Aargauer Kunst
Zimmermannhaus Brugg: Zwei Künstlerinnen setzen zum Sprung an

In der Ausstellung «Spazett» zeigen Rosmarie Vogt-Rippmann und Olivia Wiederkehr, wie leichtfüssig Grosses sein kann.

Anna Raymann
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«Frei nach Hanna Arendts Denken ohne Geländer»

«Frei nach Hanna Arendts Denken ohne Geländer»

Zvg

Es ist nicht der grosse Luftsprung, der Salto, der durch das Zimmermannhaus in Brugg wirbelt. Der Hüpfer, der zur akrobatischen Übung ansetzt, gibt der aktuelle Ausstellung ihren Namen. «Spazett» ist das erste Zucken eines Überschlags. Eine Bewegung, die Vorbote ist für die nächste. Und so klingt der Titel auch nach Zuversicht und Vorfreude auf neue Ausstellungen, nach langer Zeit hinter von Corona verschlossenen Türen.

«Nichts hat seine Berechtigung für immer und ewig.»

Zu sehen gibt es Arbeiten der Künstlerinnen Rosmarie Vogt-Rippmann (1939) und Olivia Wiederkehr (1975), die sie eigens für die Räume im Zimmermannhaus entwickelt haben. Von Vogt-Rippmann gilt denn auch der Ausspruch: «Nichts hat seine Berechtigung für immer und ewig.» Die Schaffhauser Künstlerin schafft Temporäres. Was eben noch Werk war, ist bald Material für weiter Arbeiten. Die farbigen Fetzen, die sich nun auf einem fragilen Gestell ausruhen, durchwanden bereits in einer früheren Ausstellung dieselbe Galerie.

Daneben steht ein «Par-Avan» aus zierlichen Holzlatten. Wie beim Mikado-Spiel tragen nur Einzelne die Konstruktion. Ein leichtfüssiger Balanceakt. Im Schwung aneinandergereiht scheint sich das Objekt zu bewegen. Vis-à-vis liegt ein gläsernes Kartenhaus bereits in Scherben da. Und Bilder zerspringen gleich mehrfach in Fragmente. Hier hat offenbar auch die Schwerkraft ein Wörtchen mitzureden und die Besucherin tritt vorsichtig auf, um das Gleichgewicht nicht zu stören.

Die Arbeiten von Rosmarie Vogt-Rippmann sind temporär.

Die Arbeiten von Rosmarie Vogt-Rippmann sind temporär.

Zvg

Keine Scheu vor Grossem

Vogt-Rippmann und Wiederkehr kommen aus einem ähnlichen Metier. Erstere arbeitete als Innenarchitektin, letztere ist gelernte Szenografien. Das Gespür für den Raum ist also bei beiden gut geschult und durchaus pragmatisch. Ihre Materialien sind nicht luxuriös, sondern roh und nützlich wie auf einer Baustelle.

Viele Frauen gibt es in der Kunst nicht, die sich nicht vor Grösse scheuen. Die grossen Eisenplatten stellt eher ein Richard Serra auf. Aber auch Vogt-Rippmann spannt mit ihren Installationen gerne weite Räume auf. Hier ist es nun die Installation von Olivia Wiederkehr, die den gesamten historischen Innenhof kapert.

Die Freiheit in Stein meisseln

Klein steht man unter dem massiven Gerüst – oder ist es ein überdimensioniertes Geländer? Spanngurte aus der Industrie zurren es fest. Der zweite Blick zeigt: Der stabile Eindruck täuscht. Mit Teer lackierte Betongewichte sollten die Konstruktion beschweren, doch die liegen nunmehr nutzlos daneben. Schon lange beschäftigt sich Wiederkehr mit Hanna Arendts Essays «Die Freiheit, frei zu sein», aus dem sie den Titel dieser Arbeit «Denken ohne Geländer» greift.

Auf weiteren Betonwürfeln liest man Schlagwörter. Etwa «Nein», «Mensch» oder «Widerstand» sind allesamt Bruchstücke aus dem Text der bekannten Philosophin, die die Spannung zwischen Freiheit und Abgrenzung in der Gesellschaft beschreibt. Es braucht schon Mut, die beschworene Freiheit in Stein zu meisseln und ein Geländer drum herum zu bauen. Doch siehe da, das Geländer ist offen, nicht fertig gebaut oder in sich zusammengestürzt. Die Steine liegen bereit für eine eigene Auslegeordnung.

Zwei Generationen mit vielen Gemeinsamkeiten

Rosmarie Vogt-Rippmann und Olivia Wiederkehr trennen über 35 Jahre. In der Ausstellung begegnen sich zwei Generationen, die ihre Arbeit ähnlich anpacken. Sie zerkleinern, zerbrechen und bauen wieder auf – vielleicht noch grösser als davor. Das Werk mag jeweils eine Momentaufnahme sein, doch dort wo man ist, breitet man sich aus.

Ausstellung «Spazett» 01.04.— 25.04.2021, Zimmermannhaus, Brugg