Anschlag in Wien

Wiener Blut: Geht nun erneut eine Diskussion gegen alles Fremde los?

Österreichs Bundeskanzler trauert in Wien um die vier Todesopfer des Anschlages.

Österreichs Bundeskanzler trauert in Wien um die vier Todesopfer des Anschlages.

Der Autor ist in Wien geboren und aufgewachsen. Der Anschlag macht ihn traurig und wütend. Er fürchtet, dass in Wien erneut eine Diskussion gegen alles Fremde losgehen wird.

Nein, leiwand ist das nicht. Weder aus der Ferne. Noch aus der Nähe.

Nein, leiwand ist das nicht. Wenn Männer Menschen abknallen. Das ist es nie. Nicht in Kabul. Nicht in Bagdad. Nicht in Wien.

Nein, leiwand ist das nicht, wenn Männer mit scharfen Messern auf Passanten losgehen. Nicht in Madrid. Nicht in Paris. Nicht in Wien.

Nein, leiwand ist das nicht, wenn Menschen glauben, so etwas anrichten zu müssen. Den Nächsten erschiessen, mit einer Machete köpfen oder auch gleich alles in die Luft sprengen.

Nein, leiwand werden auch die nächsten Tage und Wochen nicht. Österreich hat Staatstrauer ausgerufen. Die Fahnen wehen auf halbmast. Es ist kühl geworden im Land. Und jetzt noch ein wenig kühler.

Auch nicht leiwand: Ich höre schon die politischen Kleingeldwechsler mit ihren Münzen klingen. Gegen Muslime, Eingewanderte, Asylanten. Gegen alles Fremde halt, wie immer. Es passiert ja mittlerweile, dass wir uns selber dabei ertappen: «Ah, da schau her. Der Herr Attentäter. Mit sooo einem Bart.»

Vor 100 Jahren gab es eine Diskussion in Wien und ein grosses Lamentieren– darüber, dass die Zugezogenen aus den Kronländern, die Böhmen etwa, nie echte Wiener werden können. Weil, die haben einfach eine andere Kultur, stand in den Kommentarspalten der Zeitungen. Sie sprachen Böhmisch, statt Wienerisch. Das war nicht gut so. Das war zum Haare­raufen für die einen. Und für manch andere sogar Grund genug, böse zu geifern. Und nicht wenige Einheimische haben sich damals gedacht: Die Wienerstadt, die wird mir fremd mit all den Böhmen.

Wir wissen heute: All die Havliceks, Navratils und Nowotnys sind die besten Wiener. Bessere werden wir nicht finden.

Ich selbst bin so ein Nachfahre und meine Oma hat bis zu ihrem Tod Bramburi gesagt zu den Erdäpfeln. Darum tut mir der Terror von Montagabend auf dem Pflaster der Seitenstettengasse (wo die Synagoge steht), neben der Ruprechtskirche (der ältesten von Wien, wo meine Schwiegermutter geheiratet hat) und auf dem Morzinplatz (wo die Gestapo ihre Leitstelle hatte und mein Opa verhört worden ist) noch einmal so weh wie allen anderen.

Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. Meine Grosseltern waren damals die Fremden. Mich haben sie in dieser Stadt getauft. Ich habe in dieser Stadt mein erstes Mädchen geküsst. Ich habe in dieser Stadt studiert. 720 Kilometer lebe ich von der Stadt meines Herzens entfernt und jedes Jahr habe ich zu Silvester sehr gerne diese Walzerklänge von Strauss im Ohr, gespielt von den Philharmonikern im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Heute habe ich Tränen in den Augen. Und will eigentlich wütend sein. Ich bin wütend. Und habe Tränen in den Augen.

Das ist kein leiwandes Gefühl.

Nein, leiwand ist das nicht. Wenn man Menschen schreien hört.

Nein, leiwand ist das nicht. Wenn man Menschen sieht, die noch die Hand heben, bevor der Attentäter ein letztes Mal zuschlägt.

Nein, leiwand ist das nicht. Wenn man auf einem Handyfilm einen Terroristen in weissen Kleidern von oben dabei zusieht, wie er vor einer Stunde in Wien mit einem Gewehr geschossen hat. Haben wir gesehen, fast live am Montagabend.

Ich meinte, auf diesem Video jemanden etwas rufen zu hören. Dem Terroristen hinterher: «Du, Oaschloch!»

Mehr fällt mir dazu heute auch nicht ein.

Meistgesehen

Artboard 1