Ausstellung
Den Pilgern im Weg: Im Palazzo Liestal wird ein heiliger Baum gefällt

Künstlerin Sonja Feldmeier stellt im Palazzo Liestal einen synästhetischen Werkkomplex zur Zerstörung eines indischen Baumes aus.

Christoph Dieffenbacher Jetzt kommentieren
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Stück für Stück: Filmstill aus «The Peepul Tree» (2020) von Sonja Feldmeier.

Stück für Stück: Filmstill aus «The Peepul Tree» (2020) von Sonja Feldmeier.

zvg

Haridwar, Nordindien, im Winter: In die Rinde eines jahrhundertealten Baums werden Äxte gehauen, die tiefe Wunden hinterlassen. Sägen verrichten an Ästen und Stamm ihr zerstörerisches Werk. Arbeiter binden Seile um Baumteile, um sie mit vereinter Kraft herunterzureissen, alles in gefährlicher Handarbeit. Passanten lesen herabgefallenes Holz zusammen. Immer wieder wird die von Menschen, Zweirädern und anderen Fahrzeugen belebte Strasse kurz geräumt, bevor wieder ein dicker Ast zu Boden kracht.

Auf diese Baumfällung war die Schweizer Multimediakünstlerin Sonja Feldmeier (*1965) vor über zehn Jahren auf einer ihrer Reisen gestossen. Bäume gelten im Hinduismus und Buddhismus zwar als heilig. Aber wie viele andere stand dieser Baum wegen seiner monumentalen Grösse den Pilgern eines religiösen Festes im Weg, das Millionen anzieht. Um diesen Widerspruch zu entschärfen, wurde das Fällteam mit Muslimen besetzt.

Dokumentarisch und subjektiv

Zunächst tief schockiert, hielt Feldmeier die Aktion während Tagen mit der Handkamera fest: «Ich fing erst mit der Zeit an zu begreifen, was da vor sich ging.» Aus 72 Stunden Material stellte sie ihr 25-Minuten-Video «The Peepul Tree» (2020) fertig. Der Film erzählt die Baumfällung gleichzeitig dokumentarisch und subjektiv. Eindrücklich verknüpft er einen trivialen Vorgang mit einer leicht fassbaren Symbolik; das Video wurde bereits an Ausstellungen und Festivals gezeigt und ausgezeichnet.

«Das Spektakel um diesen Baum hat mich nicht mehr losgelassen», sagt die Künstlerin. So beschäftigten sie etwa die gesellschaftliche und kulturelle Distanz zu Indien wie auch das Paradox, im Dienst der Gläubigen ein heiliges Stück Natur zu zerstören. Vertieft befasste sie sich auch mit der Gefahr des postkolonialen Denkens. Zum ganzen Themenkomplex erarbeitete die Künstlerin zwei andere Kurzfilme und weitere Werke – die nun alle in der Kunsthalle Palazzo zu sehen sind.

Innere Bilder werden abstrakt

Viele von Feldmeiers neueren Arbeiten bieten auf den ersten Blick wenig Bezüge zur indischen Baumfällung. Die Künstlerin berichtet hier von ihrer Begabung zur Synästhesie, nämlich Formen, Farben und Klänge gleichzeitig wahrnehmen zu können. Diese Fähigkeit hat sie nun erstmals in ihre Arbeit integriert. Anlass dazu gaben ihr die indischen Baumfäller, mit denen sie vor Ort viel Zeit verbrachte.

«Zunächst versuchte ich, meine inneren Vorstellungen von den beteiligten Menschen in dreidimensionalen Strukturen darzustellen», erläutert Feldmeier ihr sehr persönliches Vorgehen. Diese Konstruktionen fotografierte sie und bearbeitete die Bilder von Hand und am Computer weiter. Schliesslich entstanden abstrakte Tafelbilder auf Holz, die an psychedelische Erfahrungen, Traumvisionen oder religiöse Erlebnisse erinnern. Die Bilder dienten auch als Grundlage für die atmosphärische Musik, welche die Videos begleitet.

Blick in die Ausstellung «Based on a True Story».

Blick in die Ausstellung «Based on a True Story».

Sonja Feldmeier © ProLitteris

Näher am Thema bleiben in der Ausstellung die von der Künstlerin gestalteten Sitzflächen vor den Bildschirmen: Es sind riesige Baumscheiben. An den Wänden hängen zudem rot und schwarz gefärbte Objekte aus Zweigen und Wurzeln, die grossen, knorrigen Schlüsseln gleichen. Sollen sie die Tür zu einem Weg öffnen, wie wir in Zukunft weniger brutal mit der Natur umgehen können?

Auch diese Objekte gehen auf eine wahre Begebenheit zurück: Im solothurnischen Kleinlützel, wo Feldmeier ein Atelier hat, seien im letzten Winter rund 2500 Bäume gefällt und durch Büsche ersetzt worden, erzählt sie. Dieser Kahlschlag wegen eines möglichen Felssturzes habe sie an Nordindien erinnert. Und auch diesmal wurde die Künstlerin aktiv: Auf Spaziergängen sammelte sie die liegen gebliebenen Baumreste, um sie im Atelier neu zusammenzusetzen.

«Based on a True Story», Kunsthalle Palazzo, bis 30. Oktober 2022. Mi.–Fr., 14–18 Uhr, Sa./So., 13–17 Uhr. www.palazzo.ch

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