Buch
«Sich rechtzeitig auf den Weg machen»: Das Vermächtnis der Basler Ärztin Kathryn Schneider-Gurewitsch

In ihrem kurz vor dem Krebstod geschriebenen Buch «Reden wir über das Sterben» schreibt die Ärztin Kathryn Schneider-Gurewitsch über den selbstbestimmten Umgang mit dem Lebensende.

Anna Wegelin
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Kathryn Schneider-Gurewitsch (1951–2014).

Kathryn Schneider-Gurewitsch (1951–2014).

Felix Raeber

Drei Ordner «mit ihrem Schreiben gefüllt» – das ist das starke Vermächtnis der gebürtigen US-Amerikanerin Kathryn Schneider-Gurewitsch, die von 1990 bis 1999 in der Rehab Basel, dem überregionalen Kompetenzzentrum für Rehabilitation und Behandlung von querschnittgelähmten und hirnverletzten Menschen arbeitete, bevor sie eine psychotherapeutische Praxis in Basel führte. Am 4. Dezember 2014 starb die Ärztin 63-jährig an Krebs, daheim im Haus ihrer Familie an der Bärenfelserstrasse in Kleinbasel.

Ein Jahr lang ruhte das Material in besagten drei Ordnern. Dann wurde es in einem sorgsamen Prozess unter Mitwirkung ihres privaten und beruflichen Umfelds gemeinsam mit dem Limmat Verlag sondiert, gekürzt und lektoriert.

Entstanden ist daraus «Reden wir über das Sterben». Dieses wichtige Buch mit grösstenteils Originaltexten der Autorin kommt in einer klaren, unaufgeregten Sprache daher. Der Text ist eine empathische Anleitung für den selbstbestimmten Umgang mit dem Lebensende und ein anregender Beitrag zur Sterbehilfe-Debatte.

Angesprochen sind insbesondere Menschen, die selber im reifen Alter sind, eine fragile Gesundheit oder schwere Krankheit, betagte Eltern oder todkranke Angehörige haben. Zudem richtet sich der Text an Fachleute und Akteurinnen in Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik.

Kathryn Schneider-Gurewitsch

Kathryn Schneider-Gurewitsch (1951–2014), gebürtige US-Amerikanerin, arbeitete von 1990 bis 1999 in der Rehab Basel, dem überregionalen Kompetenzzentrum im Burgfelderhof für Rehabilitation und Behandlung von querschnittgelähmten und hirnverletzten Menschen. Hier wirkte sie als Managerin und Stellvertreterin des damaligen medizinischen Leiters Mark Mäder und setzte sich als Geschäftsführerin der Stiftung Pro Rehab Basel für den Klinikneubau von Herzog & De Meuron ein. Später führte sie eine psychotherapeutische Praxis in Basel und beriet die Klinik Schützen in Rheinfelden. Schneider-Gurewitsch engagierte sich im Vorstand der Schweizerischen Vereinigung für hirnverletzte Menschen, Fragile Suisse. Sie hinterlässt einen Ehemann und einen erwachsenen Sohn, die beide am Ende des Buchs «Reden wir über das Sterben» zu Wort kommen. (aw)

Im Buch erzählt Kathryn Schneider-Gurewitsch die persönliche Geschichte mit ihrer langjährigen Erkrankung. Sie denkt über Lebensqualität, Würde, Spiritualität, Versöhnung und «das gute Sterben» nach. Sie gibt eine kurze Einführung in die Hospizbewegung und in die Palliativmedizin. Und wir erhalten eine handfeste Anleitung für die eigene Patientenverfügung.

Weiter regt die Autorin zum offenen Gespräch rund um die ärztlich assistierte Sterbebegleitung an, und zwar frei von «festgefahrenen Haltungen» zwischen Palliativmedizin versus Sterbehilfe: «Die Schwarz-Weiss-Malereien gefallen mir nicht.» Sie zitiert Studien, fasst Fachliteratur zusammen und räumt auf mit «unsinnigen Therapien am Lebensende» und einer «interventionistischen Maximalmedizin», um «die Menschen unnötig lang am Leben zu erhalten, ihnen unsägliches Leid zuzumuten und sie um einen friedlichen Tod zu betrügen».

Über das Unausweichliche sprechen

Der Tod und das Sterben sind dabei der sprichwörtliche Elefant im Raum. «Das Thema geht uns alle an», stellt Schneider-Gurewitsch lapidar fest. Mit ihrem Text als Ärztin und Patientin, als Fachperson und Direktbetroffene wolle sie das «Interesse für die Fragen am Lebensende» wecken. In ihrer lebensnahen Sprache liest sich das dann so: «Mir liegt am Herzen, dass sich die Menschen rechtzeitig auf den Weg machen.»

Kathryn Schneider-Gurewitsch in ihrer Praxis.

Kathryn Schneider-Gurewitsch in ihrer Praxis.

Vanessa Püntener

Sie wolle «mithelfen, das Schweigen zu beenden, damit es irgendwann in der Zukunft normal sein wird, über das Unausweichliche zu sprechen», über das Sterben und den Tod, wie die Geburt das «Normalste der Welt».

Immer wieder wendet sich Schneider-Gurewitsch im Buch als Ärztin an Berufsleute ihrer Zunft. So meint sie beispielsweise: «Sterben hat nie als Sternstunde der Medizin gegolten.» Mit der Überbehandlung, die sie auch als «aussichtslose Weiterbehandlung» bezeichnet, geht sie hart ins Gericht. Selber sei sie der Schulmedizin immer «treu geblieben», betont sie, auch wenn sie als Patientin nicht jeden ärztlichen Rat befolgt habe.

Die Kunst des Zuhörens

«Die Kommunikation ist eines der wichtigsten Instrumente des Arztes», notiert sie weiter. Das ärztliche Gespräch werde unterschätzt. «Entsprechend schwierig ist es, dieses in ein Schema zu drücken und mit Taxpunkten zu versehen», meint sie. Es gebe nicht die eine medizinische Wahrheit, hält die Ärztin fest: «Wir sollten uns darauf konzentrieren, unseren Patienten alles zu bieten, was sie körperlich und seelisch brauchen, um dem Tod ohne Angst, vielleicht sogar mit grosser Gelassenheit entgegenzusehen.»

«Das gute Sterben könnte so einfach sein», beginnt sie den letzten Teil ihres Buchprojekts, der ihr besonders wichtig sei. Als Patientin fasst sie zusammen: «Durch das Reden über unsere Wünsche können wir viel zum Gelingen des letzten Schrittes in unserem Leben beitragen.» Dabei sei der gesunde Menschenverstand «wahrscheinlich der beste Kompass», sinniert sie.

Durch ihren engagierten, persönlichen Bericht hat sich die Ärztin und Patientin mit ihrem eigenen bevorstehenden Tod versöhnt, hinter dem sie kein überhöhtes Jenseits sucht. «Reden wir über das Sterben» ist ein heilsames Memento mori, um uns der eigenen Endlichkeit bewusst zu werden und Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. In Kathyrin Schneider-Gurewitschs eigenen Worten, festgehalten in ihren letzten Lebensmonaten: «Erst der Tod macht das Leben wertvoll.»

Kathryn Schneider-Gurewitsch: «Reden wir über das Sterben». Vermächtnis einer Ärztin und Patientin. Limmat Verlag, Zürich 202

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