Theatertipp
«Shakespeares Radikalität ist grandios»: Der Aarauer Schauspieler Peter Lüchinger bringt grosses Theater in die Alte Reithalle

Das Wahl-Nordlicht Peter Lüchinger gastiert mit der Bremer Shakespeare Company und «Mass für Mass» auf der Bühne seiner alten Heimat: Die Bühne Aarau.

Valeria Heintges
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Ein Gastspiel der Bremer Shakespeare Company führt den Aarauer Peter Lüchinger zurück in die alte Heimat.

Ein Gastspiel der Bremer Shakespeare Company führt den Aarauer Peter Lüchinger zurück in die alte Heimat.

Marianne Menke

Seit 33 Jahren gehört Peter Lüchinger zum Ensemble der Bremer Shakespeare Company. Über 60 Shakespeare-Inszenierungen hat die Truppe in dieser Zeit auf die Bühne gebracht. «Ich staune immer noch, wie viel ich neu entdecken kann über mich selbst in diesen Stoffen», sagt Lüchinger. Noch immer sei der Autor für ihn «ein unverrückbarer Felsen, an dem man sich die Zähne ausbeissen kann».

Am 27. September (heute) wird die Truppe «Mass für Mass» in der Bühne Aarau zeigen. Allein über dieses Stück kann der Aarauer Lüchinger endlos erzählen. Es sei eine Versuchsanordnung, sagt er, ein Spiel über Macht und Moral. Ein Fürst gibt seine Macht ab, in diesem Fall: ihre Macht, denn Petra-Janina Schultz spielt die Fürstin. Sie will wissen, wie ihr Volk über sie denkt und mischt sich verkleidet unter die Menschen. «Dann spielt sie Theater», sagt Lüchinger trocken. Die Geschäfte im Staat laufen nicht gut, der eingesetzte Stellvertreter Angelo regiert mit harter Hand, lässt Menschen köpfen und will die Novizin Isabella nötigen, mit ihm zu schlafen. Der Konflikt spitzt sich zu. «Shakespeares Radikalität ist grandios», sagt Lüchinger:

«Da wird nicht lange gefackelt. Vielmehr dreht er an der Schraube und dreht an der Schraube und dreht an der Schraube.»

Man frage sich immer: Warum greift die Fürstin nicht ein? Aber man erfahre es nicht. «Shakespeare gibt den Figuren keine Motive.»

Seit 33 Jahren bei der Bremer Shakespeare Company

Als Lüchinger zwei Jahre nach der Gründung zur Company stiess, hatte er nach seiner Ausbildung an der Schauspiel-Akademie Zürich bereits in Zürich, am Staatstheater Kassel und freischaffend in Berlin gearbeitet. Auch das Modell der Selbstverwaltung, das die Company lebt, reizte ihn, bot es doch viele Freiheiten, die er im Stadttheater nicht fand. Die Aufgaben der Schauspieler gehen weit über das reine Auf-der-Bühne-Stehen hinaus, entscheiden doch Ensemble und die verschiedenen Gewerke alles gemeinsam und im Konsens – etwa über Neuanstellungen, über die Stücke, die aufgeführt werden sollen, und die Regisseure, die sie inszenieren. «Diese Organisation muss man leben und gestalten», sagt Lüchinger, «es ist eine grosse Aufgabe, die wir geschafft haben.»

Ausserdem hat die Company sich die Freiheit gegeben, unter dem Titel «Dramenwerkstatt» auch andere Stoffe zu inszenieren. Derzeit gibt es einen Schwerpunkt auf britischen Zeitgenossen, aber auch Cervantes’ «Don Quichotte» steht auf dem Spielplan oder die Uraufführung eines Werks der deutschen Autorin Judith Kuckart.

Historische Akten werden zu Bühnentexten

Aber Peter Lüchinger blieb auch deswegen solange in der norddeutschen Stadt, weil er es liebt, sein Publikum und seinen Wohn- und Arbeitsort zu kennen. «Bremen ist ein Stadtstaat und mit über 500’000 Einwohnern eine Grossstadt. Aber man kann sich hier sehr gut vernetzen.» Er überlege genau, wann er über den Marktplatz gehe, weil er dort immer jemanden treffe, den er kenne.

«Das ist es doch, was das Theater soll: Die Menschen kennen, für die es spielt.»

Lüchinger hat sich noch einmal ganz besonders mit der Geschichte der Stadt vernetzt. Als die Bremer Historikerin Eva Schöck-Quinteros bei der Company anrief, um zu fragen, ob sie nicht Akten auf die Bühne bringen wollte, war zufällig er am Apparat – der Beginn der Reihe «Von den Akten auf die Bühne» oder «Sprechende Akten», die Lüchinger verantwortet. Jedes Jahr wählt die Professorin mit zwei Studierenden ein Thema aus und sammelt dazu die Akten, die Lüchinger dann zu einer szenischen Lesung verdichtet. Das Prinzip ist puristisch: Auf der Bühne sind nur Worte aus den Akten zu hören, es gibt keine Moderation, keine Einordnung. «Wir spielen nicht», sagt Lüchinger rigoros. «Wir lassen die Worte sprechen.»

Zurück in die Schweiz

Er selbst sorgt dafür, dass die Zuhörenden in den zweieinhalb Stunden nicht den Überblick verlieren und auch nicht in Beamten- oder Juristensprache versinken. Das Spektrum reicht von «Margarete Ries: Vom <asozialen> Häftling in Ravensbrück zum Kapo in Auschwitz» über «Wussten Sie, dass Ihre Tochter Herrenverkehr hatte? Der Fall Kolomak» bis zu «Vom Eis gebissen, im Eis vergraben – Geschichten aus der deutschen Polarforschung».

Peter Lüchinger ist also heimisch geworden im deutschen Norden. Doch hat er schon feste Pläne für die Zeit nach seiner Pensionierung Ende 2023 – dann möchte er unbedingt auch einen Wohnsitz in der Schweiz haben. Und weiterarbeiten: «Das Aktenprojekt liesse sich doch wunderbar übertragen. Geschichte und Geschichten in den Akten gibt es auch in der Schweiz genug.»

Mass für Mass: 27. September, Bühne Aarau