Ausstellung
«Kennst du Wölflinswil?», fragt der Künstler Max Matter – nicht wegen des Dorfbildes übrigens

Das Alte Gemeindehaus ist ein Kulturort inmitten der Jurahöger. Keine Selbstverständlichkeit also. Nun stellt Max Matter Werke der letzten 60 Jahren aus – auch sehr Überraschendes. Eine Blueschtfahrt ins Fricktal lohnt sich.

Sabine Altorfer
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Max Matter hängt mit Farbe getränkte Japanpapiere vor die Fenster im Alten Gemeindehaus Wöflinswil.

Max Matter hängt mit Farbe getränkte Japanpapiere vor die Fenster im Alten Gemeindehaus Wöflinswil.

Sabine Altorfer

Manchmal braucht’s einen ­Anstupf. Wie den Brief von Max Matter. «Ich weiss nicht, ob Dir das Alte Gemeindehaus Wölflinswil bekannt ist?», schrieb der Aarauer Künstler. Und lobte: «Echtes Kulturengagement abseits der Zentren» betreibe dort Hans Böller seit Jahren mit Ausstellungen und Anlässen.

Da die Schreibende in diesem Jahr nicht im Preview-Rummel der Biennale in Venedig steckt, fuhr sie mit Max Matter nach Wölflinswil. Bequem mit dem Postauto über das Benkerjoch an den ersten blühenden Fricktaler Kirschbäumen vorbei. Schön ist das.

Das Alte Gemeindehaus, 1855 erbaut, war ein Unikum, bot das einfache Haus doch Platz für das Sitzungszimmer des Gemeinderates plus zwei Armenwohnungen. Doch vor 40 Jahren wurde es überflüssig, und vor zwanzig Jahren von Hans Böller, Architekt und Ex-Gemeindeammann, und dem Verein Dorfplus wieder aktiviert und schrittweise renoviert.

Im Obergeschoss ist eine Wohnung für Asylsuchende eingerichtet, das Erdgeschoss ist Vereins- und Ausstellungsraum. «Kunst und Natur» sind die Leitthemen. «Es ist wichtig für das Dorf», sagt Hans Böller. Aber es wirke darüber hinaus, betont Max Matter. «Wenn Vernissage ist im Alten Gemeindehaus, ist das Postauto von Aarau nach Wölflinswil voll.»

Farbe und Licht mögen und zerstören sich

Nun war am Samstag Vernissage für Max Matter. «Im Lauf von 60 Jahren» hat der 81-Jährige als Thema gesetzt – und er schafft es tatsächlich, in den fünf nicht grossen Räumen eine Übersicht über sein so reiches wie vielfältiges Schaffen zu vermitteln.

Max Matter mit verknüpften und verknüllten Farbbahnen im Alten Gemeindehaus Wölflinswil.

Max Matter mit verknüpften und verknüllten Farbbahnen im Alten Gemeindehaus Wölflinswil.

Sabine Altorfer

Farbig beginnt es mit seinen getränkten Papieren. Drei hängen an den Fenstern. «Sie werden durch das Licht, das sie leuchten lässt, auch zerstört», so der Künstler.

Andere der langen Papierbahnen hat Matter nur gewunden und geknüpft, einige als noch gefaltete Pakete an die Wand gehängt. «Da weiss nicht mal ich, wie sie im Inneren aussehen», so Matter. Welche Farben benützt er? «Alles, was verboten ist», sagt er lakonisch. «Wasserfarbe, Tinten, Acryl…»

Wie die Papiere wohl Innern aussehen?

Wie die Papiere wohl Innern aussehen?

Sabine Altorfer

Farbe und Licht: Damit experimentiert Matter seit Jahrzehnten. Mit Mustern und überlagernden Strukturen, Tropf- und Tränkarbeiten, auf Drucken und in Lichtkästen.

Dazwischen schob er schwarz-weisse Arbeiten ein: Verfremdete Kalligrafien, Asche- und Russbilder… Oder fotografische Experimente: Was passiert, wenn man die Kamera auf Langzeitbelichtung stellt und sich dreht? Oder den Entwickler nur durch Löcher zum Papier lässt? Matter macht, wagt und tüftelt. Selbst kopfüber hängte er sich 1979 ins Atelier, um rotierend mit Bleistiften an den Fingern aufzuzeichnen, was mit ihm passiert.

Zwei knallige Gemälde aus seiner Pop-Art-Zeit erinnern daran, dass Matters optische Explosionen in der Schweizer um 1966 ziemlich frech wirkten. Zuhinterst in der alten Küche verblüfft Max Matter mit klassischer Malerei. Das haben wir noch nie gesehen!

Die grösste Überraschung: Blumenbild von Max Matter. 1965 gemalt und noch nie gezeigt.

Die grösste Überraschung: Blumenbild von Max Matter. 1965 gemalt und noch nie gezeigt.

Sabine Altorfer

Aber ja, schliesslich hat er an der Kunstgewerbeschule Basel Zeichnungslehrer gelernt, also gelernt zu malen... Doch auch da widerspricht Matter: «Nein! Erst bei Werner Holenstein habe ich es gelernt. Von ihm habe ich gelernt zu warten, etwas zu setzen, zu warten, weiterzumachen… nicht einfach Skizzen zu vergrössern.»

Kunst ist für Max Matter umfassend, ein Wagnis, ein Ausprobieren. Wohl deshalb auch mag er den Wölflinswiler Hans Böller, den Macher, der organisiert und sich für Künstler engagiert.

Max Matter: Im Lauf von 60 Jahren. Altes Gemeindehaus Wölflinswil. Nur bis 8. Mai. www.dorfplus.ch