Wochenkommentar

Trump ist unerträglich, aber er hat nicht alles falsch gemacht – und in einem Punkt ist er unschlagbar

Patrik Müller
So sind die «Fake-News-Medien»? Der Spruch gehört zum Standardrepertoire des US-Präsidenten bei Wahlveranstaltungen.

So sind die «Fake-News-Medien»? Der Spruch gehört zum Standardrepertoire des US-Präsidenten bei Wahlveranstaltungen.

Die USA erleben einen Wahlkampf wie keinen zuvor. Der Amtsinhaber weigert sich, eine friedliche Machtübergabe zu garantieren. Eines hat er damit schon mal erreicht. Der Wochenkommentar.

Immer wenn man glaubt, Amerikas Politik könne nicht mehr schriller und verrückter werden, wird sie noch einmal schriller und verrückter. Dieser Wahnsinn lasse sich nicht mehr lange steigern, prophezeite uns ein Journalist der «Washington Post» 2018 bei einer Newsroom-Besichtigung. Bildschirme zeigten dort an, welche Storys gerade gelesen wurden: Trump, Trump, Trump.

Zwei Jahre später stellt man fest: Doch, der Wahnsinn lässt sich weiter steigern. Erstmals hat ein amtierender Präsident gesagt, er könne eine friedliche Machtübergabe nicht garantieren, sollte er die Wahl verlieren. Er sagte:

Was soll das heissen? Würde er eine Niederlage nicht akzeptieren? Von Betrug sprechen, gar zu Mitteln der Gewalt greifen?

Trump ist einmal mehr gelungen, alle zu schockieren. Meint er es ernst? Oder ist das nur eine Provokation? Muss man die USA bald mit Lukaschenkos Weissrussland vergleichen?

Bei aller Unberechenbarkeit, eine Konstante gibt es bei Trump: Er trachtet stets danach, dass sich alles um ihn dreht. Das ist sein grösster Antrieb. Die Methode ist ebenso simpel wie wirksam. Mit seriellen Tabubrüchen lenkt Trump von eigenen Fehlern ab, treibt seine Gegner zur Weissglut – und provoziert sie ihrerseits zu Fehlern. Das ist sein Talent, darin ist er unschlagbar.

Der Lärm wird immer betäubender, die Reaktionen der Medien obsessiver. Das führt zu dieser eigentümlichen Symbiose zwischen dem präsidialen Medienkritiker und den medialen Präsidentenkritikern: Beide Seiten profitieren vom Getöse.

Beim TV-Duell hat Biden mehr zu verlieren als Trump

Am Dienstag kommt es zum ersten TV-Duell zwischen Trump und Joe Biden. Die Demokraten fürchten es, denn Biden neigt dazu, sich provozieren zu lassen und dann dumme Dinge zu sagen. Er führt in den Umfragen und hat einiges zu verlieren. Seine Strategie sei, so heisst es, sich neben dem Rabauken Trump als anständigen Menschen zu präsentieren.

Zumindest für europäische Verhältnisse ist Trump in der Tat ein unmöglicher Kerl. Doch sein Charakter ist derselbe wie 2016, und mancher Amerikaner schätzt es, dass er sich im Amt nicht verändert hat. Vor allem aber zählen in der Politik Stil- und Charakterfragen meist weniger als der Leistungsausweis. Der ist bei Trump durchzogen. Kaum zu bestreiten ist sein Versagen in der Coronapandemie, die er wider besseres Wissen verharmlost und so dazu beigetragen hat, dass Amerika weltweit am meisten Todesopfer zählt.

Der Politnovize hat durchaus etwas erreicht

Auf anderen Gebieten hat Trump für seine Wähler aber durchaus etwas erreicht. Unter ihm sank die Arbeitslosigkeit auf den tiefsten Wert seit den 1960er-Jahren. Seine Angriffe auf China sind überzogen, aber der aufstrebenden Wirtschaftsmacht die Stirn zu bieten, dazu war es höchste Zeit. Einen neuen Krieg hat er nicht angefangen. Autoritären Führern wie Putin, Kim Jong-un oder Erdogan schmeichelt er, was peinlich ist, aber deeskalierend wirkt. Zuletzt konnte er sich als Friedensstifter in Szene setzen, weil sich Bahrain und die Emirate mit Israel versöhnt haben.

Sein wohl wichtigstes Vermächtnis: Trump schaffte es, am obersten Gericht konservative Richter zu installieren, nach dem Tod von Ruth Bader Ginsburg könnte er die rechte Mehrheit noch ausbauen.

Man braucht das nicht gut zu finden – aber erreicht hat Trump schon etwas. Er strafte alle Lügen, die dem Politnovizen genau diese Fähigkeit abgesprochen, sogar das vorzeitige Ende seiner Präsidentschaft prophezeit hatten.

Klar ist, Trump würde sich in einer zweiten Amtsperiode nicht ändern. Wollen die Amerikaner vier weitere Jahre von dieser immer schrilleren, verrückteren Politik? Die Umfragen sagen Nein. Doch abgerechnet wird erst am 3. November, und womöglich kennt man das Ergebnis erst Tage oder Wochen später. Vorerst geht der Steigerungslauf weiter und weiter.

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