Kultur

Abbas Khider: neue Heimat in der fremden Sprache

2003 wurde der irakische Diktator Saddam Hussein gestürzt. Doch für Abbas Khider blieb der Albtraum.

2003 wurde der irakische Diktator Saddam Hussein gestürzt. Doch für Abbas Khider blieb der Albtraum.

Der irakische Schriftsteller Abbas Khider wurde in Bagdad geboren, seit 2000 lebt er in Deutschland. Auch in seinem sechsten Buch beschreibt er Stationen seiner leidvollen Geschichte.

Die Geschichte des Irak ist eine Abfolge von Kriegen, Schlachten, Gewalt, Verbrechen und bewaffneten Männern, sagt Abbas Khider. 1973 in Bagdad geboren, war Khider sechs Jahre alt, als der erste Golfkrieg begann. Acht Jahre lang kämpfte der Irak gegen den Iran, am Schluss vor allem auf eigenem Territorium. Ergebnis: rund 250000 Tote. Zwei Jahre herrschte relative Ruhe, dann besetzten Saddams Truppen Kuwait. 1991 wurden die Iraker, nicht zuletzt mit Hilfe der Amerikaner, im zweiten Golfkrieg zurückgedrängt und das Land harten Sanktionen unterworfen. Das Ergebnis: rund 100 000 Tote Iraker, vor allem Zivilisten. Später rebellieren die Schiiten, ermuntert von den USA, gegen das sunnitische Saddam-Regime. Das Ergebnis: erneut rund 100 000 tote Schiiten, andere schätzen 300 000 Tote. Viele Massengräber wurden erst 2003 entdeckt, als Saddam nach 24 Jahren an der Macht gestürzt wurde.

Diese Abfolge von Krieg, Gewalt und Hunger ist wie ein Hintergrundrauschen in Khiders neuem Werk «Palast der Miserablen». «Es gab keinen Frieden im Irak, der länger als sieben Jahre gedauert hätte», sagte er 2018. Khiders Protagonist Shams Hussein wächst im Südirak auf; der Vater fährt als Soldat Lebensmittel zwischen den Fronten hin und her. Das ist die kindgerechte Erklärung; in Wahrheit schmuggelt er Waffen. Nach dem Aufstand wird die Situation für die schiitische Familie zu gefährlich; sie flieht nach Bagdad, in die (sunnitische) Höhle des Löwen, sozusagen. Eine Rettung ist das nicht, wie der Leser weiss. Denn zwischen die chronologische Erzählung von Kindheit und Jugend schneidet Khider kurze Szenen von Shams’ Zeit im Gefängnis, von Hunger und Durst, grössten körperlichen Beschwerden, unterirdischen Verliesen und kleinen Kammern, die er mit acht Männern teilen muss.

Diese Technik scheint Shams’ Schicksal unausweichlich zu machen. Doch lässt sich kein singuläres Ereignis benennen, das allein ihm Verderben bringt. Vielmehr zwingt ihn die Abfolge von Kriegen, Schlachten, Gewalt und bewaffneten Männern ständig dazu, zum Auskommen der Familie beizutragen, sie vor dem Verhungern zu retten. Mit Mut und Selbstbewusstsein gelingt es Shams, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Sohn von Analphabeten findet zur Literatur, auf den Büchermarkt in der Innenstadt und damit in die eigene Welt des Palastes der Miserablen.

Erfahrung fusst auf eigener Flucht

Mit feinem Humor, klaren, schnörkellosen Sätzen und einer leisen, aber unerbittlichen Erzählweise schreibt der 47-jährige Abbas Khider Shams’ Geschichte auf, die so weitgehend auch seine eigene ist. Khider lebt seit dem Jahr 2000 in Deutschland, seit 2007 mit deutschem Pass. In bisher sechs Büchern hat er den langen Weg beschrieben, der ihn als Flüchtling nach Europa brachte. Zuletzt in «Deutsch für alle», in dem er die Tücken der deutschen Sprache humor- und lustvoll auch als Fehler der Gesellschaft deutet und vehement eine Reform beider fordert. In «Die Ohrfeige» verpasst der Asylbewerber Karim seiner Sachbearbeiterin Frau Schulz die titelgebende Ohrfeige, fesselt die Frau mit Paketband an ihren Stuhl – und zwingt sie so, endlich seiner Leidens- und Fluchtgeschichte zuzuhören. Auch diese Erfahrung fusst auf Khiders eigener Flucht, die ihn als Illegalen über Jordanien, Ägypten, Libanon und Libyen, über Italien und Österreich nach Deutschland führte. Doch hier erwartete ihn nicht das erhoffte Paradies, sondern die Erfahrung, als Asylbewerber nur eine Nummer im Verwaltungsapparat der Behörden zu sein. Dabei bekam Khider relativ schnell eine Aufenthaltsbewilligung, weil er beweisen konnte, dass er zwei Jahre lang im Gefängnis sass und mit Schlägen und Elektroschocks gefoltert wurde.

Zurück im Irak wurde der Traum zum Albtraum

Jahrelang träumte Khider davon, in den Irak zurückzukehren. Als Saddam 2003 gestürzt wurde, zog er für ein Jahr in sein Geburtsland zurück. «Da wurde der Traum zum Albtraum», sagt er in Hamburg. Denn im Bürgerkrieg, der auf den Sturz des Diktators folgte, starben Familienangehörige, Verwandte, Freunde. Er wollte, sagt er, erneut fliehen, «weg von der Erde, weg von diesem Planeten». Zurück in Deutschland fand er – auch mit ärztlicher Hilfe – eine neue Heimat: in der deutschen Sprache. «Sie war wie Mutter und Vater zugleich.» Und sie bot ihm die Möglichkeit, sich der Vergangenheit mit Distanz zu nähern. Abbas Khider hat alle seine sechs Bücher auf Deutsch geschrieben.

Abbas Khider: Palast der Miserablen, (Hanser) 319 Seiten

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