Persönlich

Ein Corona-Bewusstsein, das alles verändert

Die Virenphobie verfolgt uns unter anderem beim Greifen nach einer Zeitung im Zug.

Die Virenphobie verfolgt uns unter anderem beim Greifen nach einer Zeitung im Zug.

Eine Zeitung, die auf dem Tischli oder auf dem Sitz im Zug liegt. Etwas Alltägliches, über das sich niemand Gedanken macht. Oder gemacht hat. Vor Corona.

Vor der Pandemie war es selbstverständlich, im Zug mal nach einer Zeitung zu greifen, die auf einem Sitz lag. Auch ich tat das oft. Mal, um die News des Tages zu lesen, mal wegen einer packenden Schlagzeile, oder ab und zu auch einfach aus Gwunder, sein eigenes Horoskop zu erkunden. Bisher war das kein Problem. Doch dann kam Corona.

Ich sitze mit Maske, wie es sich heutzutage gehört, im Zug. Das «20 Minuten» auf dem Sitz gegenüber nehme ich erst gar nicht wahr. Ich schaue aus dem Fenster und höre über meine Kopfhörer Musik. Plötzlich streift mein Blick die Zeitung.

Ich beuge mich schon vor, um mir das Papier zu schnappen – da halte ich plötzlich inne. Es ist ja das Corona-Zeitalter angebrochen. Was, wenn auf dem Ding diese Viren haften? Ich lehne mich wieder zurück und betrachte die Zeitung nachdenklich.

Dass ich sie heute im Corona-Alltag nicht anfasse, ist nicht allzu erstaunlich. Ich werde auch kaum die einzige sein, die dann die News-App dem Papier vorzieht. Ich frage mich vielmehr, was ich in einer vergleichbaren Situation nach Corona machen würde. Das Bewusstsein, dass diese und viel andere Viren überall lauern, wurde in den letzten Monaten mehr geschürt denn je.

Und genau dieses Bewusstsein werden alle, die Corona zurzeit miterleben, kaum mehr wegbringen. Deshalb bezweifle ich stark, dass das Greifen nach der Zeitung Post-Corona wieder so selbstverständlich sein wird wie zuvor. So werde ich wohl die vollgeschriebenen Seiten von «20 Minuten» nicht so schnell wieder anfassen. Auch nicht, wenn sie so starr wie jetzt vor mir im Zug liegen und «Lies mich!» schreien.

Beängstigend ist, dass uns diese Angst wie beim Griff nach dem «20 Minuten» auf Schritt und Tritt verfolgt. Egal, ob die Haltestange im Bus, die zum Handschlag ausgestreckte Hand eines Bekannten, das Retourgeld der Kassiererin und vieles mehr: Immer denken wir an all die Viren. Vielleicht ist es die schlimmste Folge von Corona, zumindest für das Zusammenleben: Die Virenphobie.

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