Persönlich

Mehr freie Radikale, bitte!

Die Gewinner des Kabarett-Preises Jegerlehner und Schertenleib.

Manchmal, das geb’ ich zu, drohen sie bei mir in Vergessenheit zu geraten, die Kabarett-Grössen von damals. Und wie immer fallen sie mir meistens erst wieder ein, wenn die Kabarett-Tage in Olten zum grossen Halali blasen und die Stadt, wie Kabarett-Doyen Lorenz Keiser dieser Zeitung verriet, zumindest während des Festivals zur Kabarett-Hauptstadt in Tells Landen wird.

Am Mittwoch jedenfalls kamen sie mir wieder in den Sinn, als das Cornichon 2018 ans Duo Schertenlaib & Jegerlehner verliehen wurde. Die Berner Oberländer sorgen nach meinem Empfinden für virtuosen Klamauk vor weitem Horizont, den nicht alle mögen. Gestern Abend hatte man sie zu mögen, ob frei- oder widerwillig. Ich mag die beiden. Ohne mich bemühen zu müssen. Dem Duo traue ich nämlich zu, die Nummer des seinerzeitigen Cabarets Rotstift «Oh Morgerot!» von 1970 zu covern. Eine Nummer, die weder damals noch heute die Lacher lockte und mich noch heute schaudert.

Kabarett hatte damals auch noch etwas Tragisches, hielt etwas für die Empfindenden bereit und nicht bloss für die Denkenden, über deren Verhältnis zur Welt Friedrich Dürrenmatt gesagt haben soll: Für Empfindende ist die Welt eine Tragödie, für Denkende eine Komödie.

Deshalb wünsche ich mir mehr freie Radikale in der Szene, die mich bedienen, mit Tragischem, Melancholischem, Schwermütigem. Auch unter dem Etikett Kabarett. Solche, die radikal spüren, dass der Mensch nicht nur denkt. Auch wenn der es sich heute zur Gewohnheit gemacht hat, jedes seiner Statements mit der Präambel «Ich denke, dass ...» zu beginnen. Aber vielleicht ist das auch nur Tarnung.

 urs.huber@azmedien.ch

Verwandtes Thema:

Autor

urs huber

urs huber

Meistgesehen

Artboard 1