Fotografie
Berufung Zimmermädchen: Der Baselbieter Arbeitsalltag vor 70 Jahren in Bildern

Theodor Strübin (1908–1988) dokumentierte mit seinen historischen Aufnahmen den Wandel der modernen Arbeitswelt.

Hannes Nüsseler
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Wildwestambiente: Wagenschmied Max Henny vor seiner Werkstatt in Ziefen.
12 Bilder
Zimmermädchen beim Wischen einer Treppe im Hotel Engel, Liestal 1941. Nach damaliger Einweisung in Haushaltkursen wurden Treppen immer von oben links nach rechts, stufenweise gewischt.
Jaquard-Lochkartenstanzer: Die Karten dienten dazu, Webmuster von beliebiger Komplexität automatisch herzustellen.
Schneiderin an einer «Singer»-Tretnähmaschine.
Ein Berufsfischer aus Birsfelden flickt sein Netz.
Schwester Nesa Caduff betreut in Liestal ein krankes Kind, 1943.
Laborant mit Arbeitsmaterialien.
Eine Gouvernante kontrolliert die Lagerbestände im Lebensmittellager des Hotels Engel in Liestal.
Aufnahme aus einer Giesserei.
Glätterinnen bei Fräulein Steiner in Liestal, 1943.
Töpfer an der Drehscheibe in Benken, 1943.
Damen-Coiffeuse Fräulein Michel aus Liestal schneidet einer Kundin die Haare, 1943.

Wildwestambiente: Wagenschmied Max Henny vor seiner Werkstatt in Ziefen.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Der Mann im Lederschurz schmiedet nicht irgendetwas: Es ist ein Hufeisen, das da unter präzisen Schlägen auf dem Amboss entsteht. Die Mittagssonne, das Wagenrad, der unbefestigte Boden – fast wähnt man sich im Wilden Westen oder vielmehr: in den Kulissen eines Westerns. Denn tatsächlich ist das Bild gestellt, der Baselbieter Fotograf Theodor Strübin (1908–1988) hat den Ziefner Wagenschmied Max Henny eigens vor die Werkstatt gebeten, um dessen Handwerk idealtypisch abzulichten. So spontan ein Grossteil seiner Fotografien entstanden ist: Hier führt Strübin Regie.

«Jeder seines Glückes eigener Schmied»: Unter diesem Wahlspruch sind seit Ende der Sommerferien wieder viele Schulabgängerinnen und -gänger auf der Suche nach einer Lehrstelle und damit einem Beruf, der nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch Erfüllung verspricht. Diese Vorstellung vom Beruf als Berufung ist allerdings so gemacht wie das glücksverheissende Hufeisen. Und der Archäologe, Primarlehrer und Berufslehrer Theodor Strübin hat sich mit seinen Fotografien massgeblich daran beteiligt.

Taktgeberin: Régleuse in der Waldenburger Revue Thommen Uhrenfabriken AG, ca. 1944.

Taktgeberin: Régleuse in der Waldenburger Revue Thommen Uhrenfabriken AG, ca. 1944.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Fischer bessern ihre Netze aus, Bäcker schieben Brote in den Ofen, Schneiderinnen arbeiten an der Nähmaschine, sogenannte Régleusen geben in einer Waldenburger Uhrenfabrik den Takt vor: An die 130 verschiedenen Sujets hat Strübin während der Vierziger- und Fünfzigerjahre fotografiert, um das Bildmaterial zu Anschauungszwecken verwenden zu können. Die Historikerin Céline Angehrn, die mit «Arbeit am Beruf: Feminismus und Berufsberatung im 20. Jahrhundert» ein Buch zum Thema veröffentlichte, hat sich mit diesen Fotografien eingehend beschäftigt.

Die Berufsberatung selbst ist ein junger Beruf, schreibt Angehrn in ihrem Aufsatz «Berufsbilder: Das Tableau der modernen Arbeit». Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden in der Schweiz berufsberaterische Einrichtungen. Diese Hilfsangebote in einer hochgradig arbeitsteiligen und ausdifferenzierten Arbeitswelt dienten als «Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft», so Angehrn. Und da in einer liberalen Gesellschaftsordnung theoretisch allen dieselben Berufsmöglichkeiten offenstehen, dienten Strübins Berufsbilder der Orientierung.

Sich-Beugen und ­Gebeugt-Werden

Was sie dabei zeigen, ist ebenso vielsagend wie das, was aussen vor bleibt. Da ist zunächst der konzentrierte Blick, das Sich-Beugen über und Gebeugt-Werden von Arbeit, wie Angehrn schreibt, der Beruf als «zentrale Grösse einer gelingenden biografischen Lebensgestaltung». «Die Terminologie der Persönlichkeit entfaltete sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Kontext des Berufs und seiner Institutionen wie der Berufsberatung», so die Historikerin. «Berufe wurden thematisiert als ein Gegenstand, der zum einzelnen Menschen passte oder eben auch nicht.»

Für das Aufgehen in ihrer Arbeit bezahlen die abgelichteten Personen mit der sozialen Vereinzelung: Was nicht unmittelbar zur Arbeit gehört, wird von Strübin zumeist aus dem Bildausschnitt entfernt. Das korrespondiere «mit den Anforderungen eines Arbeitsmarkts, auf dem die Ware Arbeitskraft ohne Rücksicht auf familiäre, freundschaftliche oder dörfliche Bindungen gekauft und verkauft werden konnte», hält Angehrn fest. Gewerkschaftliche Vertretung, Klassenbewusstsein? Nicht in Strübins Klassenzimmer.

Am anderen Ende wartet die Revolution: Fotografie eines jungen Telegrafen.

Am anderen Ende wartet die Revolution: Fotografie eines jungen Telegrafen.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Frauen werden von der Berufsberatung zwar nicht ausgeschlossen, doch bekommen die einzelnen Berufe klare Geschlechter: der Beamte, die Krankenschwester. Einen Arzt fotografiert Strübin hingegen nicht, Professionen, die eine höhere Bildung voraussetzen, gehörten nicht zu dem Bilderbogen eines mittelständischen Erwerbslebens. Dessen Berufe werden als grundsätzlich gleichwertig dargestellt: Eine Giesserei gilt Strübin als fotografisches Motiv so viel wie das Kontor eines Kaufmannes. Was dabei unterschlagen wird, ist die ungleiche Entlohnung, das Statusgefälle auch zwischen Männer- und Frauenberufen, zwischen angelernten, gelernten und studierten Tätigkeiten.

Revolution im Wilden Westen

Über den nostalgischen ­Reflex hinaus, den viele von Strübins Aufnahmen auslösen, dokumentieren sie aber auch die Fragilität der modernen Arbeitswelt, die von disruptiven Technologien beherrscht wird. Den Beruf des Lochkartenstanzers vermisst heute beispielsweise niemand mehr, und doch hat das rudimentäre «Betriebssystem» für die Herstellung komplizierter Webmuster die heimische Textilindustrie einst gross gemacht.

Und der junge Mann, der fast schon andächtig auf die Regler eines Telegrafen blickt: Auch er wartet auf die Nachricht einer Revolution, die sich am anderen Ende der Leitung, unter dem Atlantik und den Walbäuchen hindurch, diesmal im tatsächlichen Wilden Westen anbahnt: In einem Tal, das ab 1971 den Namen Silicon Valley trägt, wird eine Zeit aus Nullen und Einsen erträumt. Régleusen und Telegrafen unerwünscht.

Mehr Fotografien von Theodor Strübin im Kulturgüterkatalog des Museumverbunds Baselland: www.kimweb.ch.

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