Der Zug zur Arbeit hatte gestern wieder einmal Verspätung. Vier Minuten. Gut, es war schweinekalt und es fegte ein eisiger Wind durch die Bahnhofhalle. Aber sonst sind vier Minuten selbst für uns (in letzter Zeit auch nicht mehr so) pünktlichkeitsverwöhnte Schweizer nun wirklich keine grosse Sache. Ins Sinnieren brachte den Pendler aber die Lautsprecherdurchsage zur Erklärung der kleinen Verzögerung: Der Grund dafür sei eine «Verspätung aus vorheriger Fahrt».

Vorherige Fahrt? Besagter Intercity verkehrt von St. Gallen nach Genf, mit Halten unter anderem in Olten und Solothurn (nicht in Oensingen, heute nicht und auch morgen nicht). Wo mag der Zug bloss hingefahren sein, bevor er sich auf diesen, seinen Weg gemacht hat? Hilft die SBB der Deutschen Bahn aus und hat den IC 5 noch schnell um den Bodensee geschickt, um ein paar Pendler nach Friedrichshafen zu bringen? Hat der Lokführer Verwandte im Büdnerland und schaute vor Dienstantritt frühmorgens bei der Tante in Landquart nach dem Rechten?

Das ist eigentlich zwar eine ganz sympathische Vorstellung, wäre dann aber wohl doch als gröberer Fall missbräuchlicher Aneignung und Verwendung von Staatseigentum zu ahnden.

Wie auch immer. Die SBB kämpft ja mit dem Problem, dass sich die Verspätungen, auch von durchaus besorgniserregendem Ausmass, in letzter Zeit auffällig gehäuft haben. Und wie die Bahngewaltigen uns Kunden erklärten, ist es ihnen selber ein Rätsel, was der Grund dafür ist. Wir können es auch nur ahnen, aber sind uns ziemlich sicher: Es würde sich lohnen, dieser Sache mit den vorherigen Fahrten einmal auf den Grund zu gehen.

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