Buchdebüt
Kunst als Krimi: Ich ist viele und die Art Basel nur Blendwerk

Der Basler Autor Luca Vicente hat seine Abschlussarbeit an der FHNW als Buch herausgebracht, das es jetzt auch neu zu hören gibt.

Iris Meier
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Hat schon unter anderem Namen ausgestellt: Luca Vicente.

Hat schon unter anderem Namen ausgestellt: Luca Vicente.

Roland Schmid

Alles beginnt mit einem Koffer. «Geld, viel Geld, oder etwas, was sich zu Geld machen lässt!!» soll da drin sein, so erhofft es sich der Kunststudent Ennio, der mit dem Ziel, einen Schatz zu ersteigern, an einer Auktion von Fundgegenständen teilnimmt. Ennio ist nervös und flucht innerlich unaufhaltsam.

Voller Hoffnung öffnet er den Koffer. Eine Flasche mit Nagellack, eine Bahnkarte, ein kleiner Ast. Zwölf disparate Gegenstände, eingelassen in hellen Kunststoff. So enttäuschend der Inhalt für ihn ist, so vielversprechend ist er für die Lesenden der Erzählung «Glanz im Auge» des Baslers Luca Vicente. Denn die zwölf Gegenstände sind so rätselhaft, dass man unbedingt wissen möchte, von wem sie stammen und was sie bedeuten.

Der perfekte Cliffhanger also.

Bevor sich das Rätsel (zumindest ansatzweise) auflöst, tauchen wir in die Leben zweier weiterer Protagonisten und einer Protagonistin ein, die zum Glück weit weniger fluchen und auch weniger nervös sind als Ennio – ihn würde man 126 Seiten lang wohl kaum aushalten. Gut für das Leseglück, dass seine Kofferersteigerung bloss die Rahmenerzählung darstellt, innerhalb derer sich die Dreieckskonstellation der weiteren Figuren entwickeln kann.

Was ist Sein und was Schein?

Mit dem pensionierten Künstler-Chemiker Werner Maria Polauke, genannt WMP, dem Bündner Klà Duri Bezzola und der Griechin Maria kreiert Vicente drei ganz unterschiedliche Kunstschaffende, die jeweils für bestimmte Zugänge zur Kunst stehen und sich mit noch weiteren Dimensionen der Kunstwelt konfrontiert sehen.

Da trifft das Staunen auf das Konzept, das Manifest auf das Manifestierte, die Idee auf den Kunstmarkt. Und irgendwann kommt auch noch die Lebenskunst unter der Sonne Griechenlands zum Zuge. Verhandelt werden auf neue Weise die alten grossen Fragen: Was ist Kunst? Was ist Sein und was Schein? Oder, wie es Ennio vermutlich sagen würde: Was soll der ganze Scheiss?

«Glanz im Auge» als Buch und Hörspiel

Dass Luca Vicentes Erzählung nicht einfach als Unikat im Archiv der FHNW Staub ansetzt, dafür sorgten Simon Felix Tarantik und Toni Egger, die mit ihrem Design-Studio frische Sichtweisen auf ein breites Spektrum an Disziplinen werfen.

Im Herbst 2020 stiessen die Stuttgarter Kommunikationsdesigner Jonathan Regler und der Sprecher Markus Tuna zufällig auf den Text, der sie sofort faszinierte: «Man liest von Gefühlen, die ähnlich dem Beissen auf Silberfolie sind. Das wollte ich hören, und Markus wollte die schrulligen Dialoge, die polemischen Schimpftiraden und Gedankenspiele sprechen.» Hier gibt es eine Hörprobe.

Aufgewachsen ist Luca Vincente als Sohn eines Spaniers und einer Italienerin im Gundeli. Als er 2012 den Masterstudiengang Integrative Gestaltung an der HGK FHNW begann, machte er sich seine Lust am Spiel mit Identitäten zu Nutze und reichte eine Seminararbeit unter dem Namen eines Künstlers ein, den er sich ausgedacht hatte: eben Werner Maria Polauke. Später erfand Vicente weitere Figuren, zwei von ihnen stellten sogar aus. Aus dieser Verschmelzung von Fiktion und Realität entstand «Glanz im Auge» als Teil von Vicentes Abschlussarbeit.

Verblüffend an der Lektüre ist, dass die Figuren trotz der komplexen philosophischen Dimension keineswegs konzeptuelle Kopfgeburten eines Absolventen der HGK darstellen. Sie haben die Kraft literarischer Figuren. Werner Maria Polauke etwa erinnert an die kuriosen Protagonisten eines Wilhelm Genazinos, Klà Duri Bezzola überzeugt mit witzigen Einfällen und geistreichen Dialogen.

Alles ist gut, du bist genau richtig

Nicht zuletzt enthält die Erzählung auch eine psychologisch grundsätzliche Dimension. Der Titel spielt darauf an. «Glanz im Auge der Mutter» – so nannte der Psychoanalytiker Heinz Kohut die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Der Glanz soll dem Kind auf eine direkte Art vermitteln: «Alles ist gut. Du bist genau richtig.» Dieser Glanz im Auge kann sich auf Menschen beziehen, aber auch auf andere Dinge, die wir wahrnehmen.

Sein und Schein: Luca Vicente mit seinem verspiegelten Buch.

Sein und Schein: Luca Vicente mit seinem verspiegelten Buch.

Roland Schmid

Vincentes Erzählung enthält dabei keineswegs nur Beispiele davon. Sie verhandelt auch, wie schnell es passieren kann, dass man den andern instrumentalisiert für eigene Zwecke. Etwa wenn Maria ihren Partner Klà in ihrem erfolgreichen Film als abgedrehten Waldkünstler, der im Wald Hohlräume baut und Kapseln vergräbt, mehr inszeniert als porträtiert. Oder auch im Umgang von Klà mit seinem Freund Polauke, wenn dieser Teil seines raffinierten Planes werden soll, um die Oberflächlichkeit der Kunstmesse Art Basel zu entlarven.

Einzig die Begegnung zwischen WMP und Maria kommt dieser bedingungslosen Liebe nah, und dies, ohne dass das Erotische eine Rolle spielen würde: «Er empfand einfach eine tiefe Schönheit darin, mit ihr im selben Raum zu sein und sich zu unterhalten.» Dass die beiden dann zusammen einen Plan schmieden, leuchtet sofort ein. Denn Pläne schmieden alle in diesem Kosmos, Klà den Art-Entlarvungsplan, Ennio den Erfolgskofferplan. Welchen Plan Maria und WMP schmieden, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Er führt zum Rätsel des Cliffhangers zurück.

Alle, die sich für eine vielseitige Auseinandersetzung mit Kunst interessieren, werden in «Glanz im Auge» auf ihre Rechnung kommen. Es sprüht vor klugen Ideen, ist humorvoll, oft rätselhaft, wirkt zuweilen vielleicht sogar kryptisch. Ein zusätzliches Lektorat hätte das Buch vermutlich noch einem etwas breiteren Publikum zugänglich machen können. Man kann es aber auch anders sehen: Endlich mal ein Buch, das seinen Lesenden etwas zutraut.

Luca E. Vicente Zwicky: «Glanz im Auge», Tarantik & Egger, 126 S.

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