Die vergangenen zwei Festival-Wochenenden warteten mit geballter Jugend im Bereich der Neuen Musik auf: Die grossen Academy-Konzerte gehören dazu wie die Streichquartette des Composer Seminars oder Thomas Kesslers «Control»-Zyklus mit Studierenden der Musikhochschule Luzern. Dieses Wochenende hingegen hatten zwei Altmeister ihre Soloauftritte: Heinz Holliger mit seinem Geburtstagskonzert zum Achtzigsten und Maurizio Pollini.

Im Südpol wurde am Samstag Heinz Holliger gefeiert – und zwar sowohl als Komponist als auch als Oboist. In musikalischen Geburtstagsgrüssen von Younghi Pagh-Paan, Roland Moser und György Kurtág zeigte sich Holliger als vitaler Oboenvirtuose; mit seinem unverkennbaren Klang genoss er jedes Geräusch seines Instruments, sei es das Klappern der Ventile oder das kurze raue Kratzen vor der Tonerzeugung.

Eine Chorlandschaft aus einer Stimme

Kernelemente bildeten zwei Werke aus Holligers Feder. Sein zweites Streichquartett spielte das JACK Quartett, das in den letzten drei Wochen ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen hatte. Die schlicht ideale Interpretation unterstrich, dass das Streichquartett Nr. 2 von 2007 eine Art Zusammenfassung von Holligers gesamtem Kompositionsschaffen ist: Ausladendes Flageolettgezitter erinnerte an den Scardanelli-Zyklus, und der lange Epilog basiert auf einem Ausspruch von Paul Celan («Singbarer Rest») und unterstreicht Holligers feinstes Gespür für literarische Bezüge.

Höhepunkt war «Not I» für Sopran, Live-Elektronik und ­Video: Die Sängerin Susanne Elmark sass hinter einer schwarzen Wand, eine Kamera übertrug ihren Mund auf eine Leinwand, und so sang sie einen Text von Samuel Beckett. Das war hypnotisierend; nach und nach sampelte Thomas Kessler am Mischpult ihren Gesang zu einer Chorlandschaft aus einer einzigen Stimme. Mal gemahnte der Satz an Weberns «Entflieht auf leichten Kähnen», dann an Renaissance-Melismen, mal sah man den übergrossen Mund sinnlich-weich, dann wieder schmallippig-trotzig. Das Erstaunlichste: Das Werk aus dem Jahr 1980 wirkte so zeitgeistig, dass man es sich als Installation in einem modernen Kunstmuseum hätte vorstellen können.

Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit

Am Sonntagmorgen folgte das zur Tradition gewordene Rezital von Maurizio Pollini. Die drei Intermezzi op. 117 von Johannes Brahms waren für Pollini nicht der ideale Einstieg – der Klavierklang des 77-Jährigen ist inzwischen schlank, ja fast zerbrechlich geworden. Es drängt sich die Frage auf, der sich alle Musiker irgendwann stellen müssen: Womit kompensiere ich die im Alter schwindende Kraft? Pollinis Antwort hörte man in Luigi Nonos «...sofferte onde serene...»: Pollini war eng mit Nono befreundet, er hat 1976 die Klavierstimme für das zweispurige Tonband eingespielt und führt das Stück seither immer wieder auf. So gerieten die «durchlittenen heiteren Wellen» als rührender Dialog Pollinis mit seinem über 40 Jahre jüngeren Ich.

Nachdem Igor Levit diesen Sommer neun Beethoven-Sonaten aufgeführt hat, folgten in der zweiten Konzerthälfte weitere zwei, und zwar die beiden letzten Beiträge Beethovens zu dieser Gattung, op. 110 und op. 111. Zu jener Zeit hochmodern, ­negiert Beethoven kühn jene Form, die er in seinen frühen Sonaten selbst etabliert hatte. Pollini beherrscht diese Werke aus dem Effeff.

Hier ermöglichte ihm sein schlank gewordener Klang virtuose Möglichkeiten; was bei Brahms als kleine Mangelerscheinung wirkte, klang bei Beethoven frisch. Besonders im abgründigen ersten Satz der c-Moll Sonate op. 111 wagte sich Pollini übermütig an die Partitur, und die ungewollte Zerbrechlichkeit bei Brahms verwandelte sich in dramatische Brüchigkeit für Beethoven.