen

Wichtig ist der Band indes auch die Aussage ihrer Songs, die sich thematisch um die im Album­titel genannte Hysterie drehen: «Diese Krankheit ist ja seit der Antike für eine Vielzahl an körperlichen und psychischen Symptomen diagnostiziert worden – und das insbesondere bei Frauen», sagt Mezgolits. Auch heute noch halte sich der Begriff «hysterisch» hartnäckig und werde gerne verwendet, wenn Frauen dem Patriarchat unangenehm auffallen. Mit den Texten aus der Feder von Sängerin Nina Reiter wolle die Band diesen Begriff nun für sich beanspruchen und positiv besetzen, erklärt Mezgolits.

Dazu passt auch die Idee hinter dem Bandnamen, einer eigenwilligen Schreibweise von «Frame», also Rahmen. Dieser biete Platz für «alles, was gut klingt, gut groovt und künstlerisch anspruchsvoll» sei. Keinen Platz gebe es hingegen für «traditionelle Rollenbilder.» Doch sei ihm bei aller textlichen Tiefe wichtig, dass die Melodien auch für sich alleine stehen könnten, so Mezgolits mit Blick auf den wortlosen Album-Opener: «Manchmal soll die Musik einfach für sich sprechen.»

Phraim: «Hysteria», 2022, QFTF. www.phraim.ch
Jazzfestival Basel Open Air. So, 29. Mai, Kunsthalle, u.a. mit Phraim (12.30 h). www.offbeat-concert.ch