Kommentar

So überstehen wir den Corona-Marathon kaum: Mangelnde Datenlage beim Bundesamt für Gesundheit

BAG-Chef Pascal Strupler und Daniel Koch, der Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten, an einem Medientermin in Bern.

BAG-Chef Pascal Strupler und Daniel Koch, der Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten, an einem Medientermin in Bern.

Im Kampf gegen Corona fehlen in der Schweiz wichtige Kennzahlen wie beispielsweise die Anzahl der hospitalisierten Covid-19-Patienten. Das federführende Bundesamt für Gesundheit (BAG) macht dabei keine gute Figur.

«Das ist ein Marathon und kein Sprint»: Mit diesen Worten macht Gesundheitsminister Alain Berset der Bevölkerung immer wieder klar, dass der Kampf gegen das Coronavirus mehr ist als eine kurze Pause im Alltagstrott. Die Einschränkungen dürften noch länger in Kraft bleiben. Sie sind nötig: Es gilt, den Kollaps des Gesundheitswesens zu verhindern, Menschenleben zu retten.

Wenn eine Regierung in einem demokratischen Rechtsstaat über Wochen, wenn nicht Monate, dermassen weitreichende Massnahmen ergreift – Grundrechte einschränkt, Betriebe zwangsschliesst – muss sie die Gründe aber nachvollziehbar darlegen. Die Bevölkerung muss aktuell und umfassend über die Verbreitung der Krankheit informiert werden. Nur, wenn sie die Entscheidungsgrundlage der Regierung kennt, wird sie den Marathon mitlaufen.

Leider macht das federführende Bundesamt für Gesundheit (BAG) keine gute Figur. Die Gesamtschau über die Fallzahlen aus den Kantonen erfolgt verzögert – und unvollständig. Wichtige Kennzahlen wie die Anzahl der hospitalisierten Covid-19-Patienten fehlen ganz, ebenso Angaben über die Kapazitäten der Intensivstationen oder Wiedergenesene.

Gemäss dem BAG sind das dezentrale Gesundheitswesen, der Datenschutz und die sich rasch verändernde Situation dafür verantwortlich. Das ist unglaubwürdig: Ein Doktorand der Uni Bern hat in kurzer Zeit eine Website programmiert, die umfassendere Daten liefert als der Bund. Ein Blick ins Nachbarland Italien zeigt, wie wichtig es in einer aussergewöhnlichen Krisensituation ist, der Öffentlichkeit umfassende Zahlen zu liefern: Die ganze Nation sitzt gebannt vor dem Fernseher, wenn der Chef des Zivilschutzes allabendlich die Fallzahlen vermeldet – und wenn er, um Mut zu spenden, mit den Wiedergenesenen beginnt.

Auch wenn niemand mit Sicherheit sagen kann, wie lange der Marathon noch dauert: Die Behörden müssen wenigstens die Pulsuhr reparieren und umfassende Daten liefern. So kann die Bevölkerung ihre Kräfte einteilen, damit wir alle gemeinsam die Ziellinie erreichen.

Die Schweiz steht still

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