Kunstrock

Aus dem Leben des Bryan

Aussergewöhnlicher Auftritt: Bryan Ferry und Band vor den Gemälden von Georg Baselitz in der Fondation Beyeler.Caroline Minjolle

Aussergewöhnlicher Auftritt: Bryan Ferry und Band vor den Gemälden von Georg Baselitz in der Fondation Beyeler.Caroline Minjolle

Bryan Ferry, der Frontmann von Roxy Music, gastierte in der Fondation Beyeler. Der 72-jährige Sänger war für ein exklusives Konzert und Künstlergespräch eingeflogen worden.

Patti Smith hats schon getan. John Cale von The Velvet Underground ebenfalls. Und nun auch Bryan Ferry: Sich zu einem ausserordentlichen Auftritt in kunstvoller Atmosphäre hinreissen lassen.

Der Brite, der mit Roxy Music den Art- und Glamrock der 70er-Jahre mitdefinierte und in den 80ern der Lift- und Cocktailmusik Eleganz verlieh, liess sich eigens für einen Auftritt nach Riehen einfliegen. Ein exklusiver Anlass also, der nur dank der Strahlkraft der Fondation Beyeler und des zusätzlichen finanziellen Engagements von Sponsor Bayer möglich wurde. Der Saal im Untergeschoss der Ausstellungsräume fasst gerade mal 250 Sitzplätze.

Keine Frage: Wer für diesen Samstagabend ein Ticket erhalten hat, gehört entweder zu den geladenen Gästen (so wie der halbe Basler Regierungsrat) oder ist eingefleischter Fan von Ferrys Schaffen.

Schmachten und schwelgen

Der Sänger, mittlerweile 72 Jahre alt, lässt sich nicht lumpen. Er ist mit einer achtköpfigen Formation angereist. Keiner Rockband, sondern einem kleinen Kammerorchester: Flügel, Violine, Holzblasinstrumente statt E-Gitarre und Bass. Das Ensemble erfreut mit wunderbaren Arrangements ausgewählter Lieder. Etwa dem beinahe vergessenen Roxy-Music-Song «Bitter Sweet» (1974), zu dem ihn die Musik von Kurt Weill inspiriert habe.

Es hat etwas Schwelgerisches, Einlullendes auch, wie die Formation in diesem intimen Ambiente (und vor Gemälden von Georg Baselitz) durch die Musikgeschichte reist, zurück bis in die 1930er-Jahre: «Falling in Love Again» schmachtet Ferry und erinnert an das sehnsuchtsvolle Original von Marlene Dietrich: «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt.»

Seine Stimme hört sich brüchiger an als noch vor Jahren, ja, mitunter gar wimmert er eher, als dass er singt. Sein Vibrato aber, das ihn stets von anderen Rocksängern unterschieden hat, ist noch immer unverkennbar, ebenso sein Charme und seine Haltung, die jede Hotelbar veredelt.

Der bekannteste Song, den Ferry an diesem Abend anstimmt, trägt den Titel «Don’t Think Twice, It’s Alright» und stammt nicht von ihm, sondern von Bob Dylan. Einem Musiker, den er so bewundert, dass er ihm 2007 ein ganzes Album widmete.

Dass sich Ferry nie zu schade für Coverversionen war, unterstreicht er mit diesem 45-minütigen Programm, das viele Coverversionen enthält. Allerdings bricht er auch dabei die Erwartungen, verzichtet auf seine Interpretation von John Lennons «Jealous Guy». Nach dessen Ermordung veröffentlicht, wurde die Roxy-Music-Version berühmter als das Original.

Ja, überhaupt verweigert sich Ferry an diesem Abend den Hits aus seinem Backkatalog. Was den Auftritt nur noch exklusiver wirken lässt, denn wer ihn in jüngerer Zeit live erlebt hat – zum Beispiel 2003 und 2014 an der Baloise Session –, der durfte sich an den Klassikern wie «Love Is The Drug» oder «Slave To Love» erfreuen. Dass er diese in Riehen ohne Ausnahme weglässt: ganz schön überraschend.

Die Kunstsammlung des Musikers

Eher überraschungsarm dagegen ist das anschliessende Gespräch, das Michael Bracewell mit Ferry führt. So beeindruckend der Leistungsausweis dieses britischen Kunstkritikers und Autors auch sein mag, seine Moderation ist eher langweilig, Viele Fragen sind suggestiv, und manche so alt wie Ferry selber. Was ist sein Lieblingssong? (Schwer zu sagen). Welche Musiker haben ihn beeinflusst? (Charlie Parker, zum Beispiel).

Viel lieber hätte man in diesem Rahmen mehr über Ferrys Verhältnis zur Kunst erfahren – und über seine Kunstsammlung, die er am Rande erwähnt. «Als ich zu Geld gekommen war, Ende der 70er-Jahre, begann ich Kunst zu kaufen. Britische Kunst aus dem frühen 20.  Jahrhundert», sagt Ferry und fügt zum Amüsement des Publikums hinzu: «Vermutlich, weil diese relativ günstig zu haben war.»

Dem «Guardian» hat er vor einigen Jahren mehr darüber verraten, über die Gemälde von Augustus John oder Vanessa Bell, die seine Wände zieren. Sie passen einfach besser in sein Haus aus der viktorianischen Zeit. «Würde ich in Manhattan leben, hätte ich vermutlich mehr zeitgenössische Kunst gesammelt.»

Auf seine Affinität zur Kunst kommt Ferry in Riehen an anderer Stelle zu sprechen, hat er doch Ende der 1960er bildende Kunst studiert, unter dem Pop-Art-Pionier Richard Hamilton, der einen grossen Einfluss auf ihn ausgeübt habe. Gerne hätte man näher erfahren, warum er sich dann ganz der Musik verschrieb.

Besonders unterhaltsam ist Ferrys Erzählung, wie sich Roxy Music formiert haben: Tagsüber habe er unterrichtet, abends in seiner Wohnung in London Songs geschrieben. Das war um 1970. Seine Leidenschaft gehörte der Musik, in Sachen Instrumentierung interessierte ihn die Möglichkeit der aufkommenden Synthesizer-Technologie. Also fragte er rum und erfuhr, dass ein gewisser Andy Mackay ein solches Gerät besass. Der war eigentlich Saxofonist, aber auch so was konnte man in einer Band brauchen.

Als es darum ging, die ersten Demosongs aufzunehmen, fehlte dafür ein Aufnahmegerät. Da sagte ein Musiker: Ich kenne da einen, der hat eins. Sein Name ist Brian Eno. Einen Tag später sei Eno in der Band gewesen. Der Rest ist Rockgeschichte.

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