Welch ein Panorama bot das Schloss Rhäzüns an jenem Junitag im Jahr 2007! Von den Zinnen aus präsentierte der Schlossherr einer Gruppe handverlesener Journalisten die herrlichste Aussicht über den Hinterrhein. Im Innern der Gemäuer eröffneten sich den Gästen dann ganz andere Einblicke.

«Natürlich gibt es in Bern nur Freunde des Völkerrechts», sagte Christoph Blocher, damals Bundesrat und eben Schlossherr zu Rhäzüns. «Recherchieren Sie im Aussendepartement! Wie viele Leute allein dort davon leben, dass internationales Recht in unsere Gesetze überführt wird.

Ich kann Ihnen die Zahlen geben.» Noch weitere Inputs bekamen die Medienvertreter in diesem Hintergrundgespräch serviert: über Defizite des damaligen Verteidigungsministers Samuel Schmid etwa oder Missstände im Departement des Innern.

Wenn heute über zwei Bundesratssitze für die SVP diskutiert wird, sollte man sich die Jahre vor Augen führen, als es die Doppelvertretung bereits gab. Die Schweiz kam in jenen Jahren 2003 bis 2007/08 prima über die Runden. Und: Mit dem Ja zu den Bilateralen II öffnete sich das Land gegenüber der EU. Das politische Klima freilich war zusehends von Aggressivität geprägt, am gewaltigsten rumorte es im Bundesrat.

Hier wurde das Abstimmungsprinzip eingeführt; bis dahin war das Gremium zu seinen Beschlüssen in aller Regel im Konsens, nach einer Diskussion, gelangt. Blocher drängte auf Abstimmungen, um im Fall einer Niederlage darauf zu bestehen, dass er den Entscheid nicht mittrage. Als Asylminister fütterte er die «Weltwoche» mit Exklusivstorys über missliebige Asylrichter und -anwälte.

Andere Geschichten ergaben sich aus Medienanlässen wie jenem in Rhäzüns. Im Herbst 2006 liess Blocher Inserate schalten, worin die Regierungskollegen als Bösewichte vorgeführt wurden. Noch ärger trieb er es im Folgejahr: Vom Bundesratsbüro aus organisierte Blocher den SVP-Wahlkampf 2007, den gehässigsten Wahlkampf der jüngeren Geschichte. Er verantwortete die Plakataktionen, Motto: «Blocher stärken! SVP wählen!» – und kümmerte sich selbst um Kleinigkeiten wie den Kauf eines Video-Beamers für die Parteizentrale.

Blochers Abwahl war nötig
Bundesräte sind Alphatiere, keine Unschuldslämmer. Auch Eveline Widmer-Schlumpf versuchte, Journalisten mit einem privilegierten Zugang zu Informationen für sich einzunehmen. Und doch: Bundesrat Blochers Aggressivität und messianisches Sendungsbewusstsein waren einmalig.

Nicht umsonst nennt ihn sein Biograf Markus Somm einen «konservativen Revolutionär». Ein Revolutionär lässt sich schwerlich in das System einbinden, welches er bekämpft. Blochers Abwahl wenige Monate nach jenem Rhäzünser Rendez-vous war mehr als gerechtfertigt. Sie war bitter nötig.

Damit ist aber auch gesagt: Wenn die Linke heute fordert, ein Bundesratskandidat der SVP müsse diese oder jene inhaltliche Position vertreten, dann ist dies Unfug. So wichtig ein gutes Einvernehmen mit der EU für das Land ist – ein begeistertes Ja zu den Bilateralen kann man bei einem SVP-Vertreter nicht zur Bedingung machen. Das Beispiel Ueli Maurer zeigt, dass sich auch ein Isolationist in unsere Regierung integrieren kann.

Ab und an hat Maurer den Rappel, hält eine giftige Rede. Grundsätzlich hat er sich bislang indes mit Kollegialität und Konkordanz arrangiert. Und während etwa die freisinnigen Bundesräte umgeben sind von vormaligen Mitarbeitern des FDP-Generalsekretariats, setzt Maurer an den Schlüsselstellen im Departement auf Leute ohne Parteibuch. Er ist der Vertreter der SVP im Bundesrat, nicht deren Agent.

Eigentlich hat es die SVP ja gut
Es gibt diesen merkwürdigen Moment gleich nach der Wahl eines Bundesrats: Zwei Weibel nehmen den frisch Gekürten in ihre Mitte, geleiten ihn zu den Regierungskollegen ins Bundesratszimmer. Der Politiker tritt für jedermann sichtbar in eine andere Sphäre ein. Man kann diesen republikanischen Zauber als Entrückung bedauern – er hat jedoch seine Notwendigkeit: Der Neugewählte wird aus der unmittelbarsten Kampfzone der Parteipolitik herausgeführt und Staatsmann unter Staatsmännern. Es braucht einen ganz eigenen Charakter, um sich dem Vorgang zu entziehen.

Der Revolutionär Christoph Blocher hatte diesen eisernen Willen wider die Kollegialität. Dagegen bringen von den heutigen SVP-Parlamentariern vielleicht nicht alle das nötige technische Rüstzeug fürs höchste Amt mit – die charakterliche Fähigkeit zur Eingliederung in unsere Mehrparteienregierung dürfte aber den wenigsten abgehen.

Im Grunde stellt sich darum nur eine Frage: Will die revolutionäre Spitze der Partei, will Christoph Blocher effektiv einen zweiten Bundesrat? Immerhin ist die SVP mit ihrer heutigen Einervertretung und so gut wie allen Möglichkeiten zur Opposition auf Erfolgskurs. Mit zwei Bundesräten wären ihr die Hände doch etwas gebunden.

In jedem Fall könnte die SVP mit zwei – zumal kollegial arbeitenden – Bundesräten dem Land den Stempel kaum stärker aufdrücken, als sie es heute tut.

Niemand will der SVP-Spitze unterstellen, dass sie das Bundesratsdebakel vor vier Jahren inszeniert hat. Damals hatte die Fraktion den gmögigen Bruno Zuppiger als Bundesratskandidaten aufgestellt. Bloss entlarvte die «Weltwoche» Zuppiger als Betrüger, und also blieb es beim einen SVP-Bundesrat Maurer.

Geplant war dieses famose Stück gewiss nicht, geschadet hat es der SVP allerdings auch nicht. Vor diesem Hintergrund müsste man sich zumindest nicht allzu sehr wundern, sollte das derzeit gemütlich vor sich hin ruckelnde Kandidatenkarussell der SVP bis zum Wahltag am 9. Dezember doch noch zur abenteuerlichen Achterbahn verkommen.