Kolumne

Zwangsferien für die Beziehung

«Wer als Paar gemeinsam daheim ist, der lernt sich noch ein bisschen besser kennen. Oder ganz anders. So, als ob man in den Ferien wäre, nur eben ohne das Ferienzeugs.»

«Wer als Paar gemeinsam daheim ist, der lernt sich noch ein bisschen besser kennen. Oder ganz anders. So, als ob man in den Ferien wäre, nur eben ohne das Ferienzeugs.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wer zuhause bleibt, tut auch seiner Beziehung Gutes.

Das sind keine Ferien und freiwillig ist das Ganze schon gar nicht. Man liegt nicht am Pool, nicht am Meer, trinkt keine Cocktails am Mittag. Man ist weder in einer Grossstadt noch in atemberaubender Landschaft unterwegs, eingehüllt in ohren- oder gefühlsbetäubende Freizeitprogramme. Nein, jetzt sind viele von uns einfach zu Hause, in der Stille der eigenen vier Wände. Und egal ob da noch Netflix oder «Tagesschau» oder Kinderkassetten laufen: Wer als Paar gemeinsam daheim ist, der lernt sich noch ein bisschen besser kennen. Oder ganz anders. So, als ob man in den Ferien wäre, nur eben ohne das Ferienzeugs.

Zum Glück keine Ferien

Studien bestätigen immer wieder: Während und nach den Sommerferien trennen sich Paare besonders häufig. Auch jetzt sitzen viele von uns rund um die Uhr aufeinander, wenn beide Partner Home-Office machen etwa oder aus anderen Gründen, die im Zusammenhang mit der Corona-Infektion stehen. Doch im Gegensatz zu geplanten Ferien hat das gerade nichts mit absichtlichem Kontrastprogramm zu tun, sondern mit auferlegtem Verzicht. Zwangsferien für die Beziehung sozusagen.

Und darüber dürfen wir uns freuen: Dass wir nicht unterwegs sind irgendwo mit der Absicht, endlich wieder etwas mehr Zeit füreinander zu haben, spielt uns in die Beziehungskarten. «Nur noch ein paar Tage, bis wir fliegen, und dann wird alles gut!», habe ich ganz gerne gesagt früher – vor allem zu mir selber. Ferien sind verbunden mit Hoffnungen und Vorstellungen, die sich schnell in Enttäuschung wandeln können. Wenn man sich nicht für ein Restaurant entscheiden kann etwa – und darum einen Krach anfängt. Oder wenn die Stimmung mies ist, weil der eine länger im Bett bleiben will als der andere. «Wir haben uns so auf die Ferien gefreut – warum ist jetzt alles so stressig?»

Was braucht es eigentlich?

Es sind Streitfallen, in die wir jetzt nicht mehr tappen können. Sie sind fast alle unserer Wohlstandsgesellschaft geschuldet, in der wir alles haben, und die Entscheidung darüber, was genau von diesem «alles» wir nun tatsächlich haben wollen, stört allzu oft unsere Paar-Harmonie. In unserem täglichen Konsumverhalten merken wir gerade – oder zumindest einige von uns –, dass es gar nicht so viel braucht, um den Grundbedarf zu stillen. Man kommt ohne neuen Pullover aus. Schaffen wir es, uns auch in der Beziehung auf das Wesentliche zu besinnen?

Wer als Paar gemeinsam zu Hause ist derzeit, der macht keine Ferien. Die Ausgangslage ist eine andere, eine teilweise bedrückende, den äusseren, widrigen Umständen angepasste – viel Platz für Enttäuschung ist da nicht mehr. Dafür vielleicht für Hoffnung, als Paar aus dieser schwierigen Zeit etwas Gutes machen zu können. Am selben Strang ziehen. Sich gegenseitig aufbauen. Kümmern. Nachfragen. Geduldig sein und liebevoll.

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