«Auf ein Wort»-Kolumne
Wackeln und kippen im Dialekt

In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Mundartexperte Niklaus Bigler, wie eine wippende Bewegung genannt wird.

Niklaus Bigler
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In der Schweiz geht niemand schaukeln, dafür aber «gigampfe»

In der Schweiz geht niemand schaukeln, dafür aber «gigampfe»

Bild: Keystone

Vorsicht beim Einschenken: Auf einer unebenen Unter­lage gnappet das Weinglas, und wenn dann auch noch der Tisch gnappet, dann kann es Flecken geben. Schweizerdeutsch gnappe bedeutet «wackeln, schwanken».

Die Bewegung geht hin und her oder wippend auf und ab, etwa bei der Zunge einer mechanischen Waage, dem Schwanz einer Bachstelze oder dem vom Sturm bewegten Schiffsdeck. Bei einem Schwätzer ist es der Unterkiefer: S Muul gnappet em de ganz Taag.

In vielen Fällen decken sich die Bedeutungen mit denen von waggele, gwaggele, zum Beispiel bei einem lockeren Zahn, der gnappet oder eben gwaggelet. Auch gampe und gampfe stehen unserem Verb inhaltlich sehr nahe, aber beim zweiten hat sich fast nur die Form gigampfe (spielend schaukeln) gehalten.

Als eine Art Intensivbildung von gnappe kann man gnepfe verstehen. Was heftig schwankt, gerät leicht aus dem Gleichgewicht und kippt um, gnepft. Der Kipper unserer Vorväter war die Gnepfbänne, ein einachsiger Karren: Liess man die Deichsel los, so kippte die Ladefläche nach hinten und entlud sich fast von selbst.

Das Verb kippen kam erst im 17. Jahrhundert in die hochdeutsche Sprache; eigentlich ist es mittel- und niederdeutsch. In der deutschen Schweiz sagte man ursprünglich statt kippe neben (über)welbe vor allem (über)gämpfe, übergnepfe, und der kritische, entscheidende Moment heisst Gämpfi oder Gnepfi.

Von jemandem, der gesundheitlich oder finanziell in eine kritische Lage geraten ist, hiess es: Er isch uf der Gnepfi, oder: Es isch uf der Gnepfi mit em. Und das Wirtshaus, dessen Wirtin in Konkurs gerät, hat Jeremias Gotthelf an einem Ort namens «Gnepfi» angesiedelt.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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