Aargauer Literatur
Underground-Schriftsteller aus Oftringen

Das literarische Debüt «Die Sliwowitz-Mama» von Deny Lanz vereint Gedichte und Erzählungen im Stil von Charles Bukowski.

Jérôme Stern
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Deny Lanz schreibt in der Tradition des literarischen Undergrounds.

Deny Lanz schreibt in der Tradition des literarischen Undergrounds.

Janet Schulz

500 Bahnhof Olten. Deny Lanz – gross gewachsen, schwarze Jacke und breitkrempiger Hut – wartet vor dem Restaurant «Gleis 13». Geplant ist, dass er bei einer kleinen Stadtwanderung über sein erstes Buch spricht. Und der 45-jährige Oftringer erweist sich schon bei der Begrüssung als leidenschaftlicher Literaturfreund, schwärmt von bekannten und weniger bekannten Autoren.

Eben erschien sein Erstling mit Gedichten und Kurzgeschichten, darin bevölkern seine Protagonisten obskure Kneipen, begegnen der unerwarteten Liebe – oder der Icherzähler erzählt mit trockenem Humor von alltäglichen Beobachtungen. Wunder, Katastrophen sind in Lanz’ Texten jederzeit möglich.

Während wir durch das Bifang-Quartier laufen, erzählt Lanz, dass er die meisten Gedichte seines Buches hier in Olten, genauer im «Tchibo»-Café in einem Einkaufszentrum, geschrieben habe.

«Ich brauche die Inspiration eines belebten Ortes, die Menschen rundherum.»

Lanz schmunzelt und fügt hinzu, er arbeite diszipliniert und regelmässig: «Ich beginne um 15 Uhr, bestelle einen Schwarztee und schreibe mich langsam warm.»

Die Prinzessin in der Spelunke

Tatsächlich spielen Restaurants und Kneipen auch in seinen Texten eine wichtige Rolle. So erzählt Lanz etwa in «Die Wirtschaftskrise» die Geschichte eines Kochs einer Prager Spelunke. Dieser bekocht seine Gäste derart gut, dass bald auch eine äusserst trinkfeste Prinzessin zu den Stammgästen zählt. Schliesslich verlieben sich die beiden ineinander.

Wie kam Lanz auf die Idee? Er habe die Geschichte tatsächlich in der beschriebenen Prager Kneipe geschrieben, versichert der Autor. «Die Prinzessin gab es wirklich, sie war eine wunderschöne Frau und einer der wenigen weiblichen Gäste, die sich an diesen verruchten Ort getraut hat.»

Ob er sie kennen gelernt habe? Lanz schmunzelt und verrät: «Dichtung und Wahrheit liegen bei mir nahe zusammen.» Immerhin erzählt er, dass er die Geschichte nach einem Mittagessen in der Kneipe geschrieben habe.

«Nach zwei Bieren ist mir die Geschichte aus der Hand geflossen.»

Wobei er hinzufügt, dass er während des Schreibens einen klaren Kopf behalten wolle und dabei sonst keinen Alkohol trinke.

Bei einem improvisierten Lunch mit Sandwich im nahen Vögeligarten erfährt man, dass diese Geschichte keineswegs zufällig in Tschechien spielt.

«Ich hege grosse Sympathien für das Land und war öfters in Prag und habe dort gute Freunde.»

Er schwärmt von der tschechischen Beizen-Tradition und davon, dass die dortigen Kneipen noch richtige Treffpunkte für Jung und Alt seien. Auch zum Thema tschechische Künstlerszene weiss der Oftringer bemerkenswert viel zu erzählen.

Schweizer Verlage lehnten das Manuskript ab

Vor gut zwei Jahren beschloss Lanz, dass es Zeit war, ernsthaft an sein erstes Buch zu denken. Damals habe er sich vorgenommen, 200 Gedichten und Kurztexte zu schreiben. Davon habe er 50 gestrichen, nur die besten sollten überleben.

«Ich bin ein Zahlenmensch und muss mir klare Ziele setzen», sagt er während wir unsere Schritte durch den Oltner Wald zum Säli-Schlössli lenken. «Bei der Auswahl hat mir übrigens meine Schwester geholfen.»

Richtig schwierig wurde es erst, als es darum ging, einen Verlag zu finden. Der Oftringer verhehlt seine Enttäuschung nicht, die er mit einigen Schweizer Verlagen gemacht hat. Sie seien lediglich an Romanen von bekannten Autoren interessiert. Wobei er sich bewusst ist, dass Kurzgeschichten und Gedichte nur ein kleines Publikum ansprechen. Gleichwohl zweifelte er keine Sekunde an einer Publikation.

Als im letzten Frühling Corona kam, wurde er in seinem Job als Anzeigenberater einer Regionalzeitung auf Kurzarbeit gesetzt. Dadurch fand er Zeit, sich nach Verlagen umzusehen. Lanz streckte seine Fühler nach Deutschland aus und wurde mit der württembergischen container press fündig. Dessen Chef Andreas Schumacher-Rust gründete den Verlag 2019, um «komische Literatur» verschiedener Gattungen, Genres und Spielarten zu veröffentlichen.

Auf den literarischen Geschmack kam Deny Lanz vor 25 Jahren, als er die Werke von Charles Bukowski verschlang. Sie seien für ihn eine Offenbarung gewesen, erinnert er sich.

«Endlich schrieb mal jemand keine braven Geschichten, sondern handfeste Storys über Ganoven, Nutten und Zuhälter, also über Leute, die bisher keinen Platz in der Literatur hatten.»

Das habe ihm damals grossen Eindruck gemacht, sagt Lanz. Zu dieser Zeit habe er zu schreiben begonnen, darunter auch Songtexte für musikalische Projekte.

Beim Rückweg zum Bahnhof erzählt er von seinem nächsten literarischen Projekt: Er wolle weiter an seinem Krimi schreiben, der bald fertig werde. «Drei Stück à 30 A4-Seiten sind es dann.» Der Mann hat klare Ziele, in der Tat. Glücklicherweise öffnen ja bald die Beizen wieder – nur schon wegen der Inspiration.

Deny Lanz: Die Sliwowitz-Mama, Gedichte & Kurzprosa, 100 S, 12 Franken, container press 2021.