Kolumne

Terror in Hanau: Widerstehen? Trotzen wir ihnen! Mit allem, was wir haben

Angehörige der Opfer von Hanau bei einer Mahnwache.

Angehörige der Opfer von Hanau bei einer Mahnwache.

Der Kölner Schriftsteller Peter Henning ist in Hanau, dem Ort des jüngsten Terroranschlags geboren, zur Schule gegangen – und zum Schriftsteller geworden. Im sehr persönlichen Text blickt er auf seine Stadt nach den Schüssen.

«Warum ausgerechnet wir?» fragten sich entsetzt die Hinterbliebenen der zwischen 2000 und 2006 der sogenannten NSU-Mordserie zum Opfer Gefallenen auf der Suche nach Antworten und Erklärungen für das ihnen Unerklärliche. «Warum wir?» klagten jene, die im Rahmen des versuchten Massenmordes durch den Rechtsextremisten Stephan Balliet in Halle an der Saale im Oktober 2019 Angehörige verloren. Denn eigentlich widerfahren solche schrecklichen Dinge doch immer den anderen! Irgendwo anders – und ganz weit weg! Habe ich gedacht. Bis Mittwochnacht! Denn mit den tödlichen Schüssen von Hanau hat der rechte Gewalt-Terrorismus plötzlich auch mein Leben berührt – auch wenn ich, anders als mein Vater, den ich noch letzte Woche in der dortigen Weststadt, 300 Meter Luftlinie vom zweiten Anschlagsort entfernt, besucht habe, schon lange nicht mehr dort lebe.

Ich bin in Hanau geboren, 1959, bin in der hessischen 100'000-Seelen-Gemeinde zur Schule gegangen, habe in Kesselstadt, dem Schauplatz der zweiten Morde, meine Kindheit verbracht – eine im Rückblick kodachrome-farben anmutende Sechzigerjahre-Kindheit. Ich habe in den nahen Mainauen am Fuss des Schlosses Philippsruhe meine ersten Schmetterlinge gefangen – und in der Ankergasse, dem Schauplatz meines 2009 erschienenen Familienromans «Die Ängstlichen», meine ersten Kurzgeschichten verfasst. Hanau ist und bleibt – ob ich es will oder nicht – Teil meiner DNA.

Gänsehaut bei Vorstellung an Aufenthalt in Hanau

Ich war dort oft unglücklich – und dachte, die Stadt mit meinem Weggang Mitte der Achtzigerjahre für immer hinter mir gelassen zu haben. Jetzt weiss ich, dass das nicht stimmt, so unansehnlich mir die Stadt der Gebrüder Grimm und Paul Hindemiths auch inzwischen erscheint – mit all den Sisha-Bars, Handy- und Südfrüchte-Shops. Die Schüsse, die am Mittwoch fielen, hätten meinen Vater treffen können, der sich gerne in den Clubs rund um den Heumarkt aufhält. Vor vier Monaten habe ich in Hanau meinen letzten Roman «Die Tüchtigen» vorgestellt – im Mai werde ich dort aus meinem neuen Buch «Die Tote von Sant Andreu»* lesen. Es erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die zum Dschihadismus konvertiert und später einen Anschlag auf die U-Bahn von Barcelona verübt. Bei der Vorstellung, in drei Monaten in Hanau zu sein und aus dem Buch vorzulesen, bekomme ich eine schmerzhafte Gänsehaut.

Die Schüsse haben die Stadt und ihre Bewohner für immer verändert. Hanau wird nie mehr ohne sie zu denken sein.

Trotzdem war dieser Ort immer mehr als das. Hanau gehörte zur amerikanischen Besatzungszone und wurde zu einem der grössten Stützpunkte der US-Army in Europa. Denke ich an dieses Sechzigerjahre-Hanau zurück, so rollen in meiner Erinnerung riesige, bonbonfarbene Cadillacs oder Buicks durch Hanaus sommerliche Strassen, sitzen farbige GIs vor der damals legendären Milchbar am Freiheitsplatz in der Sonne – und rauchen filterlose Camel, deren würziger Geruch meine Erinnerungen erfüllt. Und aus den Lautsprechern der Bar erklingen Soundfetzen von Petula Clarkes berühmten Hit «Downtown».

Hanau war Garnisonsstadt – und zu meinen besten Freunden zählten, neben den Kindern der ersten spanischen Einwanderer-Generation, junge Schwarze, Raimund und James, die mir von ihrem Vater Zimtkaugummis und meine ersten Barry-White-Platten aus der nur für Angehörige der Streitkräfte zugänglichen Post Exchange mitbringen liessen, – einer Konsumgüterversorgungskette des US-Verteidigungsministeriums mit eigenen Ladengeschäften, in denen es all das gab, was ich bis dahin nur aus den amerikanischen TV-Serien kannte: «Mini Max», «Bezaubernde Jeanie» oder «Westlich von Santa Fé».

Ich fühlte mich zuhause in diesem Hanau, denn es war schon damals multi-kulturell. In den Bars am Hauptbahnhof traten Jazz-Bands auf, im Sommer fand im Lamboy-Wald das «Deutsch- Amerikanische Freundschaftsfest» statt – und wenn man raus nach Wolfgang, in Richtung Gelnhausen fuhr, kam man an den imposanten, weitläufigen Baseball-Feldern vorbei. Ich weiss noch, wie ich damals fasziniert davon jedes Mal meine Nase gegen die Seitenscheibe des roten Opel Rekord drückten, den mein Vater fuhr.

Hanau geliebt

Später, als Gymnasiast, führte mein Schulweg aus der City zurück nach Kesselstadt über den Heumarkt durch die Krämerstrasse, in der sich damals all die Nachtclubs befanden, die Up Town Bar, Downtown und das VATT 69 – und in der Tobias Rathjen mittwochnachts seine ersten Schüsse abgab.

Ich war damals magisch angezogen von dem, was sich hinter den Clubmauern abspielte, stellte mir wer weiss was vor. Ich habe dieses Hanau – gegen alle bis heute bestehenden anderen Vorbehalte – geliebt. Denn es lieferte mir früh eine Vorstellung davon, was es heisst und welche Bereicherung es sein kann, Seite an Seite mit anderen Kulturen zu leben. Bei den Spaniern in der Mittelstrasse in Kesselstadt ass ich das erste Mal gebratenen Tintenfisch in Knoblauch, hörte ich Julio Iglesias’ frühe Hits – und verliebte mich als 10-Jähriger in die feurige, sechs Jahre ältere Lourdes aus Vigo.

Hanau war immer eine Stadt mit hohem Ausländeranteil. Schon damals. Und auch wenn ich später vieles, was die nachkommenden Stadtplaner mit ihren Modernisierungsvorhaben in der alten, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Goldschmiedestadt anrichteten, nicht mehr gutheissen konnte; ich habe Hanau – zu dem ich bis heute ein zwiespältiges Verhältnis aufgrund meiner dort höchst kompliziert verlaufenen Biografie habe – stets dafür bewundert, wie selbstverständlich es dieser Stadt durch die Jahrzehnte hindurch gelang, die inneren, dort herrschenden kulturellen Widersprüche dauerhaft in einer gut funktionierenden Co-Existenz-Gesellschaft zu integrieren. Und für sich Gewinn aus dem Vorhandensein all der dort neben- und miteinander lebenden Kulturen zu ziehen.

Napoleons Spuren

Hanau war bunt – und muss es bleiben! Im 19. Jahrhundert war der Ort ein Zentrum der demokratischen Bewegung in Deutschland - und schon ab 1604 gab es dort eine jüdische Gemeinde. Und selbst Napoleon hinterliess mit der Schlacht bei Hanau 1813 seine Spuren. Schon immer herrschte in der Stadt am Main ein freiheitlich-demokratisches Denken, das auch die Schüsse des paranoiden Irrläufers Rathjen nicht unterminieren werden. Er hat die Stadt schwer getroffen, doch sie wird nicht wanken – sondern sich auf ihre gemeinsamen Stärken besinnen, die allem voran in ihrer kulturellen Vielfalt liegt! Denn wer vor Leuten wie Rathjen zurückweicht, hat verloren.

Darüberhinaus haben uns die Schüsse von Hanau das Soziogramm einer Stadt im Internet-Orbit geliefert, in dem uns dieser Fall einmal mehr schmerzlich vor Augen geführt hat, wie sehr die Gewalt längst machbar – und in unserer gesellschaftlichen Mitte angekommen ist: politisch motiviert – oder auch nur wie jetzt durch einen paranoiden Irrläufer blutig vom Zaun gebrochen, der uns mit seiner bestialischen Tat gleichsam ungewollt daran erinnert, dass der Kampf für ein freies, in Co-Existenz und kultureller Vielfalt verlaufendes gemeinsamen Leben nie zu Ende sein darf.

Nicht in Hanau. Und auch sonst nirgends! Schlagworte wie «Rechter Terror» und «Rassismus» machen wieder allerorts die Runde. Dabei kann es schon morgen der nächste nette Mann von neben an sein, der seine Walther PPK entsichert und auf uns richtet, um seinen kruden fremdenfeindlichen Reinheitsfantasien in Blut geschrieben Ausdruck zu verleihen. Einer, der nirgends zu Hause ist. Und darum das Internet zu seiner schwarzen Heimat gemacht hat – wo Verschwörungstheorien wabern, Freikorps fröhlich Urständ feiern und der Islamische Staat sich mit Reichsbürgern vermählt. Ja, die Internet-Soldaten marschieren. Und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist weiss Gott beträchtlich. In Hanau hat sie sich einmal mehr auf bestialische Weise gezeigt – hinterhältig und feige. Und sehr wahrscheinlich ist das Hanau von heute nur das Heilbronn oder Duisburg von morgen.

Doch es werden einzelne bleiben, die uns zu treffen versuchen. Verirrte, paranoide Wirrköpfe, die das Schöne, Grossartige und Schützenswerte unserer Existenz aus den Augen verloren haben. Die bloss noch schwarz – oder Blut sehen. In Hanau und anderswo. Widerstehen, trotzen wir ihnen. Mit allem, was wir haben. Denn zusammen genommen, ist das – gerade in interkultureller Vereinigung gesehen - eine ganze Menge!

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