Seit exakt 100 Tagen ist Guy Parmelin, Ex-Weinbauer und Ex-Verteidigungsminister aus Bursins (VD), Bildungsminister der Schweiz. Er hat diesen Wechsel anlässlich der Departementsverteilung vom 10. Dezember 2018 gezielt angestrebt. Also, natürlich wollte er nicht Bildungsminister werden, sondern Wirtschaftsminister.

Dummerweise hängt an diesem Wirtschaftsdepartement quasi als Anhängsel noch das Bildungsdepartement dran. Als ob Bildung einzig dazu da wäre, junge Leute nach den Bedürfnissen der Wirtschaft zurechtzuschneiden. Eigentlich war es ja anders angedacht. Viele hofften bei der Departementsreorganisation, die auf Anfang 2013 in Kraft trat, die Schweiz bekomme endlich ein selbstständiges Bildungsministerium, so wie es die meisten europäischen Länder kennen.

Aber irgendwie reichte die Zahl 7 an Regierungsmitgliedern dafür nicht aus. Erster Bildungs-Wirtschafts-Minister war der Langenthaler Unternehmer Johann Schneider-Ammann. Er hat sich wenigstens ehr- und redlich darum bemüht, die Berufsbildung zu fördern und unser duales Modell im Ausland als das absolut beste anzupreisen. Aber Bildung ist nicht nur Berufsbildung.

Und jetzt also Guy Parmelin. Interessiert ihn das Bildungswesen? Welche Ziele hat er? Affinitäten von ihm zu diesem Thema sind nicht bekannt. Okay, es sind erst 100 Tage. Zudem muss sich auch seine rechte Bildungshand erst einarbeiten: Martina Hirayama, Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation, ist auch erst seit 100 Tagen im Amt.

Trotzdem. Wir möchten gern gelegentlich wissen, wie es weitergeht. Viele meinen, das Bildungswesen sei Sache der Kantone. Aber das stimmt nicht. Jedenfalls nicht nur. Die heutigen Herausforderungen sind zu gross, als dass man sie mit 26 Kleinstsystemen zukunftstauglich lösen könnte.

Fehlende Chancengleichheit

Der Schweizer Wissenschaftsrat, ein 15-köpfiges Gremium, das den Bundesrat in Wissenschafts- und Bildungsfragen berät, hat einige der Bau- beziehungsweise Schwachstellen des schweizerischen Bildungssystems schonungslos benannt. Die grösste: fehlende Chancengerechtigkeit. Im Fachjargon: «soziale Selektivität».

Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten, vor allem solche mit Migrationshintergrund, haben es, unabhängig von ihrem Leistungs- und Intelligenzniveau, viel schwerer, zu einer höheren Bildung zu gelangen als Jugendliche aus privilegierten Schichten. Noch immer gilt also: Herkunft bestimmt Zukunft.

Oder: Wer unten ist, bleibt unten. Auch wenn er/sie durchaus das Zeug für «oben» hätte. Dieses Phänomen schadet nicht nur den einzelnen Jugendlichen, sondern auch dem Land und seiner Wirtschaft. Die Digitalisierung hat zudem das Potenzial, die Zweiklassengesellschaft noch zu verstärken.

Der Wissenschaftsrat stellt auch einige Nebendiagnosen, die mit der Hauptdiagnose durchaus verwandt sind. Zum Beispiel: Die frühkindliche Förderung steckt im Vergleich mit dem Ausland noch in den Kinderschuhen. Oder: Die Selektion in Leistungszüge erfolgt oft zu früh, was wiederum schwächere Jugendliche benachteiligt. Der Wissenschaftsrat versteht übrigens unter «höherer Bildung» nicht einseitig die Universität.

Er verweist auch auf die vielen neuen Möglichkeiten, die sich im Bereich der tertiären Berufsbildung aufgetan haben. Interessant auch diese Mängelrüge: Bund und Kantone arbeiten im Bereich der Bildung zu wenig zusammen.

Alles bekannt, nichts geht

Kommt Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dieser Strauss von Diagnosen nicht bekannt vor? Mir auch. Tatsächlich: Die genannten Schwachstellen sind seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten bekannt. Doch wer arbeitet eigentlich an ihrer Behebung? Die Kantone haben alle Hände voll zu tun mit der Organisation und der «Ressourcierung» der Schule. Doch Bildung ist nicht nur Schule.

Wer entwickelt in diesem Land die Vision eines zukunftstauglichen lebenslangen Lernens für alle Schichten der Bevölkerung und sorgt dafür, dass aus der Vision Realität wird? Das kann nur der Bund. Die Kantone sind damit überfordert. Damit sind wir zurück bei Herrn Parmelin. Sieht er das? Kann er das? Der Wissenschaftsrat ist wie erwähnt ein Beratergremium des Bundesrates. Die Defizite wurden also auf der richtigen Ebene erkannt und benannt.

Und jetzt? Geht etwas? Natürlich, Herr Parmelin ist nicht allein. Mais: tel le chef, tel la troupe. Gefragt ist/wäre in den nächsten Jahren eine starke Führungspersönlichkeit an der Spitze des Schweizer Bildungswesens. Ist das Guy Parmelin? Oder kommen wir im Vergleich zur Ära Schneider-Ammann vom Regen in die Traufe?