In der Vorrunde zu den Bundesratswahlen ist die Urnerin von der SVP-Fraktion der Walliserin vorgezogen worden, weil sie «bürgerlicher» sei als die andere. Die so urteilende Fraktion hält sich selber als die bürgerlichste Kraft. Und die Medien schreiben und sprechen das meistens munter – und gedankenlos – mit. Nach diesem Verständnis sind Kräfte umso bürgerlicher, je weiter sie auf dem rechten Flügel angesiedelt sind. Folglich wären Splittergruppen rechts der SVP, die es von Zeit zu Zeit gibt, die allerbürgerlichsten Kräfte.

Der im Freisinn engagiert gewesene Rechtsprofessor und Alt-Ständeratspräsident René Rhinow hat bereits vor einiger Zeit ebenfalls festgestellt: «Die SVP mit ihrer bürgerlichen BGB-Tradition behält unangefochten dieses Attribut, ohne dass ihre Politik an den Kriterien der Bürgerlichkeit gemessen wird.» (NZZ vom 3. Februar 2017)

Die im Zusammenhang mit den Bundesratswahlen erneut vorgenommene Einordnung gibt Gelegenheit, sich wieder einmal zu überlegen, was eigentlich der Inhalt dieses Begriffs ist. Was bürgerlich ist, lässt sich aber nicht leicht auf den Punkt bringen. Das historische Verständnis beruht auf der Unterscheidung des bürgerlichen vom aristokratischen Gesellschaftsstatus. Der eine beruht auf eigener Leistung der andere auf Geburtsprivilegien. Doch das hilft in unseren Zeiten wenig weiter.

Im Deutschen stehen für zwei an sich unterschiedliche Gegebenheiten bloss ein Begriff – eben der des Bürgers und des Bürgerlichen – zur Verfügung. Im Französischen dagegen ist die wichtige Unterscheidung zwischen dem allgemein politischen Subjekt des Citoyen und dem schichtspezifischen Subjekt des Bourgeois möglich.

Bürgerlich wird hüben wie drüben gerne als Gegen- und Kampfbegriff verwendet und macht dies meistens in einfacher Zweiteilung: bürgerlich versus sozialistisch, liberal gegen etatistisch, wobei es um die Frage geht, in welchem Mass persönliche Freiheit und Verantwortung und staatliche Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse für nötig und richtig verstanden werden. Sozialdemokraten halten mit dem Argument dagegen, dass es beim klassischen Liberalismus nie nur um materielle Interessen gegangen sei und sie, die Sozialdemokraten, mittlerweile die besseren Verteidiger der im 19. Jahrhundert von den Liberalen erkämpften bürgerlichen Freiheiten seien.

Wie brauchbar sind die Selbst- und Fremdeinordnungen mit den Begriffen von rechts und links? Sieht man von Jungparteien ab, wollen die wenigsten das eine oder andere sein. Mitte ist besser. Der Liberalkonservative Peter Dürrenmatt hat schon in den 1970er-Jahren darüber geklagt, dass sich niemand mehr aufrichtig als rechts stehend bezeichne. Weil das unattraktiv ist, will man lieber «bürgerlich» sein. Das kann man allerdings auf unterschiedliche Weise sein, sofern gewisse Kerneigenschaften gegeben sind.

Eine nützliche Orientierungshilfe stellte der Philosoph Odo Marquard schon 1994 zur Verfügung: «Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber der grossen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem Moratorium des Alltags, das Geregelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen.» Gehen wir von diesem Verständnis aus, kann man die SVP nicht als bürgerliche Partei bezeichnen. Jedenfalls sind weder Spott und Hohn für Parlament und Bundesrat noch grundsätzliche Staatsfeindlichkeit und beissende Intoleranz politischen Gegnern (auch in den eigenen Reihen) gegenüber und Konkordanzfeindlichkeit bürgerliche Eigenschaften.

Inwiefern ist die Pflege des Nationalen ein zentral bürgerliches Anliegen? Patriotismus, der ohne feindselige Abgrenzung gegen aussen auskommt, entspricht durchaus bürgerlicher Einstellung und unterscheidet sich von nationalistischen Haltungen, für die das Eigene vor allem aus Ablehnung von Fremdem besteht. Im Bürgerlichen steckt oft eine Prise kosmopolitischer Weltverbundenheit.

Zu Odo Marquards Zeiten gab es noch kaum die heute populären Radar- oder Spinnendiagramme zur Visualisierung von politischen Einstellungen. Hier werden politische Haltungen meistens mit Angaben zu acht Positionen aufgezeigt. Allerdings sind auch hier Gegenüberstellungen etwa von aussenpolitischer Öffnung und restriktive Ausländerpolitik diskutabel. Die Diagramme der beiden CVP-Bundesratskandidatinnen liegen in den verschiedenen Positionen nur wenig auseinander. Vielleicht werden da andere, elementarere Kriterien den Ausschlag geben: das persönliche Beziehungsnetz und die regionale Herkunft.