Kommentar

Ohne Kultur verkümmern wir

Hansruedi Kugler

Hansruedi Kugler

Netflix kann kein Kino, eine CD kein Konzert ersetzen. Kultur braucht Zuschauer und Zuhörer. Und diese brauchen Livemomente.

Mag ja sein, dass die vielen Netflix-Serienfreaks nur mit einem spöttischen Achselzucken reagieren. Geschlossene Theater, abgesagte Konzerte und Lesungen, gestrichene Festivals – diese Sofa-Kulturkonsumenten stört das wohl kaum. Ist ja alles bequem zu Hause verfügbar.

Danke, schöne neue digitale Welt! Das ist natürlich ein zynisches Dankeschön. Aber das Grounding der öffentlicher Kultur stellt uns eben doch eine delikate Frage: Braucht Kultur überhaupt eine Öffentlichkeit?

Theater, Oper und Konzerte via Streaming am Laptop; Lesungen als Retorten nur noch auf Youtube. Meine Erfahrung sagt mir: Das ist alles ein fader Abklatsch des Liveerlebnisses. Meine DVD-Sammlung mit Theaterinszenierungen setzt schon arg Staub an.

Schon klar: Kulturelle Nahrung für den eigenen Geist und die eigene Seelenverfassung kann man sich auch zu Hause gönnen: mit Büchern, Filmen, Hörspielen. Im Wochenendbund dieser Ausgabe hält die Kulturredaktion dazu auch ein paar wunderbare Vorschläge bereit.

Aber ich bin überzeugt, dass sehr bald die Sehnsucht nach Livemomenten anwachsen wird. Was wir vermissen werden? Das Treffen mit Freunden; die Plauderei mit der Zufalls-Sitznachbarin im Theater, im Konzert oder an der Lesung; nicht zuletzt das demokratische Echo des Klatschens, Buh- oder Bravo-­Rufens.

Wir sind eben doch im Herzen soziale und gesellschaftliche Wesen. Deshalb sind soziale Livemomente unersetzlich. Sie tragen jenen zivilisatorischen Mehrwert an Respekt in sich, der der Kommunikation in den sogenannt «sozialen» Medien abgeht, welche sich zunehmend auf das simple Liken, Verspotten oder Beschimpfen, auf Selbstgefälligkeit und Rechthaberei reduziert hat.

Es braucht nun jedoch das beherzte, entschlossene Reagieren der Politik: Vor allem die freien Kulturschaffenden, von Schriftstellerinnen und Poetry Slammern bis zu freien Theatergruppen, zum Zirkus und Musikerinnen sowie den Veranstaltern und Technikzulieferern müssen mit Überbrückungsmassnahmen vor dem Kollaps bewahrt werden.

Da­mit wir kulturell und sozial nicht vertrocknen und vereinzeln. Spätestens im Sommer freue ich mich auf Sie, liebe Kulturfreunde, als Sitznachbarn.

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