Kultur

Auch ein Schiff hornte im Eröffnungsspektakel mit

Der Erlebnistag von Lucerne Festival bot am Sonntag allen etwas. Aber der Spagat zwischen Hochkultur und Kinderprogramm gelingt noch nicht ganz.

Wie zufällig sitzen Geigen, Celli, Waldhörner, Rasseln und Tamburine um die Tische des World Cafés oder lehnen an den Abschrankungen zu den kleinen Teichen. Posaunen hallen von den Dächern. Trommeln wirbeln auf den Balkonen. Die Mischung aus Geräusch und Ton, Musik und zufälligen Gesprächen Flanierender wird intensiver, formt eine Wolke aus Wirklichkeit und Fantasterei. Am Schluss ist alles in den Klang ­gehüllt, der Europaplatz voll von diesem Singen, Schaben und Blasen.

Die weitläufige Raummusik der Amerikanerin und Perkussionistin Robyn Schulkowsky geht den Weg von den kleinen Musikflocken bis hin zum flächigen Spektakel. Die Performance setzt an diesem Sonntag mit Wucht und Tam-Tam den Startpunkt zum Erlebnistag des Lucerne Festivals. Natürlich darf das echte Blasen eines Schiffshorns, es ist der auslaufende «Diamant», auch nicht fehlen. Eindrucksvoll und wirkungsmächtig. Es wohnen auch deutlich mehr Leute dieser Eröffnung bei als andere Jahre.

Neues Theater auf dem Wasserturm?

Auch sonst passiert Merkwürdiges auf dem Europaplatz vor dem KKL. Gleich neben dem Brunnen steht ein kleines Häuschen, abgegrenzt mit einem Seil. Ein Geräteschuppen? Eine neue Wurstbude? Aber es hat Säulen, ein würdiges Giebeldach, ist putzig blau gestrichen. Und erst der Schriftzug! «Tonhalle» steht da geschrieben, protzig und klar. Plötzlich ertönt lauter Arbeitslärm, scheinbar von der Seebar her. Aus dem Häuschen stürmt ein gut gekleideter Herr um die 50, schüttelt die Faust in Richtung Wasser, brüllt seine Schimpfwörter in die Gegend.

Der Krach wird noch lauter. Die vorbeischlendernden Passanten schauen überrascht bis erschrocken. Ein Schauspiel, das sich in den folgenden zehn Minuten mehrmals wiederholt. Einmal sind es die Tauben auf dem Dach, ein andermal ein ­lärmendes Motorrad, dass den Schauspieler Thomas Douglas aus dem Häuschen bringt.

Denn im Innern findet das skurrile, abgehobene, amüsante und irgendwie auch poetische Konzert des Henosode-Quartetts statt. Unter dem Motto «Wenn das Publikum nicht zu uns kommen will, gehen wir halt zu ihm» hat der Schweizer Regisseur Ruedi Häusermann dieses Miniaturen-Spiel – gerade mal 20 Personen finden in der kleinen Bühne Platz – für die Münchner Biennale entwickelt. In Zusammenarbeit mit dem Luzerner Theater wurde die sinnentleert sinnvolle Performance vollständig angepasst.

Was, wenn das Publikum entscheidet?

Typische Luzerner Geräusche, vom Schiffshorn bis hin zur plappernden Chinesengruppe, mengen sich mit den Streichgeräuschen des Quartettes. Sie sind Rahmen und Ereignis in der ­witzigen Standortsuche für das neue Luzerner Theater, das hier witzig betrieben wird und dessen Vorschläge vom Platz des KKL bis hin zur Spitze des Wasserturms reichen.

Was passiert, wenn man alle Macht dem Publikum gibt? Es kommt nicht! Dies ist ein Fazit aus dem Versuchsballon der ­Festival Strings Lucerne, wo die Konzertbesucher vorgängig über das Programm abstimmen konnten. Nur das Parkett und der erste Balkon sind einigermassen besetzt. Kommt der Zuhörer nicht, wenn er nicht weiss, was ihn erwartet? Oder wie es Hans-Christoph Mauruschat, der Geschäftsführer des Orchesters, ausdrückt: «Es ist sicher eine spannende Idee. Aber wie viele Leute sind bereit, ein Ticket zu kaufen, ohne zu wissen, was sie dafür bekommen?»

Das Konzert ist dann das zu erwartende Best-of von Ohrwürmern wie «Mein Hut der hat drei Ecken» mit dem virtuosen Trompeter Artur Eseriba in ­«Le Carnaval de Venise» von Jean- Baptiste Arban. Lockere Stücke, etwa ein Walzer von Tschaikowsky, wechseln mit Griegs «Suite Aus Holbergs Zeit». Ein verspieltes Programm, Höhepunkt ist der Tango von Astor Piazzolla mit Daniel Dodds an der Solovioline, von den Festival Strings vergnüglich und hochstehend dargebracht.

«Reissverschlussmusik» für die Kleinen

Neben den «klassischen» Konzerten, in welchen sich bereits zahlreiche Kinder befinden, gibt es auch noch «echte» Anlässe für die Kleinen. Pizz’n’zipp lässt Kinderaugen glänzen mit ihrer witzigen Darbietung von «Reissverschlussmusik» bis hin zu klassischen Klängen (Ausgabe vom Freitag). Das andere explizite Kinderkonzert ist die «Geschichte vom Soldaten» mit der Musik von Strawinsky. Schon vor fünf Jahren wurde das Stück am Festival aufgeführt und war da eine spritzig-surreale Musikmelange.

In der Inszenierung von Maria Ursprung fehlen jetzt etwas die Überraschungen und knackigen Elemente. Vor allem der erste Teil ist gar passiv und zieht die Kinder nicht in seinen Bann. Die witzigen Dialoge zwischen Instrumenten und Soldat oder der Tanz der Prinzessin machen dies im zweiten Teil etwas wett. Störend bleibt jedoch der ständige Blick – vor allem der Teufelin – in das Textskript.

Gratis-Pizza allein genügt nicht

Zum Schluss bleiben zwei Fragen. So bleibt rätselhaft, warum man andernorts – etwa am Zürcher Opernhaus – für Kinder­vorstellungen kaum Karten bekommt, während der grosse Saal des KKL bei der Soldaten-Geschichte wohl kaum zu einem Drittel gefüllt ist. Fühlen sich Familien zu wenig angesprochen?

Dann ist der Erlebnistag dieses Jahr zwar kulinarisch kindergerechter. Nach dem Konzert von Pizz’n’Zipp werden im ­Foyer gratis kleine Pizzen und Sirup verteilt. In dieser Hinsicht könnte dieser Familientag allerdings noch zulegen. Es wäre wohl ein Leichtes, in den hauseigenen Restaurants ein spezielles, günstiges Kindermenu anzubieten oder im Freien einen Hotdog-Stand aufzustellen. Dafür gibt’s für alle Kinder eine Krone mit Musikmotiven, eine Erinnerung, die sie den ganzen Tag stolz ums KKL umhertragen.

Hinweis

«Tonhalle» (Luzern, Europaplatz 1b)»: täglich drei Vorführungen bis und mit am Sonntag, 8. September.

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