Biologie
Florianne Koechlin: «Wenn eine Bank besetzt wird, berichtet auch die bz über die Hintergründe. Das ist doch toll!»

Die Basler Autorin über Pflanzenblindheit, Brennnesseln und die nötige Vielfalt beim Öko-Aktivismus.

Interview Hannes Nüsseler
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Florianne Koechlin: «Ich fühle mich der Pflanzenwelt am stärksten verbunden, wenn ich sie male.»

Florianne Koechlin: «Ich fühle mich der Pflanzenwelt am stärksten verbunden, wenn ich sie male.»

Kenneth Nars

Die Basler Autorin, Biologin und Alt-68erin Florianne Koechlin engagierte sich gegen Kaiseraugst und die Agrargentechnik, bezeichnet die POCH als ihre ehemalige politische Heimat – und trinkt zum Gespräch US-Imperialistenbrause mit Zitrone. «Kein Problem», lacht sie. «Fidel Castro hat auch Cola getrunken.»

Regenfälle, Dürren – wir haben einen schlimmen Sommer hinter uns. Was sagen Sie als Biologin dazu?

Florianne Koechlin: Die Waldbrände im Süden nicht zu vergessen! Ich habe dazu nicht viel zu sagen, ausser dass das offensichtlich mit der Klimaerhitzung zusammenhängt. Die Extreme werden grösser, wir müssen wirklich handeln. Jetzt.

In Ihrem neuen Buch plädieren Sie dafür, die Natur als Beziehungsnetz zu verstehen. Ist der Mensch beziehungsunfähig geworden?

Wir haben verlernt, dass wir zur Pflanzenwelt dazugehören, dass wir mit ihr verwandt sind. Im Frühling wurde ich von einer Schülerin kontaktiert: Sie habe in der Schule die Fotosynthese behandelt, aber die Pflanze selbst sei irgendwie gar nicht lebendig gewesen. Sie sei nicht als vernetztes und kommunikatives Lebewesen erschienen. Es sind aber längst nicht alle mit dieser «Pflanzenblindheit» geschlagen. Das ist auch das Schöne bei meinen Vorträgen, wenn Leute zu mir kommen und von gewissen Prozessen sagen: «Das habe ich schon immer gespürt!»

Gespür geht über Wissenschaft?

Nein. Naturwissenschaften sind extrem wichtig, gerade die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die ich auch im Buch beschreibe. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir nie vollends herausfinden werden, was eine Pflanze ausmacht. Wir können uns nur annähern. Ich zum Beispiel fühle mich der Pflanzenwelt am stärksten verbunden, wenn ich sie male.

Was macht es aus?

Das ist schwierig in Worte zu fassen. Ein Maler hat einmal gesagt: «Wenn ich es beschreiben könnte, wäre es nicht mehr Malerei.» Was da zwischen mir und meinem Feigenbaum passiert, wenn ich ihn male, kann ich nicht beschreiben.

Das Wahrnehmen ist beidseitig: Sie schreiben, dass gewisse Pflanzen anhand unserer Gangart auf unsere Emotionen schliessen können.

Allerdings, ohne das interpretieren zu können! Pflanzen nehmen ihre Umwelt sehr nuanciert wahr, sie können die elektrostatischen Entladungen unserer Schritte registrieren. Was aber für Menschen traurig oder glücklich bedeutet, wissen sie wohl nicht.

Reden Sie mit Pflanzen?

Schon, aber das können auch Selbstgespräche sein.

Sind Sie selber im Garten aktiv?

Nicht viel, ich bin vor allem im Wald und in den Bergen. Mein Garten ist eine grosse Wildnis, Kräuter hat es, und den Feigenbaum. Meine sechs Tomatenstauden sind dieses Jahr verfault.

Sie schreiben über unterschiedlichste Themen, die doch alle irgendwie miteinander zusammenhängen.

Alles ist mit allem verbunden, das ist eine alte ökologische These. Da füllen sich auch immer mehr Leerstellen in unserem Wissen; das ist das, was mich fasziniert. Das Leben ist so viel mehr als Physik und Chemie.

Im Buch zitieren Sie: «Epigenetik ist ein Weg, um zu sagen: Wir wissen es nicht.» Gibt es etwas, was die Komplexität der Natur transzendiert?

Da bin ich zu hundert Prozent Agnostikerin. Man weiss es nicht, aber es braucht auch niemanden da oben. Für mich ist wichtig, dass man ganz vieles – noch – nicht weiss, und dieses Nichtwissen muss man aushalten können. Das sind wir uns nicht mehr gewohnt.

Sie setzen sich für das Recht von Pflanzen ein. Wenn Basel-Stadt Hunderte neuer Bäume anpflanzt, wie geht es diesen dabei?

Das weiss ich nicht. Aber ich hoffe, Basel versteht Bäume nicht nur als Klimaverbesserer für den Menschen. Mit den Bäumen kommt neues Leben, Vögel, Schmetterlinge, Bienen und viele mehr. Ein Landschaftsarchitekt meinte mal, er würde gerne Brennnesseln einsetzen, die seien so robust, doch niemand möge sie. Brennnesseln aber sind für das wunderschöne Tagpfauenauge und viele andere Schmetterlinge sehr wichtig. Es geht immer ums Ganze, das muss uns bewusst werden.

Die Wälder um die Stadt herum werden dagegen immer lichter. Wird zu viel gerodet?

Bei unseren Wäldern handelt es sich mehrheitlich um ältere Buchen-Monohaine. Die sind anfällig auf Dürre und Hitze. Dass hier einzelne Bäume durch neue Sorten ersetzt werden, halte ich für richtig. Nur habe ich Fragezeichen, wenn dabei ganze Plätze abgeholzt werden.

Sie sprechen sich klar gegen Pestizide aus. Was sagen Sie zum Abstimmungsergebnis der beiden Anti-Pestizid-Initiativen im Juni?

Furchtbar, aber die Initiantinnen haben es auch nicht geschickt angestellt und zu wenig Allianzen geschmiedet, vor allem mit den Bauern. Wir haben damals die Initiative für ein Freisetzungsmoratorium von Gentechpflanzen nur dank einer extrem breiten Koalition gewonnen. Und beim Widerstand gegen Agrogentechnik wurde mir bewusst, dass wir als Gegnerinnen unsere eigenen Visionen entwickeln müssen. So hat es auch mit dem Bücherschreiben angefangen: Ich habe Leute mit anderen Forschungsansätzen befragt.

Das CO2-Gesetz wurde als zu radikal beschrieben. Schaden maximale Forderungen den ökologischen Bewegungen?

Aus meiner politischen Erfahrung weiss ich, dass es die ganze Vielfalt braucht: vom Klimastreik über Greenpeace bis zum WWF. Wenn eine Bank besetzt wird, berichtet auch die bz über die Hintergründe. Das ist doch toll!

Nach einigen harten Befunden zum Zustand unserer Welt schliesst Ihr Buch mit einem Kapitel über Spatzen. Wie viel kann man der Leserschaft zumuten?

Ich war zu lange in der Politik und der Umweltbewegung, als dass es nur schön sein könnte. Aber eine Pessimistin bin ich nicht! Diese Abrundung für mein Buch war mir wichtig. Und Spatzen zu beobachten macht mir einfach Spass! Auch wenn sie jetzt die reifen Feigen stibitzen, die ich eben auch so gerne habe.

Was möchten Sie Ihrer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Ich schreibe gegen ein mechanistisches Weltbild an: Pflanzen sind mehr als kleine Biomaschinen. Wenn man das einmal realisiert hat, eröffnen sich ganz neue Perspektiven.

Florianne Koechlin: «Von Böden die klingen und Pflanzen die tanzen», Lenos Verlag, 275 Seiten.

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