Geistschreiber

Nie mehr zwanzig – lieber genussreif als unreif

Willi Näfs Frau wolle nie wieder im Leben zwanzig sein. (Symbolbild)

Willi Näfs Frau wolle nie wieder im Leben zwanzig sein. (Symbolbild)

Ich bin sturmerprobt verheiratet. Meine Frau auch, die vor dreissig Jahren zwanzig wurde und sich trotz ihres Mannes unverschämt gut gehalten hat. Am letzten Sonntag hat sie auf unserem zweistündigen Waggel durchs Baselbiet beim Schloss Wildenstein mit einem zufriedenen Knurren beschlossen, nie wieder im Leben zwanzig sein zu wollen. Ich habe einstimmig und bei null Enthaltungen mitgenickt. Lieber genussreif als unreif.

Wer wie wir in den 80ern Teenager war, ist sowieso dankbar für jedes Jahr, das man zwischen sich und jene schmerzhaft grelle Epoche gebracht hat. Die Clubs nannte man damals «Discos», und Menschen bei Verstand musste klar sein, dass eine Beziehung, die sich anbahnt, während Modern Talking läuft, zum Scheitern verurteilt ist. Allerdings wurden Discos vor allem von Teenagern besucht, und ein Zusammenhang von Teenagern und Verstand ist ja wissenschaftlich bis heute nicht erwiesen. Was man als Beute heimschleppte, war selten mehr als ein Tinnitus von Cheri Cheri Lady. Darum setzten wir beide statt auf Discos auf Peter Reber (sie) und Meat Loaf (ich), der schon damals aussah wie er heisst und klang wie er aussah.

Heute reisst man anders auf. Man hat tausend Friends auf dem Handy Bro, und wer struggelt, lädt sich einen Singlevergleichsdienst mit 74% Flirterfolgsrate herunter, wo eine Million attraktiver Singles mit und ohne Niveau warten, Katzenliebhaberinnen, Veganer, Volltätowierte, sortenreine Erdnussallergikerinnen, Harry Haslers, Gretas, Donalds, Männer mit Man Bun (was man früher Bürzi nannte), Direktbetroffene aller Art, Geschiedene mit Cheri-Cheri-Lady-Tinnitus und mehrstufigen Patchwork-Sippschaften im Schlepptau, die ganze Biodiversität halt. Heute kann man gezielt und modern-talking-frei suchen, worüber man früher nur mit Glück gestolpert ist. Oder mit Pech. Ich bin trotzdem froh, muss ich nicht mehr.

Da gwaggle ich lieber durchs Baselbiet und beschliesse bei jedem Schritt, fünfzig sei ein cooles Alter, in dem man weiss, dass zu Lebzeiten nicht jede Lücke gestopft und nicht jede Frage beantwortet werden muss - und in dem sich viele Fragen erübrigt haben. In meinem Fall zum Beispiel, ob ich ein Bürzi tragen soll.

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