Sprachliche Moden und Marotten

Zeitbezogene Zitate

Es gab eine Zeit, in der alle Festredner mit Zitaten operierten, die sie Nachschlagewerken entnommen hatten. (Symbolbild)

Es gab eine Zeit, in der alle Festredner mit Zitaten operierten, die sie Nachschlagewerken entnommen hatten. (Symbolbild)

Es gab eine Zeit, in der alle Festredner mit Zitaten operierten, die sie Nachschlagewerken entnommen hatten. Die Nachschlagewerke trugen Titel wie: «Das passende Zitat zu jedem Anlass» oder «Zitate für Reden aller Art». Diese Zitate gaben den Festrednern in der Vor-Internet-Zeit einen Anstrich von klassischer Bildung. Ausserdem hatten die entsprechenden Nachschlagewerke den Vorteil, dass sie die Zitate meist auch erklärten, sodass der Festredner immer sicher sein konnte, sein Zitate an den richtigen Stellen anzubringen. Ein Nachteil dieser Nachschlagewerke war höchstens, dass manche Zitate mit der Zeit so geläufig wurden, dass niemand mehr wissen wollte, wo sie herkamen.

Wenn also jemand im Gespräch ein geflügeltes Wort benutzte wie etwa: «Ich fühle mich kraftlos ‹wie Flasche leer›», dann ahnte er vielleicht gar nicht, dass dieses «wie Flasche leer» nicht vom römischen Dichter Ovid stammte, sondern vom mailändischen Fussballtrainer Trapattoni.

Selbstverständlich waren nie alle Leute unwissend, was die Herkunft von Zitaten anging. In meiner Jugend zum Beispiel gab es Zitate, von denen jedes Schulkind wusste, woher sie stammen und in welchem Kontext sie zu verstehen sind. Wenn etwa ein Geschichtslehrer an das Hitler-Zitat «seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen» erinnerte, dann wussten alle, dass dieser Satz den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert. Hitler hatte den Satz in seiner Reichstagsrede vom 1. September 1939 geäussert. Der Satz unterstellte den Polen, sie hätten an der deutsch-polnischen Grenze auf deutsche Grenzsoldaten geschossen. Hitler gab vor, die Polen hätten zuerst geschossen und Nazideutschland wolle sich mit dem Überfall auf Polen bloss wehren. «Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen» war ein allseits bekannter Satz. Er löste bei denen, die ihn hörten, klare Assoziationen aus.

Das ist lange her. Heute scheinen sich nicht mehr besonders viele Menschen an dieses Zitat zu erinnern. Oder vielleicht erinnern sie sich zwar noch, aber das Zitat löst keine Assoziationen mehr aus. Anders ist kaum zu erklären, dass vor wenigen Tagen in den Medien über einen Tweet des Präsidenten der USA berichtet wurde, ohne dessen Aussage in einen Zusammenhang mit den Ereignissen von 1939 zu stellen. Präsident Trump hatte am 24. April getwittert, mexikanische Soldaten hätten an der Grenze zu den USA mit Gewehren auf US-Soldaten gezielt. Ausserdem schrieb der Präsident in seinem Tweet, dass es besser wäre, wenn so etwas nicht mehr passiere, denn sie (die USA) würden nun bewaffnete Truppen an die Grenze entsenden.

Über diesen Tweet wurde wacker berichtet, ohne dass irgendjemand die gedankliche Verbindung zum vorgeschobenen Grenz-Vorfall von 1939 hergestellt hätte. Dass Trump diesen Zusammenhang nicht kennt, darf als sicher gelten. Bildung ist nun mal nicht sein Ding. Dass aber Journalisten eine solche Koinzidenz nicht erkennen, lässt vermuten, sie seien historisch etwa gleich interessiert wie Flasche leer. Ich habe fertig.

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