Ein Dreijähriger spielte letzte Woche mit seiner Schwester und einem Cousin im Garten seiner Urgrossmutter im US-Bundesstaat North Carolina. Als die Kinder am Abend heimkehrten, fehlte der kleine Casey Hathaway. Die Familie suchte eine Stunde nach ihm auch im nahen Wald und rief dann die Polizei. Nach zwei Tagen und zwei Nächten fand man ihn 40 Meter vom nächsten Weg entfernt, gefangen in einem Gestrüpp mit Dornen. Er schlotterte, war vom eisigen Regen durchnässt, dehydriert und rief nach seiner Mutter. Noch hat niemand die Urgrossmutter angezeigt. Aber in Amerika, wo Mütter angezeigt werden, wenn sie ihr Kind nur ein paar Minuten alleine im Auto auf dem Parkplatz lassen, wäre das keine Überraschung.

Bestraft sind solche Mütter oder Urgrossmütter so oder so: Wer plötzlich sein Kind nicht mehr findet, steht schlimme Stunden durch. Passieren tut es wohl allen Eltern einmal: Gerade noch war der/die Kleine da, nun spurlos verschwunden. Wie der 3-jährige Nachbarsjunge, der den Haustürschlüssel fand, die Tür öffnete und losmarschierte – zur stark befahrenen Strasse. Die Mutter war im oberen Stockwerk am Duschen. Eine Frau wurde auf den Knirps aufmerksam und brachte ihn zusammen mit einem Polizisten heim. Die Mutter hatte inzwischen das gesamte Quartier abgespult, die Aufregung war gross.

Müsste sie nicht sein. Roland Pfister von der Kantonspolizei Aargau sagt, man führe keine Statistik, aber: «Vermisste Kinder tauchen meist nach einer halben Stunde wieder auf.» Daran, dass mal eines zur Fahndung hätte ausgeschrieben werden müssen, kann er sich nicht erinnern. Auch bei der Kantonspolizei Zürich sagt Rebecca Tilen: «Wir finden die Kinder meist sehr schnell oder Leute, die sie finden, melden sich bei uns.» In den letzten Jahren habe es im Kanton Zürich keinen Fall gegeben, bei dem ein kleines Kind nicht wieder heil aufgetaucht sei. Dabei geht im Kanton Zürich durchschnittlich jede Woche eine Meldung von Eltern ein, die ihr Kind suchen.

Die Fälle, die sich im Archiv der Kapo finden, tönen oft so: «4-jähriges Mädchen wurde am Flughafen vermisst und nach vier Minuten wieder gefunden.» Die Kinder tauchen wieder auf. Praktisch immer. Beim gemütlichen Zvieri bei Nachbarskindern oder heulend zwischen Gestellen im Einkaufszentrum. Sie gehen verloren, weil sie in den falschen Bus einsteigen, weil sie der grösseren Schwester mit dem Kickboard davonfahren, weil sie mit Bekannten mitgelaufen sind und behauptet hatten, die Eltern seien informiert. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

Der nationale Entführungsalarm wurde eingerichtet, als 2007 die fünfjährige Ylenia in Appenzell ermordet wurde. Seither wurde er noch nie ausgelöst. Wenn in der Schweiz Kleinkinder entführt werden, dann meistens wegen eines Sorgerechtsstreits. Das musste mal wieder gesagt sein. Denn wenn das Kind weg ist, beginnen sich die Eltern nach ein paar Minuten das Schlimmste auszumalen. Die (Un-)Wahrscheinlichkeit spielt dann keine Rolle mehr. Die Urangst ist dann schon geweckt: Wenn dem Kind etwas zustossen würde, wäre auch das eigene Leben zerstört. In Amerika wurde das Schreckenszenario durch aufgebauschte Fälle in den Medien in den Köpfen mancher Eltern so wahrscheinlich, dass viele Kinder nun überbehütet aufwachsen.

Dass Kleinkinder immer wieder plötzlich wie vom Erdboden verschluckt sind, hat mit ihnen selbst zu tun: Sie haben Ideen, auf die kein Erwachsener kommt. Da war dieser Dreijährige in Deutschland, der letztes Jahr für ein Polizeiaufgebot sorgte, weil die Eltern ihn beim Versteckis nicht finden konnten. Er antwortete auch nicht, als die Eltern verzweifelt riefen. Am Ende wurde er hinter der Küchentüre gefunden. Was er sich dabei gedacht hat, weiss niemand. Klar wird bei solchen Fällen nur: Der Einfallsreichtum der Kinder ist viel grösser als derjenige der Eltern. In deren Fantasie laufen nur die immer gleichen Horrorfilme ab.

Der 3-jährige Casey erzählte der Mutter später, ein Freund, ein Bär, habe ihn beschützt. Und weil diese Vorstellung so märchenhaft ist, ging die Geschichte um die Welt. Dass das mit dem Bären stimmt, ist unwahrscheinlich. Aber das macht nichts: Vielleicht tat den Eltern, die von der Geschichte hörten, einfach der Gedanke wohl, dass Kinder eben doch einen Schutzengel haben, wenn sie ihrer Obhut entgleiten.