Nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist das Verhältnis Europas zu Amerika schwierig, doch inzwischen ist es derart gestört, dass das «Wall Street Journal» kürzlich kommentierte: «Die Allianz zwischen Nordamerika und Europa, die den Kalten Krieg gewann, stand nie mehr so nah am Bruch wie seit den 1940er-Jahren.»

Für einen Moment aber scheint diese Woche wieder alles gut zu sein. Auch auf den Schweizer Kabelnetzen konnte man über «BBC World» das Staatsbankett in London live verfolgen. Zur besten Sendezeit sah man, wie Königin Elisabeth II. und Donald Trump friedlich nebeneinander tafelten und wohlfeile Reden hielten. Er, im Frack und mit weisser Krawatte, würdigte die Rolle der Queen während des Zweiten Weltkriegs. Und sie, im Glitzerkleid und mit Krönchen, betonte die Bande zwischen Grossbritannien und den USA: «Ich freue mich sehr, dass wir hier die Gelegenheit haben, die immense Bedeutung der Partnerschaft unserer beiden Länder zu demonstrieren.»

Reden zu 75 Jahre D-Day überdecken das transatlantische Zerwürfnis

Heute und morgen werden wir wieder schöne Reden hören, denn gefeiert wird die Landung der alliierten Truppen in der Normandie vor 75 Jahren – der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg, der zur Befreiung Europas von Hitlers Nazi-Terror führte. Die Reden werden aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die transatlantische Beziehung grundsätzlich infrage gestellt ist.

Denn der aktuelle US-Präsident mag Europa nicht, und Europa mag diesen Donald Trump nicht. Das hat mit seiner Persönlichkeit und mit seiner Politik zu tun. Trump wirkt auf viele Europäer grosskotzig, arrogant und vulgär. Und er hat zu vielen Themen Europas konträre Ansichten. Er stieg aus dem Pariser Klimaabkommen aus, er kündigte das Atomabkommen mit Iran, er verteuerte europäische Exporte mit Strafzöllen, und er will der Nato, dem transatlantischen Verteidigungsbündnis, US-Geld entziehen, da dieses Europa schütze, ohne dass dessen Staaten selber genug dafür bezahlen.

Mit dieser Nato-Kritik trifft Trump einen wunden Punkt: Die Europäer sind militärisch schwach, wie im Zweiten Weltkrieg sind sie im Notfall auf die US-Unterstützung angewiesen. Dies macht die Bedeutung eines guten transatlantischen Verhältnisses auch im Jahr 2019 offensichtlich – zumal in einer Zeit, in der Putins Russland zum Unruhestifter in Europa geworden ist. Doch sind sich die USA und Europa fremd geworden, oder bloss dessen oberste politische Vertreter? Trump hat in Europa, mit Ausnahme von Viktor Orbán und Nigel Farage, kaum Politiker, die er mag (hingegen versteht es sich blendend mit Israels Premier Netanjahu, Australiens Regierungschef Morrison oder Brasiliens Präsident Bolsonaro). Führende europäische Politiker ihrerseits pflegen das Feindbild Trump, wo immer sie Gelegenheit dazu haben, wie beispielsweise Angela Merkel letzte Woche an der amerikanischen Harvard-Universität.

Die Personifizierung der Weltpolitik, betrieben von den höchsten Politikern selbst, hat Folgen, auch in der Schweiz. Letzte Woche ergab eine Studie der ETH, dass die Schweizer den USA als Führungsmacht immer weniger vertrauen. Jenem Land also, das vor 75 Jahren entscheidend half, unseren Kontinent wieder aufzubauen. Die ETH-Wissenschafter führen den Image-Zerfall der USA auf Trump zurück. Besonders auffällig: Das Vertrauen in die aufstrebende Grossmacht China ist hierzulande nur noch unwesentlich tiefer als jenes in die USA.

Das Tian’anmen-Massaker erinnert daran, was China wirklich ist

Das ist irrational. Trump hin oder her, aber mit den USA teilen wir dieselben Werte von Freiheit und Demokratie. China ist und bleibt eine Diktatur. Es gibt nicht nur den D-Day, sondern einen zweiten wichtigen Gedenktag: Am Dienstag vor 30 Jahren fand in Peking das Tian’anmen-Massaker statt, die gewaltsame Niederschlagung eines demokratischen Volksaufstandes, mit mehreren tausend Toten. Mit brutalsten Methoden agiert das kommunistische Regime auch heute und nutzt dazu die neusten digitalen Technologien, um jeglicher Opposition die Luft abzuschnüren.

US-Aussenminister Mike Pompeo monierte am Dienstag im Interview mit der «NZZ» zu Recht eine gewisse Naivität des Westens: «Es besteht die Gefahr, dass wir gegenüber China nicht wachsam genug sind und China eines Tages strukturelle Elemente der Weltwirtschaft besitzen wird – Elemente, die dann nicht westliche Werte spiegeln werden.» Pompeo sagte dies ausdrücklich mit Bezug auf die neutrale Schweiz. Diese lässt es beispielsweise zu, dass chinesische Firmen zwar problemlos Schweizer Firmen aufkaufen dürfen, hiesige Investoren aber im Gegenzug in China stark eingeschränkt bleiben. Und es scheint niemanden zu stören, dass in der Schweiz fast jedes E-Mail und jedes SMS, das verschickt wird, über die Technologie des chinesischen IT-Giganten Huawei läuft. Swisscom und Sunrise, aber auch grosse Krankenkassen, die über sensible Daten verfügen, setzen lieber auf chinesische als auf amerikanische Technologie.

Der offiziellen Schweizer Aussenpolitik muss man immerhin zugutehalten, dass sie keine systematische Anti-USA-Schlagseite hat. Der Empfang von Bundespräsident Ueli Maurer im Weissen Haus und das Treffen der beiden Aussenminister, Mike Pompeo und Ignazio Cassis, sind ein Zeichen der Unverkrampftheit. Diese fehlt den grossen europäischen Ländern wie Deutschland und Frankreich. Das dürfte so bleiben, solange Trump im Amt ist – möglicherweise fünf weitere lange Jahre lang. Ganz zur Freude von China und Russland.