Art Basel Miami
«Das ist sexy für ganz junge Menschen»: Der Run auf digitale Kunstwerke

Die virtuelle Kunst dringt in die Messewelt vor – ein Trend, der viel Geld verspricht.

Susanna Petrin aus Miami Beach
Drucken
Junge Kunstform: NFT-Werk am Stand des Blockchain-Providers Tezos.

Junge Kunstform: NFT-Werk am Stand des Blockchain-Providers Tezos.

Lynne Sladky/AP

Der aufregendste Stand an der diesjährigen Art Basel in Miami Beach ist nicht der einer Galerie. Beim Blockchain-Provider Tezos werden die Gäste zu Kunstschaffenden. Ein paar Grimassen vor einem Bildschirm, schon verformen sich darauf grosse ­Gesichter mit hellblauen Babyaugen und kirschroten Schmollmündern. Sobald einem gefällt, was man auf dem Monitor sieht, drückt man eine Stopptaste auf dem Mobiltelefon – fertig ist das Kunstwerk. «Das sieht toll aus», sagen die Tezos-Angestellten, und man ist unwillkürlich ein wenig stolz. So einfach wird man zur Künstlerin, zum Künstler! Beuys hatte recht.

"Das ist sexy für ganz junge Menschen"

Tezos bietet den perfekten, verspielten Einstieg in die Welt der NFT – «non fungible tokens», auf Deutsch in etwa: nicht austauschbare Objekte. Es sind via Blockchain verschlüsselte, digitale Unikate im virtuellen Raum. Innert weniger als einem Jahr hat der Umsatz mit NFT mehrere Milliarden Franken ­erreicht. Sogar wer gar nichts versteht, erst recht nicht, warum einige verpixelte Männchen plötzlich mehr als eine Million Franken Wert sein sollen, hat doch begriffen, dass mit den Figürchen etwas Gigantisches zum Leben erwacht ist.

Die NFT Cryptopunks rütteln die Kunstwelt auf. «Wir werden gerade ziemlich überrannt», sagt ein Mitarbeiter am Tezos-Stand. «Alle hier wollen wissen, wie das geht – und wie man damit reich wird.» Letzteres sei nicht so einfach. «Alle gehen ins Metaverse», sagt auch Georg Bak, ein Kryptokunst-Experte aus Zug. Allein die beiden Schöpfer von Cryptopunks haben im Sekundärmarkt einen Umsatz von 1,5 bis 2 Milliarden Dollar gemacht.

Wir sitzen in der Collectors Lounge, Bak zückt sein Handy, ruft diverse Plattformen auf, zeigt auf computerspielartige Videos und Figuren. «Das ist sexy für ganz junge Menschen. Es sind neue Sammler mit ganz anderen Qualitätskriterien.» Bak zeigt sich begeistert von den Anwendungsmöglichkeiten: Die Mode-, Sport-, und Musikindustrie würden derzeit alle aufspringen.

NFT eigne sich aber auch als präzises Buchhaltungssystem. «Es ist sehr demokratisch und direkt», sagt Georg Bak. «Die Kunstschaffenden sind nicht mehr abhängig von Galerien und ­anderen Gatekeepern. Die Nachfrage allein bestimmt den Preis.» Dazu sei dieser virtuelle Markt völlig transparent, bei jedem NFT ist die Provenienz für alle ersichtlich.

Miami ist dieser Tage voller Veranstaltungen, Talks und Konferenzen zum Thema NFT. Doch an der Messe selber bieten bisher nur ganz wenige Galerien diese Kunst an. Zu den Ausnahmen gehört die deutsche Galerie Nagel Draxler. Sie arbeitet mit dem NFT-Künstler Kenny Schachter zusammen, der für sie Ausstellungen mit­kuratiert. Eine Art robuste Lara Croft ziert am Stand einen Wand­teppich und zeigt sich als Hologramm; die Figur erinnert an eine Computerspielheldin.

Zwischen Tradition und Computerkunst

Solch typische NFT-Ästhetik gefal- le traditionellen Sammlerinnen und Sammlern nicht, meint Magnus Resch, der an der HSG Dozent war und nun in Yale Kulturmanagement unterrichtet. Er beobachtet einen Kulturclash. «Die NFT-Leute gehen nicht an die Kunstmessen, die Sammelnden nicht an NFT-Veranstaltungen.» Die Goldgräberstimmung ist ihm suspekt: «Ich glaube, dass die NFT-Blase bald platzt und sich das Preislevel auf einem unteren Segment einpendelt.»

Für sein Buch «How to Become a Succesful Artist?» habe er «eine halbe Million Künstlerkarrieren ausgewertet», sagt Magnus Resch. Er glaubt nicht an einen neuen demokratischen Weg in den Kunsthimmel. Die Erfolgreichen müssten von Topgalerien und Museen ausgestellt werden, um dauerhaft ein hohes Preisniveau zu halten. Darum werden seiner Ansicht nach in Zukunft auch NFT-Künstlerinnen und -Künstler nicht kommen.

Zurück im Hotelzimmer versuche ich als Laiin, ein NFT-Männchen im Netz zu kaufen – nicht für eine Million, sondern für 250 Dollar. Ich scheitere, denn ich besitze keine Kryptowährungen. Es gibt noch viel zu lernen, um das Metaverse betreten zu können.

Aktuelle Nachrichten